Fachforum „Gemeinschaftliches Wohnen für Familien – Zukunft des Zusammenlebens?“ am 11. Mai 2021

Berlin, 11.05.2021 | Etwa 45 Teilnehmende aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie kamen am 11. Mai 2021 digital zum dritten und letzten Fachforum der Themenperiode „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ zusammen. Das Thema lautete: „Gemeinschaftliches Wohnen für Familien – Zukunft des Zusammenlebens?“

Einführend eröffnet wurde das Fachforum von konkreten Einblicken in die Lebensrealitäten von Familien in drei gemeinschaftlichen Wohnprojekten. Den Impulsvortrag hielt im Anschluss Dr. Martina Heitkötter (Deutsches Jugendinstitut) mit aktuellen Forschungsergebnissen zu Familien in gemeinschaftlichen Wohnprojekten. Im Anschluss gaben Expert*innen aus ihren Perspektiven Antworten auf die Frage: Welche Rahmenbedingungen fördern gemeinschaftliches Wohnen für Familien?

Gemeinschaftliches Wohnen in der Praxis: Berichte aus Baden-Württemberg, Brandenburg und Sachsen

Agnes Schuster berichtete von der Gemeinschaft Tempelhof, ein Ökodorf im ländlichen Baden-Württemberg, wo auf 30 ha Land 2010 ein basisdemokratisches und ökologisch nachhaltiges Wohnprojekt entstanden ist, in dem mittlerweile ca. 150 Personen (etwa 100 Erwachsene und 50 Kinder) gemeinschaftlich leben und arbeiten. Der großzügig vorhandene Raum in den Bestandsgebäuden bietet zahlreiche Möglichkeiten: Neben den Wohnflächen gibt es u.a. einen Waldkindergarten, eine freie weiterführende Schule, Seminarräume, Großküchen, Werkstätten, einen Hofladen und ein Café sowie eine Mehrzweckhalle mit Bühne, außerdem 26 ha Agrarland, welches von der Gemeinschaft bewirtschaftet wird. Die Gemeinschaft verfügt zudem über Bauland in Reserve. Agnes Schuster beschrieb, wie Mehrgenerationenwohnen und Gemeinschaft in Tempelhof funktioniere: jede*r Bewohner*in verfüge über ein Wohnrecht auf Lebenszeit, jedoch nicht über ein Anrecht auf bestimmte Räume. So könne sich das „Wohnkarussell“ in der Gemeinschaft drehen und neue bedarfsgerechte Lösungen mit Unterstützung anderer Menschen aus der Dorfgemeinschaft, die bereit sind, sich zu verändern, gefunden werden, wenn sich im Lebenslauf und durch familiäre Veränderungen, insbesondere durch Trennungen, andere Wohnbedürfnisse ergäben. Als Mehrgenerationenprojekt sei in letzter Zeit zudem des Öfteren das Thema „Heimathafen“ für junge Erwachsene aufgekommen: wenn junge Erwachsene das Elternhaus in Tempelhof verließen und die Eltern sich in dem Zuge räumlich verkleinerten, fehle ein Ort für die erwachsenen Kinder, an den sie für Besuche heimkehren könnten. Um dieses Problem anzugehen, hätte eine Gruppe von jungen Erwachsenen eine eigene Genossenschaft gegründet, um auf dem Gelände „Wohnboxen“ für Besuche zu errichten. Insgesamt sei die in Tempelhof praktizierte Konsenskultur, achtsame Kommunikation und eine Verpflichtung aller Bewohner:innen, in den sozialen Räumen präsent zu sein, für diese Prozesse sehr wichtig.

Danach gab Teena Ihmels Einblicke in das gemeinschaftliche Wohnprojekt Schöner Hausen in Leipzig, ein Komplex aus 4 Gründerzeitbauten, wo nach zwei Jahren selbstorganisierter und gemeinschaftlicher Sanierung seit 2017 80 Personen zwischen 0 und 65 Jahren leben. Die Häuser wurden von einer Stiftung erworben und der Projektgruppe über einen Erbbaurechtsvertrag zur Nutzung überlassen, außerdem ist das Projekt Teil des Mietshäusersyndikats. Ihmels hob hervor, dass die langfristige Wohnperspektive, der günstige Wohnraum, die geteilten Gemeinschaftsflächen sowie die Unterstützungsstrukturen in der Care-Arbeit, die sich im Kollektiv ergäben, große Anziehungskraft auf Familien hätten. Sie unterstrich, dass sehr viele Einelternfamilien Teil des Projekts seien, und es auch weiterhin viele Anfragen von Alleinerziehenden gebe, die besonders viel von der Gemeinschaft und der gegenseitigen Unterstützung profitierten. Sie berichtete außerdem, dass das Projekt mit teils sehr großen Gemeinschaftswohnungen mit vielen Kindern gestartet sei und es dann insgesamt eine Verkleinerungstendenz innerhalb der Wohneinheiten gegeben habe, da das Bedürfnis nach Rückzugsräumen gerade auch in der Gemeinschaft bedeutsam sei. Dennoch stünden offene Türen und Gemeinschaft nach wie vor im Fokus der Projektgruppe.

Das genossenschaftliche Wohnprojekt Uferwerk Werder in Nähe von Potsdam wurde von Dr. Wenke Wegner vorgestellt: hier leben seit 2017 ca. 100 Erwachsene und 65 Kinder in einem nachhaltigen Mehrgenerationenwohnprojekt auf einem Ufergrundstück. Wegner berichtete von vielen Vorteile des Wohnens im Uferwerk für Familien: das großzügige Außengelände mit vielen anderen Kindern böten eine abenteuerliche und dennoch sichere Spielumgebung, Kinder wüchsen mit vielfältige Bezugspersonen auf und erlernten im Projekt viele Kompetenzen, nach Trennungen könnten beide Elternteile durch Wohnungstausche vor Ort bleiben und die Gemeinschaft unterstütze sich gegenseitig in den Care-Aufgaben. Das Thema Care habe im Uferwerk eine besondere Relevanz, da es als explizites Mehrgenerationenprojekt viele ältere Bewohner*innen gebe. Teils fungierten diese als „Ersatz-Großeltern“, gleichzeitig würden die Unterstützungs- und Pflegebedarfe der älteren Uferwerk-Genoss*innen in den nächsten Jahren immer weiter zunehmen. Auch wies Wegner auf einige Herausforderungen hin, die es für Familien im Uferwerk gebe: so sei es sehr schwierig, mal als Familie „unter sich“ zu bleiben und man müsse sich intensiv mit den teils divergierenden Erziehungsstilen der anderen Familien auseinandersetzen, weil man so eng zusammenlebe. Auch käme es durchaus zu Interessenskonflikten in der Gemeinschaft, z.B. bzgl. der Nutzung des Außengeländes – diese Konflikte gelte es dann möglichst unter Einbeziehung aller Stimmen im Gruppenprozess zu lösen.

Impulsvortrag: Familien in gemeinschaftlichen Wohnformen – Unterstützungsnetzwerke und „atmende Lebensräume“

Dr. Martina Heitkötter (Deutsches Jugendinstitut) präsentierte in ihrem Impulsvortrag ausgewählte Ergebnisse des zweijährigen Forschungsprojektes Familien in gemeinschaftlichen Wohnformen (FageWo), das das DJI in Kooperation mit Architekt*innen der Hochschule Karlsruhe durchgeführt und das Familien in gemeinschaftlichen Wohnprojekten in ganz Deutschland untersucht hat. Zunächst unterstrich Heitkötter die gesellschaftliche Relevanz des gemeinschaftlichen Wohnens, welches letztlich als Suche nach Antworten auf verschiedene gesamtgesellschaftliche Fragen unserer Zeit zu verstehen sei. Gemeinschaftliche Wohnprojekte reagierten auf gesellschaftliche Herausforderungen und könnten gleichzeitig innovative Lösungsansätze für den demografischen Wandel, ökologische Herausforderungen und Klimawandel, die Wohnungskrise und ungleiche Verteilung von Wohnraum und nicht zuletzt auch für die Care-Krise hervorbringen. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt FageWo ist u.a. den Fragen nachgegangen, wie eine gegenseitige Unterstützung im Alltag in gemeinschaftlichen Wohnprojekten gelebt wird, inwiefern sozial- und wohnräumliche Bedarfe, die durch familiäre Lebensveränderungen entstehen, in gemeinschaftlichen Wohnprojekte befriedigt werden können, und welche spezifischen Anforderungen das Leben in Gemeinschaft für Familien birgt.

Gemeinschaftliche Wohnformen ließen netzwerkartige Strukturen der Unterstützung für Bewohner*innen entstehen, sei es praktischer, emotionaler, finanzieller, informationeller Art, führte Heitkötter aus. So würden vor allem neue Ideen geteilt, verschiedenste Hilfeleistungen in der Bewältigung des Alltags gegeben oder auch Trost und Aufmunterung gespendet, sowohl innerhalb als auch zwischen den Generationen und Lebensformen. Familien geben an, dass Familie und Beruf in gemeinschaftlichen Wohnprojekten insgesamt leichter zu vereinbaren seien. Ebenso bietet das Umfeld ein besonderes Umfeld für das Aufwachsen von Kindern: sie erfahren unterschiedliche Lebensformen und Lebensmodelle, bewegen sich meist in altersgemischten Gruppen und haben unterschiedliche erwachsene Bezugspersonen. Die Unterstützungsnetzwerke und sozialen Bezüge, die in gemeinschaftlichen Wohnformen entstehen, werden von vielen Bewohner*innen als erweiterter Familienkreis erlebt, auch wenn die Kleinfamilie nach wie vor meist zentraler Bezugsrahmen bleibt. Gemeinschaftlich genutzte Räume und Freiflächen erweiterten zudem den Wohnraum, den die Familie für sich zur Verfügung habe. Darüber hinaus entlasteten weitere Sharing-Angebote, wie Kleidertausch, Lebensmittelläden, Car-Sharing etc. Familien. Auch finanziell fühlen sich weniger Familien in gemeinschaftlichen Wohnformen von den Wohnkosten belastet, gleichzeitig haben sie aufgrund gemeinschaftlicher Eigentumsverhältnisse häufig eine sicherere Wohnperspektive. Gleichzeitig sind knapp ein Fünftel der Wohnungen in den Befragten Gemeinschaftsprojekten Sozialwohnungen und bieten auch unteren Einkommensschichten Zugang zu dieser Wohnform. Vielfach können gemeinschaftliche Wohnprojekte auf verändernde Familienverhältnisse flexibel reagieren, indem z.B. Wohnungen getauscht, Übergangslösungen gefunden oder maßgeschneiderte Wohnarrangements kreiert werden. Dadurch werden trotz Veränderungen kontinuierliche Wohnbiographien in den Projekten möglich, wenn gewünscht.

Heitkötter betonte, dass es neben diesen positiven Aspekten es auch spezifische Herausforderungen gibt, denen Familien in gemeinschaftlichen Wohnformen ausgesetzt sind. Wohnen in Gemeinschaft erfordert ein gewisses Zeitpensum um sich für die Gemeinschaft und das Projekt zu engagieren, dies kann zu Konflikten im Familienalltag oder/und Berufsalltag führen. Zudem können andauernde interne Konflikte innerhalb der Gemeinschaft die Familien belasten. Die teils schwierige Abgrenzung zwischen Privat und Gemeinschaft kann ebenfalls Schwierigkeiten für das Familienleben bergen. Vielfach haben diese Projekte daher unterstützende Formen der Konfliktbegleitung und der Kompetenzschulung etabliert.

Heitkötter hob hervor, dass gemeinschaftliche Wohnformen neben dem direkten Mehrwert für die Bewohner*innen auch einen gesellschaftlichen Mehrwert hätten, indem sie Lernorte für Demokratie, solidarisches Handeln, Energiekonzepte etc. seien. Ebenfalls stärkten sie soziale Kohäsion. Familien brauchen die Qualitäten des Gemeinschaftlichen. In einer nachhaltigen Familienpolitik der Zukunft sollte daher der Dreiklang „Zeit, Geld, Infrastruktur“ durch Gemeinschaft ergänzt werden.

Bildschirmpräsentation von Martina Heitkötter (DJI) zum Download

Im Gespräch mit Expert:innen: „Welche Rahmenbedingungen fördern gemeinschaftliches Wohnen für Familien?“

Den Abschluss des Fachforums bildete eine spannende Runde mit Expert:innen aus Verwaltung und Praxis, die aus ihren verschiedenen Perspektiven diskutierten, welche Rahmenbedingungen gemeinschaftliches Wohnen für Familien förderten.

Axel Burkhardt, Beauftragter für Wohnen und barrierefreies Bauen der Stadt Tübingen unterstrich, dass das gemeinschaftliche Wohnen für viele Familien eine attraktive Alternative zum konventionellen Wohnen darstelle, es jedoch zahlreiche Hürden für sie gebe. Zeitliche Ressourcen, die es brauche, um ein gemeinschaftliches Wohnprojekt zu gründen oder zu finden, sei bei Familien mit kleinen Kindern notorisch knapp. Gleichzeitig stünden, insbesondere in den Innenstädten, nicht genügend bezahlbare Gebäude oder Grundstücke für solch eine Nutzung zur Verfügung. Gemeinden wie Tübingen, die das gemeinschaftliche Wohnen von kommunaler Seite aus fördern wollten, könnten dies bspw. durch eine entsprechende Konzeptvergabe von Grundstücken, mit Beratung und Projektsteuerung bei der Gründung. Zudem könnte der rechtliche Rahmen vereinfacht werden, z.B. durch das Vorhalten einer kommunalen Dachgenossenschaft.

Gabriele Schmitz, Geschäftsführerin des Berliner Beirats für Familienfragen, berichtete von Dialogforen, die der Beirat 2017 mit Berliner Familien zum ihren Wünschen beim Thema Wohnen durchgeführt habe. Hier habe Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum für alle an erster Stelle gestanden, ebenso wie der verwandte Wunsch, nicht aus der gewohnten Umgebung verdrängt zu werden. Ebenso hätten Familien den Wunsch nach mehr gemeinnützigen Wohnungen geäußert, zum Beispiel bei öffentlichen Wohnbaugesellschaften und in -genossenschaften. Auch gebe es großes Interesse für größere Familienwohnungen, altersgerechten / barrierefreien Wohnraum sowie Mehrgenerationenwohnprojekte. Für das Wohnumfeld wünschten sich die befragten Familien eine gute Durchmischung und nachbarschaftliches Miteinander ebenso wie gute ÖPNV-Anbindung und ein sicheres Radwegenetz.

Bildschirmpräsentation von Gabriele Schmitz (Berliner Beirat für Familienfragen) zum Download

Constance Cremer, Geschäftsführerin von STATTBAU Berlin, führte aus, dass die STATTBAU unter anderem als Netzwerkagentur für das Land Berlin fungiere und in dieser Funktion gemeinschaftliche und generationsübergreifende Wohnprojekte berate, unterstütze, vernetze und vermittle. Sie unterstrich, dass für Familien die Bezahlbarkeit von Wohnraum oberste Priorität habe und es somit unverzichtbar sei, politisch wieder mehr auf die Gemeinwohlorientierung in der Wohnungswirtschaft zu setzen. Außerdem seien Mitgestaltungsmöglichkeiten wichtig, damit Familien ihre Bedarfe schon in frühen Phasen von Bauplanungen miteinbringen könnten. Neue bedarfsgerechte Typologien wie Cluster-Wohnungen oder gestapelte Einfamilienhäuser in der Innenstadt erwähnte Cremer ebenso wie die wichtige Rolle, die für Familien die Gemeinschaft im Wohnen einnehme. Dies trifft insbesondere auf Unterstützungsstrukturen, gute Nachbarschaft und gemeinschaftlich nutzbare Flächen und Räumen zu.

Bildschirmpräsentation von Constance Cremer (STATTBAU Berlin) zum Download

Irene Mohr, regionale Ansprechperson der Stiftung trias für Berlin und Brandenburg, erläuterte wie die Stiftung viele gemeinschaftliche bzw. genossenschaftliche Wohnprojekte finanziere und somit dazu beitrage, dass Grund und Boden Gemeingut würden und blieben. Die Stiftung trias erwerbe und entziehe Grundstücke der Spekulation und führe sie mittels Erbbaurecht dauerhaft einer sozialen und ökologischen Nutzung zu. Damit ermögliche und sichere die Stiftung innovative Projekte des Wohnens und Arbeitens in der Stadt und auf dem Land. In den drei Handlungsfeldern Ökologie, Boden und Wohnen schaffe die Stiftung Freiräume.

Bildschirmpräsentation von Irene Mohr (Stiftung trias) zum Download

Sabine Seitz, Referentin für Neue Wohnformen der GAG Immobilien AG aus Köln, stellte dar, wie die GAG als konventionelle Wohnungsbaugesellschaft das gemeinschaftliche Wohnen für sich entdeckt habe und zunehmend umsetze. So sagte sie, dass Grundrisse flexibler gestaltet werden müssten, um der Lebenslaufentwicklung von Familien gerecht zu werden. Ebenso würden immer häufiger Gemeinschaftsflächen beim Neubau mit geplant, sodass die Mietbelastung von Familien geringer sei und Räume und Freiflächen gemeinsam genutzt werden könnten. Die Zukunft des Wohnens liege in einer Vielfalt von Wohnformen in einem Quartier um für eine gute Durchmischung zu sorgen.

Fachforum „Gutes Wohnen für Familien – eine Aufgabe für Staat und Zivilgesellschaft“ am 18. März 2021

Berlin, 18.03.2021 | Knapp 50 Teilnehmende aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie kamen am 18. März 2021 digital zum zweiten Fachforum der Themenperiode „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ zusammen. Im Fokus diesmal: „Gutes Wohnen für Familien – eine Aufgabe für Staat und Zivilgesellschaft“. Die Wohnungsnot von Familien, vor allem ausgelöst durch steigende Mieten und Immobilienpreise, ist ein akutes Thema. Die Verdrängung aus einzelnen Stadtvierteln ist für Familien oft besonders problematisch: Unter anderem sind sie auf eine gewisse Infrastruktur angewiesen und sie werden aus ihrem sozialen Umfeld herausgeholt. Gleichzeitig verbleiben ältere Menschen häufig in ihren angestammten, aber ungeeigneten Wohnungen, weil ein Umzug und die meist höhere Miete für eine kleinere Wohnung für sie nicht finanzierbar sind. Da der soziale Status und gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten unter anderem davon abhängt, wo und wie wir wohnen, wird (gutes) Wohnen oft als Grundrecht verstanden. Aber was heißt das konkret? Welche Herausforderungen haben Familien in verschiedenen Lebensphasen auf dem Wohnungsmarkt? Welche Rollen können Staat und Zivilgesellschaft bei der Lösung dieser Probleme spielen? Das grundlegende Ziel des Fachforums war es, zu erörtern, welche Rahmenbedingungen es braucht, um adäquaten und bedarfsgerechten Wohnraum für alle Familien zu sichern. Nach einem einleitenden Impulsvortrag hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit mit Expert:innen in Break-Out-Rooms zu drei unterschiedlichen Schwerpunktthemen ins Gespräch zu kommen.

Impulsvortrag „Wie stellt sich die aktuelle wohnungspolitische Lage von Familien dar?“

Zu Beginn des Fachforums führte Dr. Gerd Kuhn (urbi-et, Tübingen) in seinem Impuls in die aktuelle wohnungspolitische Lage von Familien ein. Er unterstrich, dass Familien momentan – vom Baukindergeld einmal abgesehen – viel zu wenig Relevanz in wohnungspolitischen Debatten hätten und diesbezüglich unbedingt ein Paradigmenwechsel stattfinden müsse. Einerseits müsse die Quantität von verfügbarem und bezahlbarem Wohnraum für Familien deutlich erhöht werden, andererseits müsse ein Augenmerk auf die Qualität gelegt werden, sodass nicht nur irgendein Wohnraum, sondern vor allem auch mehr familiengerechter Wohnraum entstehen bzw. erhalten bleiben könne. In einem historischen Abriss erläuterte Kuhn, wie in den 1950er und 1960er Jahren Wohnungspolitik ein wichtiger Teil von Familienpolitik gewesen sei: in den 1950ern noch durch die intensive Schaffung von sozialem Wohnungsbau, und ab den 1960ern zusätzlich mit einer Förderung von Eigentum und Eigenheimen für Familien. Während Familienpolitik heutzutage leider immer weniger den Wohnungsmarkt im Blick hätte, herrsche in den wohnungspolitischen Maßnahmen, die es in Bezug auf Familien gebe, vielfach das Familienbild der 1950er vor, z.B. würden multilokale Lebensformen nicht berücksichtigt. Insgesamt führe all dies zu einer Überbelegung von Wohnungen und einem „Lock-In-Effekt“, vor allem für junge Familien. Als enormes Problem skizzierte Kuhn die quantitative Versorgung mit sozialem Wohnungsbau, da jährlich deutlich mehr Sozialwohnungen aus der „Bindung fielen“ (ca. 43.000 Wohnungen) als nachgebaut werde (ca. 25.000 Wohnungen). Habe es in den 1980ern noch 4 Millionen und 2002 noch 2,47 Millionen Sozialwohnungen gegeben, seien dies 2020 nur noch 1,13 Millionen gewesen. Ideen, wie politisch aus der Wohnungskrise herauszufinden sei, gebe es mittlerweile einige, diese seien jedoch teils auch umstritten, weil sie oftmals den Interessen von Immobilienkonzernen zuwiderliefen. Kuhn erwähnte das Berliner Volksbegehren „Deutsche Wohnen und Co. Enteignen“, welches vorsehe, Konzerne mit über 3000 Wohneinheiten zu enteignen, den Berliner Mietendeckel, das Mietenstopp-Volksbegehren aus Bayern, Mietmoratorien ebenso wie Ansätze der „Neuen Gemeinnützigkeit“ sowie dem „Neuem Bodenrecht“.

Kuhn unterstrich weiterhin, dass neben dem quantitativen Mangel an bezahlbarem Wohnraum die qualitative Ausgestaltung des Familienwohnens defizitär sei; hier bedürfe es dringend wohnungspolitischer Korrekturen. Es sei dringend notwendig, die Förderkriterien an die sozialen Realitäten von Familien anzupassen und somit auch bei der qualitativen Ausrichtung die verschiedenen Familienformen und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse angemessen zu berücksichtigen, z.B. durch ein verstärktes Angebot von flexiblen Cluster-Wohnungen für Familien. Zudem müssten die Sozialbindungen langfristiger bzw. dauerhaft Bestand haben, um genügend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und zu halten. Kuhn gab einen umfassenden Einblick in die historische Entwicklung des Wohnungsbaus und die zunehmend weniger familienorientierte Wohnungsbaupolitik und machte deutlich, dass genau dies wieder verändert werden müsse: Familien müssten wieder viel stärker in den Fokus der Wohnungspolitik rücken – wenn dies auch in unterschiedliche lokale Handlungsansätze resultieren könnte, da die Herausforderungen sich teils auch regional stark unterschieden.

Bildschirmpräsentation „Wie stellt sich die aktuelle wohnungspolitische Lage von Familien dar?“ von Dr. Gerd Kuhn (zum Download)

Im direkten Anschluss wurde Kuhns Impulsvortrag durch Dr. Patricia Arndt aus der Ad-Hoc-AG im Bundesforum Familie kommentiert. Sie merkte an, dass während Wohnungs- und Familienpolitik in früheren Dekaden durchaus zusammen gedacht wurde, sich dies zunehmend auseinanderentwickelt habe, was es dringend zu ändern gelte – auch wenn Wohnen immerhin im 9. Familienbericht als Themenfeld erwähnt werde. Familien – in all ihrer Vielfalt und in Anbetracht des stetigen gesellschaftlichen Wandels – müssten wieder zentral in Wohnungs- und Baupolitik sowie schon in der Architekt:innenausbildung mitgedacht werden. Weiterhin gelte es, Familien nicht nur in einer Lebensphase, sondern über ihren gesamten Lebenszyklus in den Blick zu nehmen.

In der anschließenden Diskussion der Teilnehmenden im Plenum wurde unterstrichen, dass Wohnen weitaus mehr sei, als die Wohnung oder das Haus, in dem eine Familie wohne. Es sei vielmehr ein Netzwerk an Strukturen und Angeboten, die die Qualität des Wohnens fundamental bedingten – daher müsse die Diskussion um die qualitative Ausgestaltung von Wohn- und Sozialraum in den Quartieren verstärkt werden. Beispielsweise entstünden aufgrund von Multilokalität von Familien immer mehr Engpässe hinsichtlich der Care-Arbeit innerhalb der Familien, dies könne zumindest teilweise durch ein gutes nachbarschaftliches Netzwerk aufgefangen werden. Auch wurde gefordert, intensiver über Möglichkeiten nachzudenken, Mehrgenerationenwohnen sowie Wohnungstausch zu fördern, sodass Familien in den unterschiedlichen Lebenslaufzyklen adäquaten bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung hätten. Die Teilnehmenden fragten kritisch, warum immer weniger in sozialen Wohnungsbau investiert werde, wo doch gerade belastete Familien hiermit unterstützt würden.

Drei parallelstattfindende Expert:innengespräche

Familiengerechtes Wohnen – ein marktwirtschaftliche Perspektive
Prof. Dr. Michael Voigtländer, Leiter des Kompetenzfelds Finanzmärkte und Immobilienmärkte am Institut der deutschen Wirtschaft, vertiefte im ersten Expert:innengespräch die marktwirtschaftliche Perspektive auf Familien auf dem Wohnungsmarkt. Er legte dar, dass vor allem der Wohnungsneubau in den Städten gefördert werden müsse, um der Nachfrage gerecht zu werden sowie, dass Familien der Zugang zu Wohneigentum durch adäquate Förderungen und Instrumente erleichtert werden solle. Die Sozialpolitik müsse sich verstärkt an den sich wandelnden Bedürfnissen von Familien orientieren. Die Infrastruktur im Umland von Städten müsse ausgebaut werden, um die Attraktivität des ländlichen Raums für Familien zu vergrößern. Hierbei müsse sowohl die Infrastruktur vor Ort sowie die Anbindung an zentrale Knotenpunkte ausgebaut werden.

Angemerkt wurde u.a., dass das Baukindergeld zwar Wirkung zeige, jedoch mit 10 Mrd. Euro zu teuer sei. Gegebenenfalls könnten die Mittel mit anderen Maßnahmen zielgerichteter und effektiver ausgegeben werden. Seit 2010 sei ein starker Mietenanstieg zu verzeichnen, die Wohnkostenbelastung im Gegenzug bleibe zumindest dort relativ konstant, wo höhere Löhnen auf niedrige Bestandsmieten träfen – nicht jedoch bspw. bei ALG-2-Empfänger:innen. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass Sozialwohnungen ein gutes Mittel seien, um belastete Familien zu unterstützen. Derzeit seien diese jedoch häufig falsch belegt. Voigtländer schlug vor, Mietverträge in Sozialwohnung zu befristen und die Bedürftigkeit alle fünf Jahre zu prüfen, sodass der Zugang zu Sozialwohnungen zielgerichteter möglich sei. Ein weiteres Problem, welches den Wohnungsmangel vor allem in Städten verstärke, sei die Nutzung von Wohnungen als Ferien- oder Zweitwohnungen. Diese Wohnungen fehlten auf dem Markt, zudem trügen die Besitzer:innen nicht zu einem lebendigen Stadtleben bei. Intensiv diskutiert wurde anschließend die Frage von Mietobjekt versus Eigentum. Voigtländer legte am Beispiel von Großbritannien dar, warum ein ausgewogener Anteil von Miete und Eigentum zusammen mit verstärkten Neubau die Wohnungskrise aufhalten könne. Eine Wohneigentumsquote von 50-60% sei günstig, in Deutschland liege diese derzeit bei 40%. Sie sei seit 2010 nicht mehr gestiegen, obwohl die derzeitig niedrigen Zinsen ein Anreiz zum Erwerb von Eigentum darstellen könnten. Jedoch seien die Kosten von Bauland und Bau im Vergleich ebenfalls stark gestiegen. Wegen niedriger Zinsen sei der Erwerb von Wohneigentum gerade vielerorts günstiger als zu mieten, jedoch fehle oftmals gerade jüngeren Menschen in der Familien(gründungs)phase das Startkapital. Dies bedeute, dass der Eigentumserwerb meist nur für diejenigen, die Kapital erbten, möglich sei, was sozialen Sprengstoff berge. Lösungen, um den Eigentumserwerb auch ohne Erbschaft zu ermöglichen, seien die Gewährung von Nachrangdarlehen und Freibeträge bei der Grunderwerbsteuer. Die Förderung von Eigentum sozial verträglich zu gestalten, sei insgesamt sehr schwierig, daher müssten sowohl Instrumente, die den Mietmarkt regulierten, als auch Instrumente für die Finanzierung von Eigentum entwickelt und gefördert werden. Die Grundsteuer könne durch die Einführung einer Bodenwertsteuer reformiert werden. Darüber hinaus wurde angemerkt, dass die Erschließung von Bauland immer auch aus ökologischer Perspektive zu betrachten sei.

Bildschirmpräsentation „Familiengerechtes Wohnen – eine marktwirtschaftliche Perspektive“ von Prof. Dr. Michael Voigtländer (zum Download)

Wohnungslosigkeit von Familien
Im zweiten Expert:innengespräch erörterten Sarah Lotties & Joachim Krauß von der BAG Wohnungslosenhilfe den aktuellen Problemkomplex der Wohnungslosigkeit von Familien mit den Teilnehmenden. Die Referent:innen legten in ihrem Kurzimpuls dar, dass Wohnungslosigkeit von Familien kein Randphänomen mehr sei, sondern dass mittlerweile viele Familien die Hilfsangebote der Beratungsstellen aufgrund von (drohender) Wohnungslosigkeit in Anspruch nähmen. Wohnungslosigkeit von Familien würde jedoch häufig viel zu spät erkannt, da Familien oftmals zunächst auf ihre Hilfsnetzwerke (Familien und Freundeskreise) zurückgreifen würden und bei diesen unterkämen. Weiter ergänzten sie, dass Familien häufiger auf Hilfen zurückgriffen als Alleinlebende, was grundsätzlich dafür spräche, präventive Hilfen auszubauen, sodass Familien gar nicht erst in die Lage gerieten, wohnungslos zu werden.

In der anschließenden Diskussion mit den Teilnehmenden wurden unterschiedliche Handlungsfelder identifiziert, die dazu beitragen könnten, Familien vor der Wohnungslosigkeit zu bewahren. Die Gesellschaft müsse grundsätzlich für das Thema Wohnungslosigkeit stärker sensibilisiert werden, sodass das stereotypische Bild eines zottligen, alkoholkranken Obdachlosen aus den Köpfen der Menschen verschwinde. Denn Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit sei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Präventionsketten wie sie beim Kinderschutz angewandt würden, könnten auch dazu beitragen, Wohnungslosigkeit frühzeitig zu erkennen und dem früh entgegen zu steuern. Neben der Stärkung präventiver Maßnahmen müssten die Unterstützungsinstanzen besser vernetzt werden, sodass die häufig multiplen Gründe für die Problemsituation angegangen werden könnten. Beratungsstellen müssten außerdem die Möglichkeit haben, multilingual zu beraten, bzw. Dolmetscher:innen hinzuziehen zu können.

Ergänzend hingewiesen wurde auf die Erkenntnisse des Online-Fachgesprächs „Wohnungslosigkeit von Familien im europäischen Vergleich“, welches das Bundesforum Familie am 03. Dezember 2020 mit Expert:innen aus Finnland, Irland und Deutschland durchgeführt hatte.

Bildschirmpräsentation „Familien in Wohnungsnotfallsituationen“ der BAGW (zum Download)

Treiber und Konsequenzen der Wohnstandortwahl von Familien
Dipl. Ing. Ricarda Pätzold, Projektleiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Urbanistik stellte im dritten Expert:innengespräch Treiber und Konsequenzen der Wohnstandortwahl von Familien vor. In der Diskussion mit den Teilnehmenden kristallisierte sich heraus, dass Wohnraum der Finanzspekulation entzogen werden müsse, um Familien den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum zu ermöglichen. In der Diskussion wurde die Aussage von Dr. Kuhn bestätigt, dass vor allem auch die Qualität von Wohnraum in den Blick genommen werden müsse. Derzeit stehe zu wenig familiengerechter Wohnraum zur Verfügung. Hierbei sei nicht nur auf den Wohnraum an sich, sondern auch auf die Umgebung zu achten. Thematisiert werden sollte zum Beispiel die Frage, wie viele Autos in Städten erlaubt werden sollte. In dem Kontext wurde auch diskutiert, dass Wohnraum für Familien in den Innenstädten immer weniger attraktiv oder bezahlbar sei, und diese entsprechend an den Stadtrand bzw. in Vorstädte („Speckgürtel“) zögen. So verschwänden Familien zunehmend aus den Innenstädten, was gesamtgesellschaftlich problematisch sei. Zudem seien auch die Familien häufig nicht zufrieden mit dem Wegzug aus der Stadt, der ihnen in gewisser Weise von den Umständen auferlegt sei. Innenstädte müssten also eher so (um-)gestaltet werden, dass die Gemeinschaft in den Quartieren gefördert werde und durch mehr Grün und mehr Verkehrsberuhigung attraktiver für Familien werde. Im ländlichen Raum hingegen müsse das Bewusstsein für die Bedarfe junger Familien sowie die Lebensverlaufsperspektive gefördert werden, sodass die Infrastruktur bedarfsgerecht für junge Familien sowie Senior:innen gestaltet wird. Auch wurde bestätigt, dass Quartiere sowie Kommunen verstärkt eine homogene Anwohner:innenschaft anziehe und so unter anderem die Schere zwischen arm und reich verstärkt werde. Hier müsse die Perspektive stärker auf sozialer Heterogenität liegen.

Bildschirmpräsentation „Treiber und Konsequenzen der Wohnstandortwahl von Familien“ von Ricarda Pätzold (zum Download)

Abschließende Kurzvorstellung der Diskussionen im Plenum

In einer abschließenden Runde stellten Mitglieder der Ad-Hoc-AG die jeweiligen Diskussionen, die in den Break-Out-Rooms stattgefunden hatten, im Plenum vor. Aus allen drei Gruppen wurde verstärkt darauf verwiesen, dass der Markt die angesprochenen Probleme nicht lösen kann und wird und somit Instrumente entwickelt werden müssten, die den Markt entsprechend regulierten. Damit müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, um allen, insbesondere sozioökonomisch benachteiligten Menschen einen guten Zugang zum Wohnungsmarkt zu ermöglichen und sozial- und umweltverträglichen Neubau zu fördern. Vielfach wurde erwähnt, dass vor allem in die Schärfung des Bewusstseins sich wandelnder Bedürfnisse von Familien investiert werden müsse und dass diese im Wohnungsmarkt sowie in der Qualität des Wohnens und in Beratungsangeboten sich widerspiegeln müssten.

Online-Fachgespräch „Wohnungslosigkeit von Familien im europäischen Vergleich“ am 03. Dezember 2020

Here you can find the English version of this report.

Berlin, 03.12.2020 | Knapp 25 Teilnehmende aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie nahmen am 03. Dezember 2020 am Online-Fachgespräch „Wohnungslosigkeit von Familien im europäischen Vergleich“ der Themenperiode „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ teil.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch europaweit steigen die Zahlen wohnungsloser Familien. Vor diesem Hintergrund beleuchtete das digitale Fachgespräch das Thema der Wohnungslosigkeit von Familien aus europäischer Perspektive. Prof. Dr. Volker Busch-Geertsema eröffnete das Fachgespräch mit einer Problembeschreibung und -analyse der Lage in Europa. Leena Lehtonen, Petra Gergov-Keskelo und Wayne Stanley beschrieben die Wohnungslosenhilfe und -politik in Bezug auf Familien in Finnland und Irland sowie regionale Maßnahmen zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit von Familien.

Vortrag „Wohnungslosigkeit von Familien in Europa“
Zum Überblick fasste Prof. Dr. Volker Busch-Geertsema, von der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung, die Ergebnisse der Studie „Family Homelessness in Europe“ (European Observatory on Homelessness 2017) zusammen, welche in 14 europäischen Mitgliedstaaten durchgeführt wurde.

Prof. Dr. Busch-Geertsema führte aus, dass ein umfassender gesamteuropäischer Überblick schwierig sei, da viele Länder keine separaten Daten zur Wohnungslosigkeit von Familien erfassten. Dennoch ließe sich allgemein sagen, dass die Hilfesysteme häufig stark auf alleinstehende Wohnungslose ausgerichtet seien. Straßenwohnungslosigkeit von Familien in Europa sei eher selten.

In entwickelten Sozialstaaten gebe es eine starke Fokussierung auf das Kindeswohl und Leistungen für Familien, sodass Maßnahmen wie sozialer Wohnungsbau und weitere präventive Maßnahmen oftmals verhinderten, dass Familien wohnungslos würden. Andererseits sei ein bedeutender Anteil von wohnungslosen Familien nicht in Wohnungslosenstatistiken enthalten, da Mitwohnverhältnisse und Frauen mit Kindern in Frauenhäusern und Schutzwohnungen nicht in den Statistiken auftauchten. Somit gebe es in nicht unerheblichem Maße eine verdeckte Wohnungslosigkeit von Familien. Der Vergleich zwischen den Ländern sei generell durch die unterschiedliche Art der statistischen Erhebung und der jeweiligen Besonderheiten der Hilfesysteme sehr schwierig.

Ursachen für die Wohnungslosigkeit von Familien seien vielfältig; häufig spielten Beziehungsabbrüche und eine damit einhergehende verschlechterte sozioökomische Lebenslage oder häusliche Gewalt (in der Regel von Männern gegen Frauen) eine Rolle. Deutlich seltener sei die Wohnungslosigkeit von Familien mit Sucht oder psychischen Problemen verbunden – im Gegensatz zur Wohnungslosigkeit von alleinstehenden Menschen, wo diese Faktoren eine erhebliche Rolle spielten.

Lösungsansätze zum Problem der Wohnungslosigkeit von Familien sah Prof. Dr. Busch-Geertsema vor allem in präventiven und weniger in kurativen Maßnahmen, in der Gewährleistung eines raschen Zugangs zu bezahlbarem und angemessenem Wohnraum, in der schnellen Vermittlung in normale Wohnverhältnisse statt langer Aufenthalte in Sonderwohnformen, in der Förderung des Zugangs zu geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten mit der Aufrechterhaltung lokaler Bezüge sowie in einer besseren statistischen Erfassung von verdeckter Wohnungslosigkeit und von Wohnungslosigkeit bei häuslicher Gewalt.

Bildschirmpräsentation „Wohnungslosigkeit von Familien in Europa“ (zum Download)

 

Wohnungslosigkeit von Familien in Irland
Wayne Stanley, Öffentlichkeits- und Politikreferent der Simon Communities in Irland, gab einen Einblick in die aktuelle Situation von Wohnungslosigkeit von Familien in Irland. Er führte zunächst kurz in die Entstehungsgeschichte der Simon Communities ein, welche vor ca. 50 Jahren von einer Gruppe Studierender gegründet wurden. Die Studierenden hätten Umfragen unter Menschen durchgeführt, die von Wohnungslosigkeit betroffen waren, um den deren Bedarfe passgenau zu ermitteln. Darauffolgend wurden wohnungs- und obdachlose Menschen mit Essen und Mahlzeiten versorgt. Außerdem hätten die Studierenden die irische Regierung auf die Problematik aufmerksam gemacht. Bis zum heutigen Tag sei der Bedarf an den Aktivitäten und Angeboten – nun deutlich gewachsen und professionalisiert – der Simon Communities groß.

Stanley erklärte, dass Wohnungslosigkeit von Familien in Irland in den letzten Jahren stark zugenommen habe und dadurch ein wichtiges Thema auf der politischen Agenda sei. Seit 2014 würden regelmäßig Daten zur Wohnungslosigkeit von Familien erhoben – derzeitig seien ca. 1.100 Familien in Irland wohnungslos. Die Ursachen von Wohnungslosigkeit bei Familien seien vielfältig und hätten sich im Verlauf der letzten 50 Jahre stark verändert.

Um wohnungslosen Familien ein neues Zuhause zu bieten, habe die irische Regierung ein Programm entwickelt, welches intensiv mit Hausbesitzer*innen zusammengearbeitet, um frei gewordenen Wohnraum an Familien mit geringen Einkommen zu vermitteln. Seit 2014 seien die Zahlen immer stärker gestiegen, immer mehr Familien verlören ihr Zuhause. Ein weiteres Programm sei initiiert worden, um Familien schnellstmöglich ein neues Zuhause zu vermitteln, sodass sie wenig Zeit in Übergangslösungen verbringen müssten. Auch dieses Programm habe zwar zunächst Erfolge verbuchen können, im Anschluss seien die Zahlen von wohnungslosen Familien immer weiter und schneller gestiegen. Die bedeutendste Ursache hierfür sei, dass der Wohnungsmarkt Familien mit geringen Einkommen zu wenig Möglichkeiten biete, geeigneten und bezahlbaren Wohnraum zu finden. Stanley erläuterte, dass die Wohnungslosigkeit von Familien paradoxerweise zugenommen habe, als die Auswirkungen der Finanzkrise ab 2007 in Irland abnahmen. Dies hätte daran gelegen, dass im öffentlichen sowie auch im privaten Wohnungsmarkt kein neuer Wohnraum geschaffen wurde und die Preise für Mietwohnungen und Eigentum immer weiter stiegen. Da Irland vor allem einen privaten Mietmarkt habe, seien die Mietkosten gestiegen als der Druck auf den Markt größer wurde.

Der Anteil versteckter Wohnungslosigkeit von Familien sei auch in Irland erheblich. Familien, die ihr Zuhause verlassen müssten, fänden häufig zunächst Obhut bei Freunden und Familie, wenn sie keine bezahlbare Wohnung auf dem privaten Mietmarkt fänden. Für die irische Regierung sei die Prävention und Bekämpfung von Obdachlosigkeit ein wichtiges Thema, so seien u.a. um Straßenobdachlosigkeit zu verhindern, zunächst auch Hotelzimmer für Familien angemietet worden, die jedoch keine angemessenen Unterkünfte gewesen seien. So seien Familienunterkünfte entstanden, in denen Familien neben Schlafräumen gemeinschaftlich genutzte Räume zur Verfügung stehen, um zu kochen, Hausaufgaben zu machen etc. Durch das Angebot der Familienunterkünfte habe sich der Fokus des Regierungshandelns verändert: statt Familien ein neues Zuhause zu vermitteln, werde ihnen zunächst Platz in einer Familienunterkunft angeboten. Stanley wies auch darauf hin, dass Irland während der COVID-Pandemie auf sinkende Wohnungslosenzahlen blicken könne. Dies liege vor allem daran, dass Zwangsräumungen aktuell ausgesetzt würden. Zudem seien durch die fehlende touristische Nutzung allein in Dublin 9.000 Airbnb-Wohnungen wieder auf dem Wohnungsmarkt verfügbar. Auch die Simon Communities nutzten solche Wohnungen um Familien Obdach zu bieten. Zusammenfassend unterstrich Stanley, dass vor allem bezahlbarer Wohnraum für Familien geschaffen werden müsse, um Familien in Irland vor der Wohnungslosigkeit zu bewahren.

Bildschirmpräsentation „Family Homelessness in Ireland“ (zum Download)

 

Wohnungslosigkeit von Familien in Finnland
Im Anschluss sprachen Leena Lehtonen, Projektmanagerin der Y-Stiftung und Petra Gergov-Keskelo, Projektberaterin bei der Federation of Mother and Child Homes and Shelters über Wohnungslosigkeit von Familien in Finnland. Die beiden Referentinnen arbeiten gemeinsam an dem Projekt „NEA – Securing Housing for Women“, dem ersten Projekt in Finnland, das auf die Bedarfe und Probleme von wohnungslosen Frauen zugeschnitten ist. Das Ziel des Projektes sei es, Wohnungslosigkeit von Frauen zu beenden indem sie unterstützt würden, ein Zuhause zu finden und zu sichern.

Finnland sei das einzige EU-Land, wo die Wohnungslosenzahlen in letzter Zeit gesunken sind. Basierend auf der europäischen Initiative „Housing First“ würden nationale und regionale Strategien gegen Wohnungslosigkeit erarbeitet und umgesetzt. Beispielsweise gebe es landesweit es ein Netzwerk an Wohnberatungsstellen, dessen Service vor allem auch viele Familien nutzten. Grundsätzlich habe Finnland ein starkes Sozialsystem, das z.B. für die Miete aufkomme, wenn Menschen arbeitslos seien. Während die Anzahl der Wohnungslosen insgesamt abnehme, steige allerdings die relative Zahl von wohnungslosen Frauen, was auch ein Grund für das NEA-Projekt sei. Unter Familien seien vor allem Ein-Eltern-Familien besonders betroffen von Wohnungslosigkeit, jedoch fehlten auch in Finnland genaue Zahlen. Wie auch in Irland, seien die Hauptursachen für Wohnungslosigkeit von Familien Finanzprobleme und steigenden Mietpreise. Vor allem in Städten gebe es zu wenig bezahlbaren Wohnraum für Familien. Derzeitig seien Familien in der Wohnungslosenhilfe nicht im Fokus, sodass wenig Familienunterkünfte bestünden sowie Strategien fehlten, wie Familien ein neues Zuhause bekämen, wenn sie einmal wohnungslos geworden seien.

Petra Gergov-Keskelo führte aus, wie die Federation of Mother and Child Homes and Shelters Familien Schutz und Unterstützung in schwierigen Zeiten anbiete. Dabei liege das Augenmerk vor allem auf dem Wohlergehen der Kinder. Neben der Etablierung von Austausch unter Betroffenen würde auch Beratung und Obdach für Familien in Problemlagen angeboten werden.

Bildschirmpräsentation „Homeless Families in Finland“ (zum Download)

 

Abschließende Diskussion
Im anschließenden regen Austausch der Teilnehmenden wurde verschiedene Punkte mit den Referent*innen diskutiert. So wurde darauf hingewiesen, dass es vor allem für Familien mit erwachsenen Kindern oder Kindern mit Behinderung als auch für große Familien schwierig sei, ein passendes neues Zuhause bzw. auch nur eine Übergangswohnung zu finden. Hingewiesen wurde auf Frauen mit Kindern, die vor häuslicher Gewalt in Frauenhäusern geflohen seien. Diese fänden dort zwar Schutz, gingen jedoch derzeitig nicht in die Wohnungslosenstatistiken ein, weil sie offiziell Wohnraum verfügten, der jedoch durch den Täter bewohnt werde. Hinsichtlich des Übergangs vom Frauenhaus auf den Wohnungsmarkt wurde sich von den Teilnehmenden für eine deutlich bessere Unterstützung und Begleitung der Frauen und Kinder ausgesprochen. Zusätzlich wurde darauf hingewiesen, dass für manche Familien vor der Wohnungslosigkeit auch in den eigenen vier Wänden unwürdige Lebensumstände vorliegen könnten, z.B. wenn Strom oder Gas etc. auf Grund von unbezahlten Rechnungen abgeschaltet würde. Solche Zustände gelte es ebenso wie Zwangsräumungen bei Familien mit minderjährigen Kindern wenn möglich zu verhindern. Abschließend wurde resümiert, dass eine deutlich bessere Versorgung von Familien mit adäquatem und für sie bezahlbarem Wohnraum unabdingbar sei, um Familien vor Wohnungslosigkeit bzw. vor dem Verbleib in Übergangswohnformen zu bewahren.

Fachforum „Familien im Fokus kommunaler Infrastruktur: Beteiligung, Bedarfe und Angebote“ am 14. September 2020

Berlin, 14.09.2020 | Knapp 40 Teilnehmende aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie kamen am 14. September 2020 im Refugio Berlin zum ersten Fachforum der Themenperiode „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ zusammen. Das grundlegende Ziel des Fachforums war es, folgende Fragestellungen zu erörtern:

1. Welche Bedarfe haben Familien innerhalb einer kommunalen Infrastruktur?
2. Welche Strukturen braucht es vor Ort, um diese Bedarfe erfolgreich umzusetzen?

Nach Praxisimpulsen aus Emden, Berlin-Lichtenberg und dem Kyffhäuserkreis diskutierten die Teilnehmenden in drei Workshops zu Familienbüros, Beteiligung von Familien und integrierter Kommunalentwicklung.

Einführung „Gemeinsam Denken, übergreifend Handeln – Integrierte Kommunalentwicklung“

Zu Beginn des Fachforums führte Markus Kissling, Vorsitzender der BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, in das Konzept der integrierten Kommunalentwicklung ein. Herr Kissling betont, dass Kommunen stets extern bedingten Veränderungen unterworfen seien (durch z.B. Megatrends wie Urbanisierung, Globalisierung, Konnektivität), sodass auch Verwaltung agiler und flexibler werden müsse, um der sich schneller verändernden Umwelt sowie den entsprechenden Anforderungen der Bevölkerung gerecht zu werden.

Um diesen neuen Anforderungen besser entsprechen zu können, sei das Konzept der integrierten Kommunalentwicklung gut geeignet. Zentraler Bestandteil dieser sei, dass bereichsübergreifend gedacht und gehandelt wird. Dies stünde vor dem Hintergrund der Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt, die 2007 von 27 für Stadtentwicklung zuständigen Minister*innen verabschiedet wurde. Ein integriertes Handlungskonzept, in dem die Bedürfnisse der Bürger*innen zentral stehen und ressortübergreifend an der Entwicklung von Lösungen gearbeitet wird, könne eine Antwort auf sich immer schneller verändernde Strukturen sein. In der Umsetzung vor Ort, in Stadtteilen, Dörfern und Quartieren wäre die Gemeinwesenarbeit das praktische Handlungskonzept, um die Bewohner*innen in diese Prozesse einzubeziehen und zu aktivieren.

Video Markus Kissling:

Praxisimpulse

Drei Vortragende aus unterschiedlichen Regionen gaben im Anschluss einen Einblick in ihre Arbeit mit Familien vor Ort. Dabei wurde deutlich, dass die Kommunen teils vor ähnlichen, aber teils auch vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen stehen, oft bedingt durch ihre unterschiedlichen räumlichen Lagen sowie Größe. Egon Philipps aus der Stadt Emden in Niedersachsen, Elke Schnabel aus dem Kyffhäuserkreis in Thüringen und Frank Roll aus dem Bezirk Lichtenberg in Berlin präsentierten jeweils die Ansätze aus ihren Kommunen, mit denen Familien eingebunden und eine möglichst familiengerechte Infrastruktur vor Ort etabliert werden könne.

Stadt Emden
Egon Philipps, Leiter des Fachdienstes Gemeinwesen der Stadt Emden, stellte die Etablierung und Institutionalisierung von Gemeinwesenarbeit auf der kommunalen Ebene in Emden in das Zentrum seiner Ausführungen, sowie deren Anwendung auf Angebote für Familien. Emden ist eine kreisfreie Stadt im Nordwesten von Niedersachsen und die größte Stadt Ostfrieslands. Mit knapp 50.000 Einwohner*innen gehört sie zu den Mittelstädten Deutschlands.
2019 hat die Stadt Emden den Fachdienst „Gemeinwesen“ eingeführt, der die soziale Situation in den Stadtteilen stärken und begleiten soll. Die Arbeit des Fachdienstes orientiere sich an den Bedürfnissen der Bewohnerschaft – sie aktiviert die Bürger*innen, sie vernetzt und entwickelt Kooperationen in den Stadtteilen/Quartieren. Letztlich ginge es darum die Lebensqualität der Bewohner*innen in den Quartieren zu verbessern indem alle Aktivitäten auf deren Bedarfe abgestimmt würden. Die Mitarbeitenden des Fachdienstes seien das Bindeglied zwischen den Interessen und Aktivitäten der Bewohner*innen und den Ressourcen der Stadt, sie fördern und gestalten Aushandlungsprozesse zwischen Entscheidungsträger*innen und Bürger*innen. In den Stadtteilen würden sie die Vernetzung und Kooperation zwischen den Akteur*innen vor Ort, um vorhandene Ressourcen sichtbar werden zu lassen und zu stärken, fördern.

Video Egon Philipps

Thomas Sprengelmeyer, Leiter des Fachbereichs Jugend, Schule, Sport der Stadt Emden, erläuterte in einer kurzen Videobotschaft wie Familien in ihrem Sozialraum von einer integrierten Kommunalentwicklung profitieren: Im Zentrum stehe der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Bedarfen. Diese würden vor allem im Quartier sichtbar, wo Menschen in ihrem Sozialraum leben. Bedarfsgerechte Ergebnisse würden jedoch nicht allein dadurch erzielt, die Datenlage zu analysieren, sondern indem mit den Menschen vor Ort diskutiert und sie nach ihrer Meinung gefragt würden. Er betonte, dass Familien nach wie vor eine zentrale Rolle in Kommunen einnehmen würden. Die Aufgabe der Verwaltung sei es zu untersuchen, welche Lebensbedingungen es gebe und was Familien in ihren Sozialräumen bräuchten – und zwar vom Säugling bis ins höhere Alter. Was kann die Kommune beitragen, diese Sozialräume für Familien förderlich zu gestalten? Gemeinsam mit den Familien und Akteur*innen vor Ort müsse die Kommune sich überlegen, wie Schulen, Kindertageseinrichtungen, etc. unterstützt werden könnten und welche Angebote im Stadtteil notwendig seien.

Video Thomas Sprengelmeyer

Bezirk Lichtenberg von Berlin
Im Anschluss stellte Frank Roll, Mitarbeiter des Jugendamtes Lichtenberg, die Angebote für Familien in seinem Bezirk vor. Lichtenberg ist der elfte Verwaltungsbezirk von Berlin und hat ca. 295.000 Einwohner*innen, seit der Bezirksfusion zwischen Hohenschönhausen und Lichtenberg 2001 stetig steigend. Lichtenberg vereint 13 Stadtteile, die zum Bezirk zählen.
Kern der Lichtenberger Familienangebote nach § 16 SGB VIII seien die 18 Familienzentren und -treffs. Sie hielten ein Mix aus offenen Angeboten, Kursen und Einzelberatungen vor, wie z.B. Krabbelgruppen, Nähkursen, Festen aller Art bis hin zu konkreten Hilfestellungen in belastenden Lebenslagen. Ergänzt würden die Familienzentren/-treffs um Projekte mit spezifischen Themenstellungen wie z.B. die aufsuchende Elternhilfe, die aufsuchende vietnamesische Familienberatung, Familienhebammen, Schreibabyambulanz, qualifizierte Elternarbeit an Schule u.v.m.
Lichtenberg beziffert 32 Sozialräume in denen die Angebote für Familien ausgewogen verteilt und Mittel vergeben werden sollen. Kennzeichnend für den Bezirk sei die intensive Vernetzung der Projekte über die Familienförderung hinaus mit Angeboten der Jugendförderung, der Kultur, der Stadtteilarbeit und der Gesundheitsangebote. Dazu würden Netzwerke für Familienförderung und Frühe Hilfen finanziell gefördert.
Seit 2017 gibt es in Lichtenberg, angegliedert an das Jugendamt, das Familienbüro Lichtenberg. Seine wesentlichen Aufgaben bestünden aus der Auskunfts-, Lotsen-, und Beratungsfunktionen für unterschiedliche familienbezogene Leistungen und Angebote im Bezirk. Das Bezirksamt kooperiert hierfür mit einem freien Träger, der pad gGmbH. Die Leistungen würden somit von zwei Verwaltungsmitarbeitenden und zwei Sozialarbeiter*innen erbracht. Seit Eröffnung des Familienbüros würden die Beratungsgespräche pro Monat stetig zunehmen. Vor der Corona-Pandemie suchten 1.100 Menschen monatlich das Familienbüro auf. Als Weiterentwicklung des Angebots seien nun dezentrale Anlaufstellen des Familienbüros in Zusammenarbeit mit etablierten Familieneinrichtungen in den Quartieren geplant.
Zudem betonte Frank Roll, dass in Lichtenberg überproportional viele Alleinerziehende wohnen würden. Hier sehe der Bezirk akuten Handlungsbedarf und baue seine Angebote bedarfsgerecht aus, zum Beispiel durch flexible Kinderbetreuung und spezielle Programme, die den Neu- bzw. Wiedereinstieg in Arbeit unterstützen. Auch erläuterte er, dass das Bezirksamt Wirksamkeitsdialoge mit den freien Trägern durchführe, um die Bedarfe, die Angebote und die Zielgenauigkeit der Projekte zu evaluieren und ggf. Anpassungen vorzunehmen.

Video Frank Roll

Kyffhäuserkreis
Abschließend präsentierte Elke Schnabel, Mitarbeiterin des Dezernats Soziales, Jugend, Gesundheit und Arbeit sowie Netzwerkkoordinatorin „Frühe Hilfen und Kinderschutz“ im Kyffhäuserkreis, die kommunalen Familienangebote ihres Landkreis im Norden von Thüringen. Die knapp 75.000 Einwohner*innen des Landkreises machen ca. 3,5% der Gesamtbevölkerung Thüringens aus. Geprägt durch große landwirtschaftliche Flächen kommen auf 1 km² 72 Einwohner*innen. Die Bevölkerungsprognose bis 2035 sagt eine stark schrumpfende Bevölkerungsgröße voraus. Derzeitig werde davon ausgegangen, dass im Jahr 2035 19,7% weniger Menschen als 2019 im Kyffhäuserkreis wohnen werden.
2014 hat der Kyffhäuserkreis im Rahmen des Audits „Familiengerechte Kommune“ folgenden Familienbegriff für sich definiert: „Der Kyffhäuserkreis versteht sich als familiengerechter Kreis für alle Generationen. Familie ist zentraler Ort, in dem Lebenschancen entstehen, ein emotionaler Schutzraum gegeben ist und Bindungsfähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten entstehen. Familie existiert in verschiedenen Formen und Lebensmodellen in unterschiedlichen Generationen. Familie kann ohne Kinder gelebt werden.“ Auf Grund der alternden Bevölkerung wurde dem Familienbegriff folgendes hinzugefügt: „Senior*innen sind alle Personen ab 60 Jahre. Hierbei wird der Blick insbesondere auf Personen mit besonderem Hilfebedarf und Personen die noch im Erwerbsleben stehen, gerichtet.“
Konkret bedeute dies, dass der Kyffhäuserkreis sich bemühe, auf Basis von Bevölkerungsbefragungen seine Angebote an die Bedürfnisse anzupassen und Akteur*innen vor Ort zu vernetzen. Der Kreis strebe auch landkreisübergreifende Kooperationen an, da Bewohner*innen an den Rändern des Landkreises ihr Leben stärker dahin ausrichten, wo Infrastrukturen vorhanden seien.
Frau Schnabel stellte besondere Leuchtturmprojekte vor, wie z.B. den „Dorfkümmerer“, der die lokalen Akteur*innen untereinander vernetzt und die Angebote für die Zielgruppe sichtbar mache. Die Thüringer Eltern-Kind-Zentren, Kindertageseinrichtungen mit besonders ausgeprägter Familien- und Sozialraumorientierung, würden im Rahmen einer Landesstrategie durch den Freistaat Thüringen entwickelt, ausgebaut und gefördert. Sie arbeiteten mit einem integrierten Ansatz, um Familien bedarfsgerecht zu unterstützen und seien Leistungserbringer örtlicher Jugendhilfeplanung. Auf Grund der ländlichen Strukturen gebe auch es mobile Kinder- und Jugendarbeit, mobile Erziehungsberatung sowie einen Servicebus für Bürger*innen. Schulsozialarbeiter*innen seien an allen Schulen Teil des Kollegiums. Zudem seien kreisweit Informationsmaterialien, abgestimmt auf unterschiedliche Zielgruppen, z.B. Eltern mit Kindern und Senior*innen, entwickelt worden.

Video Elke Schnabel

Drei parallel stattfindende Workshops

Integrierte Kommunalentwicklung
Eine Vertiefung in das Thema der integrierten Kommunalentwicklung fand im Workshop mit Markus Kissling, dem Vorsitzenden der BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, statt. Die Teilnehmer*innen diskutierten vor allem, in wie fern das Konzept für die Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie, als größtenteils familienpolitisch aktive Fachverbände, von Nutzen sein könnte. Herr Kissling betonte die Bedeutung der bereichsübergreifenden Arbeit in Politik und Verwaltung und hob hervor, dass es als Grundlage eine übergreifende Strategie bräuchte, die für diese bereichsübergreifende Arbeit leitend sei. Diese Strategie solle in partizipatorischer Arbeit mit allen Akteur*innen, also auch den Bewohner*innen selbst erarbeitet werden. Das Einbeziehen der Bewohner*innen, die damit als Expert*innen ihres Lebensumfeldes anerkannt und einbezogen werden, sei ein zentraler Baustein. Ebenso brauche es öffentliche Räume als Anlauf- und Begegnungsorte. Das Konzept der Gemeinwesenarbeit sei eine Methode, diese Punkte umzusetzen und zu moderieren.
Die Teilnehmenden des Workshops unterstützen den Gedanken einer bereichsübergreifenden Strategie. Diese müsse aus Sicht der Teilnehmenden die Familien in den Mittelpunkt stellen. Eine entsprechende Strategie könnte zur Folge haben, dass stadtplanerische Elemente besser aufeinander und besser auf Familien abgestimmt seien. Dies gelte sowohl für potentielle Bauvorhaben (Spielplätze) als auch für familienunterstützende Infrastrukturleistungen. Letzteres sei auch deshalb sinnvoll, weil Familien oftmals Zeit durch zahlreiche Behördengänge verlören, jedoch für Familien nicht zuletzt Zeit ein wichtiger Faktor im Familienleben sei.

Familienbüros als Baustein kommunaler Familienpolitik – Typen, Aufgaben, Beispiele
Isabel Wieland, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Vereins „Familiengerechte Kommune“, stellte die unterschiedlichen Typen und Aufgaben von Familienbüros im zweiten Workshop vor. Deutlich wurde hierbei vor allem die Vielfalt der Schwerpunkte der vorgestellten Familienbüros.
Das gemeinsame Ziel von allen Familienbüros sei jeweils, Bürgernähe herzustellen, die Servicequalität für Familien zu erhöhen sowie Synergien sowohl zwischen Bürger*in und Angeboten als auch zwischen den Angeboten selbst herzustellen. Die Aufgaben der jeweiligen Familienbüros variierten innerhalb dieser Zielstellung je nach Schwerpunkt und reichten von der Bedarfsermittlung, Netzwerkarbeit, Öffentlichkeitsarbeit bis zu konkreten Beratungsangeboten von Familien.
Auch die Trägerschaften der Familienbüros kann sehr unterschiedlich ausfallen. Diese liege in der Praxis entweder bei der Kommune selbst oder bei sozialen Organisationen. Vorgestellt wurden im Workshop Familienbüros der Städte Bochum, Görlitz, Dortmund und Stolberg.
Festgehalten wurde, dass für Familienbüros vor allem befristete Stellen große Herausforderungen sind, da mit befristeten Stellen eine Nachhaltigkeit nicht gesichert werden könne. Zudem gäbe es keine klaren Vorgaben für die Umsetzung vor Ort. Weiterhin wurden Interkulturalität sowie die Ansprache aller Familien als Herausforderungen genannt. Zusätzlich seien in diesem Jahr Corona und damit verbunden die Arbeit und den Austausch mit Familien auf digitale Formate umzustellen als Barriere hinzugekommen, die überwunden werden müssen.

Familien vor Ort aktivieren und beteiligen
Britta Kreuzer (LAG Soziale Brennpunkte Niedersachsen e.V.) diskutierte mit den Teilnehmenden des dritten Workshops, wie Familien vor Ort aktiviert beteiligt werden können und warum dies notwendig ist, bzw. welche positiven Auswirkungen dies auf die Kommune hat.
Sie erläuterte, dass Gemeinwesenarbeit eine Methodik sei, wie die Bedarfe der Bewohner*innen in die Planung integriert und Lösungen für Herausforderungen fachamtsübergreifend entwickelt werden können. Gemeinwesenarbeit stimuliere die Selbsthilfe der Bewohner*innen und entwickele ressourcenorientiert neue Angebote bzw. vernetze die Anbieter*innen von Angeboten. Sie sei aktivierend und fragt nach anstatt davon auszugehen, dass Bürger*innen sich von selbst melden. Dies sei ein wichtiger Weg, um möglichst viele Bürger*innen zu erreichen.
Die Teilnehmenden des Workshops bestätigen diese Ansätze aus den Erfahrungen in ihrer persönlichen Arbeit. Auch wenn gerade Kinder- und Jugendbeteiligung ja eigentlich gesetzlich festgeschrieben sei, würde dies oft nur unzureichend umgesetzt. Es wurde betont, dass die Aktivierung und Beteiligung von Familien auch eine Frage der Haltung sei:

  • Partizipation sollte kein Selbstzweck sein, sondern die Bedarfe im Blick haben und darauf abgestimmte Methoden verwenden
  • Es sollte prozess- und ressourcenorientiert vorgegangen werden, nach dem Leitsatz: „Alle, die da sind, sind richtig“
  • Beteiligung sollte eingefordert werden können über z.B. aktivierende Befragungen, gemeinsame Veranstaltungen wie Kochen, Sport etc. oder Erkundungen
  • Schlüsselpersonen im Quartier müssten gefunden werden, die als Lots*in, Übersetzer*in bzw. Türöffner*in fungieren
  • Räume für Themen, Begegnung und Austausch müssten ermöglicht und aktiv gestaltet werden

Für eine bedarfsgerechte Planung von Angeboten im Quartier brauche es eine offene Haltung und Möglichkeiten zur echten Beteiligung, einen integrierten Ansatz und Netzwerke auf lokaler und kommunaler Ebene sowie Mut, Lust und Offenheit zum Ausprobieren, Lernen und Anpassen von Prozessen.

Abschließende Blitzlichter im Plenum

Der abschließende Austausch zeigte auf, dass das Konzept der integrierten Kommunalentwicklung durchaus weiterführend diskutiert werden könnte, vor allem aus der Perspektive der Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie, die ja hauptsächlich familienpolitisch aktiv sind: Wie könnte die Arbeit der Mitgliedsorganisationen von Ideen der integrierten Kommunalentwicklung profitieren? Im Umkehrschluss aber auch: Was könnten die Mitgliedsorganisationen dazu beitragen, dass Kommunen dieses Konzept übernehmen? Hinsichtlich der Familienbüros wurde angeregt, eine einheitliche Definition und Bedingungen zu formulieren, die Familienbüros erfüllen müssen, damit keine Parallelstrukturen zu anderen Angeboten entstünden. Es wurde betont, die Beteiligung von Familien ernst zu nehmen und sich aktiv dafür einzusetzen, auf Familien zuzugehen und nicht darauf zu warten, dass sie mit ihren Fragen kommen.

Netzwerktreffen: Erscheinung Publikation „Partizipation ermöglichen, Demokratie gestalten, Familien stärken“ und thematischer Auftakt „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ am 02. März 2020

Knapp 50 Teilnehmende aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie kamen am 02. März 2020 im Festsaal der Stadtmission am Hauptbahnhof zum ersten Netzwerktreffen des Jahres zusammen.

Übergabe der Publikation „Partizipation ermöglichen, Demokratie gestalten, Familien stärken“

Im ersten Teil des Tages wurde mit der Übergabe der Abschlusspublikation „Partizipation ermöglichen, Demokratie gestalten, Familien stärken“ die Themenperiode der Jahre 2018/19 auch formal abgeschlossen. Die Vorstellung und Diskussion der Ergebnisse der Themenperiode hatte bereits in der Netzwerkversammlung im Oktober 2019 stattgefunden. Die nun vorliegende Abschlusspublikation wurde zu Beginn des Tages an die Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Sabine Zimmermann, MdB, übergeben. In ihrem Grußwort bedankte sich Frau Sabine Zimmermann bei den Mitgliedern des Bundesforums Familie für die intensive Arbeit der letzten zwei Jahre und hob die Bedeutung des Bundesforums Familie als Plattform für den offenen inhaltlichen Austausch mit fundierten Ergebnissen hervor. Vor allem unterstrich Zimmermann die Kernthesen der Broschüre, die auf den ersten Seiten der Publikation wichtige inhaltliche Ergebnisse der Themenperiode zusammenfassen und die Grundhaltung der Organisationen widerspiegeln.

Bestandsaufnahme „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“

Herangehensweise der Themenbearbeitung

Die nun begonnene Themenperiode 2020/21 „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ bildete den Schwerpunkt des weiteren Tages. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung waren vom Beirat des Bundesforums Familie auf Grundlage der Themensammlung des Netzwerktreffens am 21. Oktober 2019 drei Grundthemen identifiziert worden. Sie sollen jeweils in thematischen Fachforen behandelt werden:

  1. Kommunale Infrastruktur für Familien: Wie sind die Bedarfe und die Angebote?
  2. Zukunftsvisionen & alternative Wohnformen für Familien
  3. Gutes Wohnen für Familien: Eine Aufgabe für Staat und Zivilgesellschaft

Für jedes Fachforum wird sich aus dem Kreis der Mitgliedsorganisationen eine Ad-Hoc-Arbeitsgruppe bilden, die die jeweilige Veranstaltung gemeinsam mit der Geschäftsstelle vorbereitet und im Anschluss an die Veranstaltung in einer intensiven Nachbereitung die Diskussion analysiert und die Ergebnisse herausarbeitet.

Einen ersten Einblick in das Thema „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ gaben beim Netzwerktreffen Uwe Lübking (Deutscher Städte- und Gemeindebund) und Dr. Christina Boll (Deutsches Jugendinstitut).

Einführung in das Thema I: „Familien und kommunale Infrastruktur“ (Uwe Lübking)

Uwe Lübking, Beigeordneter des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, beschrieb in seinem Vortrag „Familien und kommunale Infrastruktur“ die aktuelle Lage der öffentlichen Daseinsvorsorge in den Kommunen. Er stellte fest, dass aus dem Sozialstaatsprinzip abgeleitet würde, dass alle Menschen ein Recht auf gleichwertige Lebensverhältnisse haben. Zugleich fragte er, was dies genau bedeute. Lübking beschrieb als Beispiel, dass Kinder je nach Region sehr unterschiedliche Schulwege hätten, die Schule wäre teilweise bis zu einer Stunde entfernt. Ähnlich gebe es große Entfernungen zu anderen Einrichtungen der Nahversorgung, wie zum Beispiel zu Kinderärzt*innen und Kindertageseinrichtungen – teilweise müssten Familien einen Weg von fast 20km in Kauf nehmen, um die nächstgelegene Kinderarztpraxis zu erreichen. Gegenüber der Stadt biete ein Leben in ländlichen Regionen jedoch andere Vorteile für Familien, Baugrund und Mieten beispielsweise seien deutlich günstiger als in Metropolregionen, sodass für Familien Wohnraum bezahlbarer sei.

Um die Probleme in der öffentlichen Daseinsvorsorge anzugehen, sprach sich Lübking dafür aus, von der bisherigen Fragmentierung der Fachämter weg zu kommen mit dem Ziel einer übergreifenden Zusammenarbeit. Ebenfalls forderte Lübking eine integrierte Quartiersplanung unter Beteiligung jeweils der Menschen, die vor Ort lebten. Dies sei zwar aufwendiger, jedoch deutlich nachhaltiger und bedarfsgerechter als eine Quartiersplanung ohne Partizipation. Lübking wies darauf hin, dass Prävention in den Jugendämtern zu stark vernachlässigt werde. Dies sei in den fehlenden Ressourcen begründet – eine Weiterentwicklung sei hier unabdingbar. Neben vielen Herausforderungen, die sich für die jeweiligen Städte, Kommunen und Regionen ergäben, verwies Lübking jedoch auch auf gut funktionierende Strukturen und Projekte. Vorzeigeprojekte gebe es vor allem in kleineren und mittelgroßen Städten, die in die Breite getragen werden müssten.

Einführung in das Thema II: „Familie und Wohnen: Rolle von Markt, Staat und Zivilgesellschaft“ (Dr. Christina Boll)

Dr. Christina Boll, Abteilungsleiterin im Deutschen Jugendinstitut, ging in ihrem Vortrag „Familie und Wohnen: Rolle von Markt, Staat und Zivilgesellschaft“ insbesondere auf den Wohnungsimmobilienmarkt und die entsprechenden Instrumente der Politik ein. Eine aktuelle Analyse des Wohnungsmarktes zeige, dass die Preise für das Wohnen stets anstiegen, was vor allem Geringverdiener*innen, Familien, Studierende und Rentner*innen stark belaste. Ebenso gebe es eine große Diskrepanz zwischen dem Nachfrageüberhang in Städten und zahlreichen Leerständen in ländlichen Räumen. Boll erläuterte die Funktionsweise des Immobilienmarktes sowie verschiedene staatliche Maßnahmen auf der Angebotsseite (sozialer Wohnungsbau) sowie der Nachfrageseite (Wohngeld, Baukindergeld, Mietkauf) und besprach hier die Vor- und Nachteile. Des Weiteren wurde auf die Mietpreisbremse eingegangen und der aktuelle Mietpreisdeckel vorgestellt, dessen Wirkung innerhalb der nächsten zwei Jahre (und somit noch im Themenbearbeitungszeitraum des Bundesforums Familie) voraussichtlich sichtbar werden wird. Boll resümierte, dass es wichtig sei, dass der Staat in seiner Rolle das Angebot ausweite (z.B. Bereitstellung von Bauland) sowie die sozialverträgliche Allokation sicherstelle und maßvoll in den Preismechanismus eingreife. Die Zivilgesellschaft hätte in seinen unterschiedlichen Rollen ebenfalls Möglichkeiten den Wohnungsmarkt zu beeinflussen, so zum Beispiel durch eine verstärkte Weiterentwicklung gemeinschaftlicher Wohnformen, die Betonung familienspezifischer Bedarfe im wohnungspolitischen Diskurs und Entscheidungen sowie die Diskussion über den Wohnflächenbedarf einzelner Bürger*innen, die auch im Sinne der Nachhaltigkeit zu führen sei.

Parallele Diskussionsgruppen

Am Nachmittag wurden in drei parallel stattfindenden Diskussionsgruppen Fragen und Themen identifiziert, die in den jeweiligen Fachforen diskutiert werden sollen. Darüber hinaus erarbeiteten die Mitglieder des Bundesforums eine Zielstellung für die jeweiligen Fachforen sowie operative Umsetzungsmöglichkeiten, diese zu erreichen. Auch formierten sich aus den Diskussionsgruppen die Ad-Hoc-Arbeitsgruppens für die Vor- und Nachbereitung der Fachforen.

In allen Gruppen wurde dabei deutlich, dass das Thema im Austausch mit externen Expert*innen diskutiert werden soll um neue Perspektiven zu entwickeln sowie Wissen auszutauschen.

Fachforen im Herbst

Die ersten beiden Fachforen sind für Herbst 2020 in Berlin geplant: Am 14. September 2020 steht das Thema „Kommunale Infrastruktur für Familien“ auf dem Programm und am 17. November 2020 dreht sich alles um „Zukunftsvisionen & alternative Wohnformen für Familien“.

Bei Interesse, in einer der Ad-Hoc-Arbeitsgruppen mitzuarbeiten, können weitere Mitglieder sich gerne bei der Geschäftsstelle unter info@bundesforum-familie.de melden.

Netzwerktreffen: Abschluss der Themenperiode „Familie, Partizipation und Demokratie“ und Wahl Schwerpunktthema 2020/2021 am 21. Oktober 2019

Berlin, 21. Oktober 2019:

Etwa 50 Teilnehmende kamen aus den Mitgliedsorganisation des Bundesforums Familie zum diesjährigen Netzwerktreffen im Centre Monbijou in Berlin zusamenmen.

Abschluss der Themenperiode „Familie, Partizipation und Demokratie“

Am Vormittag stellten Magda Göller (Pestalozzi-Fröbel-Verband), Birgit Merkel (Zukunftsforum Familie), Katharina Queisser (bevki), Laura Castiglioni (Deutsches Jugendinstitut) und Stephan Wassmuth (Bundeselternrat) stellvertretend für die drei Arbeitsgruppen sowie Dörte Bieler aus der Geschäftsstelle die Ergebnisse der Themenperiode „Familie, Partizipation und Demokratie“ der letzen zwei Jahre vor. Im Anschluss daran wurden die zentralen Thesen, die sich aus den Diskussionen ableiten lassen, im Plenum erörtert. In den Debatten wurde maßgeblich hervorgehoben, dass Familien der erste und ein lebenslanger Bildungsort und das Fundament für die Vermittlung von Demokratieverständnis sowie für die Bildung zu mündigen Bürger*innen sind. Betont wurde, dass Kinder und Jugendliche u.a. durch die Familie, Schule und Kita darin unterstützt werden, sich zu selbstständigen und selbstbewussten Persönlichkeiten zu entwickeln, die Informationen kritisch reflektieren und Argumente gegeneinander abwägen können, sich eine eigene Meinung bilden, gegenteilige Meinungen akzeptieren sowie auf dieser Basis gemeinsame Entscheidungen aushandeln.

Zudem wurde betont, dass die Rahmenbedingungen für alle Familien, unabhängig von Herkunft, Bildung oder sozialem Status gesichert sein müssen, um gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen. So müssten Familien bessere Möglichkeiten haben, in allen sie betreffenden Entscheidungen zu partizipieren. Dies gelte sowohl für die Kindertagesbetreuung und Schule als auch für das soziale Umfeld bis hin zur Kinder- & Jugendhilfe. Hierfür müssen Fachkräfte inhaltlich gestärkt und vor allem auch personell entlastet werden.

Festgehalten wurde, dass Partizipation ein Grundrecht jedes Gesellschaftsmitglieds ist. Daher sollten alle Familien gleichermaßen Zugang zu demokratischen Prozessen wie z.B. Wahlen, Bürger*innenbeteiligung oder Bürgerschaftliches Engagement haben. Gleichzeitig ist die Nutzung dieser Zugänge Zeichen einer aktiven Bürgergesellschaft und wichtig für eine gelebte Demokratie. Daher sollten auf der einen Seite die Beteiligung an Wahlen und weiteren Partizipationsformen verstärkt eröffnet und auf der anderen Seite durch jede/n Einzelne/n intensiv wahrgenommen werden. In diesem Sinne sind Politik, Verbände, Institutionen und auch die Zivilgesellschaft dazu aufgerufen, sich im sozialen und beruflichen Umfeld für demokratische Werte einzusetzen und diese zu stärken. Insofern betonten die Teilnehmenden, dass die Diskussionen der letzten zwei Jahre die Bedeutung der parlamentarischen Demokratie und ihrer Werte bekräftigt hätten. Eine lebendige Demokratie lebe von Menschen, die für sie einstehen und sie weiterentwickeln.

Neues Thema für 2020/2021

Am Nachmittag wurde der Blick auf die Themenperiode für die nächsten zwei Jahre gelenkt, in dem gemeinsam beraten wurde, welches Thema behandelt werden soll. Im Vorfeld hatte der Beirat aus den ca. 40 von den Mitgliedsorganisationen eingebrachten Vorschlägen folgende Themen kondensiert: 1. „Chancen und Risiken der Digitalisierung“, 2. „Soziale und biologische Elternschaften/ Erweiterte Familie“, 3. „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ sowie 4. „Klimawandel, Nachhaltigkeit und Familie“. Diese Themen wurden an Thementischen diskutiert. Die Themen wurden in vier Runden à 15 Minuten besprochen, sodass sich allen Teilnehmenden die Gelegenheit bot, sich zu jedem Thema eine Meinung zu bilden und erste Anregungen für eine potentielle Bearbeitung zu geben.

Nach der Ergebnispräsentation der spannenden Gespräche wählten die Anwesenden mit großer Mehrheit „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ zum Thema für den Zeitraum 2020/2021. Ein zentraler Diskussionsgegenstand war die Frage nach Freiraum und Verdrängung sowie zusammenhängend hiermit die Frage nach Wohnraum und sozialer Gerechtigkeit bzw. Ausgrenzung. Desweiteren wurde angeregt, sich  über zukunftsweisende Wohnmodelle für Familien in urbanen und ländlichen Räumen auszutauschen.

Fachforum zur Europawahl „Familie und Demokratie in Europa“ am 05. April 2019

Am 05. April 2019 fanden sich im Centre Monbijou in Berlin ca. 45 Teilnehmende ein, um in der ersten Tageshälfte über Demokratie in Europa zu diskutieren und sich anschließend mit den aktuellen Aktivitäten des Bundesforms Familie zum Thema „Partizipation, Demokratie und Familie“ auseinander zu setzen.

Anlässlich der im Mai stattfindenden Europawahl setzte sich das Bundesforum Familie mit Inputs von verschiedenen europäischen Vereinen auseinander. Dieser Schwerpunkt wurde unter anderem gesetzt, da sich in den öffentlichen Debatten zu Europa auch Befürchtungen über nationalistische und anti-demokratische Bewegungen widerspiegeln. In den Inputs ging es einerseits darum, Partizipationsformen in der Europäischen Union hinsichtlich Wahlen und Wahlsysteme zu beleuchten und die Rollen verschiedener Initiativen und Organisationen dabei zu betrachten und andererseits darum, die Positionen der Familien- bzw. Sozialpolitik auf der europäischen Ebene darzulegen.

Inputs dazu wurden gegeben von:

  • Reinhard Fischer, Europe Direct Informationszentrum Berlin in der Landeszentrale für politische Bildung, erläuterte in seinem Beitrag Partizipation in Europa mittels Wahlen, gab dazu einen kleinen historischen Abriss und erläuterte die nationalen Bestimmungen der Europawahl anhand eines Infoblatts.
  • Georg Händel, Pulse of Europe, stellte in seinem Input verschiedene Möglichkeiten für Bürger*innen dar, sich für Demokratie in Europa zu engagieren, u.a. mit vorbereiteten Diskussionspaketen für „Hausparlamente“ oder in Kneipen. Das Ziel von Pulse of Europe ist es, den europäischen Gedanken wieder sicht- und hörbar zu machen und möglichst viele Menschen dazu zu gewinnen, bei der Europawahl wählen zu gehen. Um diesen Gedanken in die Welt zu tragen, ist Pulse of Europe in über 70 europäischen Städten aktiv, u.a. mit sonntäglichen Demonstrationen.
  • Christian Moos stellte die Europäische Bewegung Deutschland (EBD) und deren bundesweite Aktionen wie Bürgerdialoge, Straßenaktionen und verschiedene andere Kampagnen anlässlich der Europawahlen vor. Die verschiedenen Mitgliedsorganisationen der EBD sind z.B. aufgerufen, bei der Kampagne „make Europe yourope“ den für sie wichtigsten Mehrwert der EU zu benennen. Dies nahm das Bundesforum zum Anlass, um die Anwesenden ebenfalls dazu zu befragen. Die Europa-Union Deutschland wirbt mit der Kampagne #europamachen mit online-Aktionen und einer Bustour durch ganz Deutschland ebenfalls für die Teilnahme an der Europawahl. Sie vertritt die Auffassung, dass Europa vor Allem von der Bürgergesellschaft und nicht nur von der Politik gestaltet wird.
  •  Cornelia Markowski, Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, erläuterte in ihrem Beitrag die Forderungen im sozialen und familienpolitischen Bereich zur Europawahl ihres Vereins. Sie stellte dabei die Erwartungen des Deutschen Ver­eins an die Europäische Union zur Europawahl und Perspektiven für ein soziales Europa dar. Zusätzlich gab sie einen Einblick über die verschiedenen Möglichkeiten eines in Deutschland ansässigen Vereins, die Brüsseler Politik mit zu beeinflussen.

Im Anschluss daran wurde mit den Teilnehmenden eine gemeinsame Bestandsaufnahme der aktuellen BFF-Aktivitäten zum Thema „Partizipation, Demokratie und Familie“ gemacht, um die weitere Bearbeitung des Themas zu planen. Im Fokus stand dabei die Verständigung über die Grobstruktur der Abschlusspublikation. Zunächst stand ein gemeinsames Verständigen der einzelnen Begrifflichkeiten „Partizipation“, „Demokratie“ und „Familie“ sowie „Werte“ im Vordergrund. Anschließend wurde im Plenum über weitere Themenschwerpunkten diskutiert. Dabei hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihre Ergänzungspunkte in den Entwurf der Abschlussbroschüre einzubringen und die Struktur so aktiv mitzugestalten. Insgesamt wurde die vorgelegte Grobstruktur von allen Teilnehmenden für gut befunden.

Veranstaltung „Familie als Übungsfeld der Demokratie“ am Freitag, 09. November 2018 in Berlin

Rund 30 Teilnehmende fanden sich am 09. November zu der Veranstaltung im Centre Monbijou ein, um konkrete Erfahrungsräume zum Thema Demokratie für Familien zu diskutieren. Nach einem Begrüßungskaffee hielt Dr. Christian Alt vom Deutschen Jugendinstitut den ersten Impulsvortrag mit dem Titel „Familie als Übungsfeld der Demokratie.“ Nach einem regen Austausch über den Input und angeregten Diskussionen konnten sich die Teilnehmenden bei einem Mittagessen weiter austauschen.

Anschließend fanden zwei parallel verlaufende Workshops statt, an denen jeweils die Hälfte der Gruppe nacheinander teilnahmen, so dass alle Anwesenden die gleichen Inputs erhielten.

Die Impulsgeberin beim ersten Workshop war Eva Prausner, Eltern stärken zum Schwerpunkt „Familienbildung zwischen Wertschätzung und Positionierung – Diskriminierende und rechtsextreme Äußerungen von Eltern.“

Der zweite Workshop wurde von Dr. Verena Wittke, AWO zusammen mit Ulrike Stephan, eaf zum Thema „Was kann die Familienbildung zur Demokratiebildung in Familien beitragen?“ gehalten.

Anschließend erfolgte die Ergebnissicherung aus den beiden Workshop-Gruppen im Plenum und das Sammeln von Fragestellungen und Schwerpunkten für die zukünftige Arbeit des Bundesforums Familie.

Abschließend hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit sich beim Networking-Kaffee weiter auszutauschen und angeregte Diskussionen zu vertiefen.

 

Fachforum „Wie beteiligen sich Kinder und Jugendliche in der Gesellschaft?“ am 29. Oktober 2018

Gut 40 Teilnehmende fanden sich am 29. Oktober 2018 in Berlin zum Fachforum „Wie beteiligen sich Kinder und Jugendliche in der Gesellschaft?“ ins Hotel Grenzfall ein. Initiiert von der Arbeitsgruppe „Spezifische Belange von Kindern und Jugendlichen in der Demokratie“ war es Ziel, Impulse zum Thema der aktiven Beteiligung von Kinder und Jugendlichen in der Demokratie zu setzen sowie ein besseres Verständnis zu den Erfolgsfaktoren von einzelnen Projekten zu erlangen.

Die Veranstaltung begann mit einem Impulsvortrag „Partizipation von Kindern und Jugendlichen – empirische und praktische Perspektiven“ von Prof. Dr. Katharina Gerarts, Professorin für Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule in Darmstadt und ehrenamtliche Beauftragte der hessischen Landesregierung für Kinder- und Jugendrechte. Prof. Dr. Gerarts leitete die Grundlagen der Partizipation von Kindern und Jugendlichen zunächst theoretisch her, indem sie u.a. die UN-Kinderrechtskonvention als Grundlage nutzte und zudem die entwicklungspsychologischer Sicht einbezog. Im Anschluss stellte sie in einem empirischen Teil die World Vision Kinderstudie 2018 und des LBS-Kinderbarometers von 2016 vor.

Zusätzlich berichtete Prof. Dr. Gerarts aus der Praxis anhand der von ihr begleiteten Kinder- und Jugendrechte-Charta in Hessen. Dabei erläuterte sie ausführlich die konkrete Ausgestaltung und die Erarbeitung der Fragestellungen, die dabei an die Kinder herangetragen wurden. Weiterhin berichtete sie vom Kongress für Kinder und Erwachsene „Kinder mischen mit, das Recht des Kindes auf Beteiligung und Verwirklichung“, der 2015 in Darmstadt stattgefunden hatte und erläuterte weitere Beispiele der Einbindung von Kindern und Jugendlichen in politische Prozesse und fachliche Diskurse.

Abschließend wandte sie sich mit der Aufforderung zur Kleingruppenarbeit mit der Frage „In welchen Ihrer Arbeitsbereiche ist die konkrete Beteiligung von Kindern und Jugendlichen denkbar?“ an alle Teilnehmenden der Veranstaltung. Daran anknüpfend erfolgte eine angeregte Diskussion im Plenum. Unter anderem wurde über Forderungen debattiert, an Schulen und Kitas stärker über Kinderrechte zu informieren. Auch wurde angemerkt, dass Beteiligung häufig als zusätzliche Belastung angesehen würde, statt als Bereicherung.

Am Nachmittag berichtete Jan Rooschüz, geschäftsführender Vorstand des Landesverbandes Kinder- und Jugendfilm Berlin (kijufi), über Partizipation von Kindern und Jugendlichen durch Medien. Er erläuterte dies am Beispiel seines Projekts „Klappe auf für Demokratie und Kinderrechte“. Dies ist ein Kinderrechte-Filmfestival, bei dem Kinder und Jugendliche unter pädagogischer Begleitung Filme zu jenen Kinderrechten produzieren, die sie am meisten interessieren. Diese Filme wurden anschließend im Internet veröffentlicht und haben dadurch eine große Popularität erfahren (75.000 Abonnent*innen). Da es auf diese Filme jedoch nicht nur positive Rückmeldung gab, sondern die Kinder teilweise auch Hass im Netz ausgesetzt gewesen seien, habe er das Konzept der „Internet Ritter“ entwickelt, bei dem sich die Akteur*innen in einem geschützten Raum mit den „echten“ Kommentaren zu den Filmen auseinandersetzen. In Workshops werden die problematischen Beiträge thematisiert und gemeinsam nach Wege und Strategien gesucht, um auf sie zu reagieren.

Der letzte Programmpunkt der Veranstaltung umfasste eine Debatte über verschiedene politische Beteiligungsformate für Kinder und Jugendliche. Auf dem Podium diskutierten:

  • Miguel Góngora, Vorsitzender und Leyla Soysal, Vorstandsmitglied des Kinder- und Jugendparlaments von Charlottenburg-Wilmersdorf
  • Jeanette Münch, Kinder- und Jugendbeauftragte im Jugendamt Pankow
  • Angelika Staudinger, Kinder- und Jugend-Beteiligungsbüro Friedrichshain-Kreuzberg, GSJ gGmbH

In der Diskussion stellte sich unter anderem heraus, dass alle Ebenen der Beteiligungen wichtig seien, auch, weil es nicht in allen Bezirken Beteiligungsbüros gäbe oder die Kinder- und Jugendparlamente nicht immer gleich gut aufgestellt seien.

Am Ende der Veranstaltung gab es die Möglichkeiten zum bilateralem Austausch und Networking, die von vielen Teilnehmenden aktiv genutzt wurde.

Netzwerktreffen: Einblicke und Ausblicke „Familie, Partizipation und Demokratie“ am 26. April 2018

Am 26. April 2018 fand die Auftaktveranstaltung des Bundesforums Familie zum Thema „Familie, Partizipation und Demokratie“ in der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal in Berlin statt.

Wie und wodurch wird Demokratie in der Familie erlernt? Welche Möglichkeiten haben Familien, sich in die Gesellschaft einzubringen und an politischen Prozessen mitzuwirken? Wie werden demokratische Prozesse in Kita, in Schule und Jugendhilfeeinrichtungen erlebt und vorgelebt? Diese und andere Fragen stellten sich die über 70 Teilnehmer*innen der Auftaktveranstaltung „Familie, Partizipation und Demokratie“ des Bundesforums Familie.

Partizipation und Demokratiebildung im Kindesalter

Die Veranstaltung wurde mit dem Input „Partizipation und Demokratiebildung im Kindesalter“ von Peggy Reisinger, Institut für Partizipation und Bildung, eröffnet. In ihrem Vertrag verdeutlichte Reisinger, dass die Demokratisierungsprozesse bereits im Kita-Alltag erlernt werden können und müssen. Sie untermauerte dies mithilfe eines ausführlichen Berichts über den diesbezüglichen aktuellen Forschungsstand. Die Partizipation von Kindern sollte demzufolge als das Recht von Kindern zur Mitbestimmung bei ihren Belangen verstanden werden, um ein zentraler Bestandteil der subjektorientierten und demokratieorientierten Pädagogik zu sein.

Eine bedeutende Erkenntnis der Forschung sei, dass Kinder nie zu jung oder zu unerfahren sind, um in demokratischen Strukturen mit zu entscheiden und mit zu planen. Würde man Kindern ihre Rechte gewähren und würden Fachkräfte über die nötigen Partizipationskompetenzen verfügen, wären Kinder durchaus in der Lage, kompetent ihre Rechte wahrzunehmen. Fachkräfte und Kinder würden mit zunehmender Erfahrung sicherer im partizipativen Handeln. Sobald Kinder den Anspruch verinnerlicht haben, Rechte einzufordern und praktisch zu erleben, würden sie diese Erfahrungen auch auf andere Lebensbereiche übertragen. So wären sie z.B. in der Lage, im Familienkreis mit zu entscheiden, Ideen zu diskutieren oder ihre Rechte im Kita- oder Schulalltag einzufordern. Schlussendlich haben sie damit gute Voraussetzungen, sich auch im Gemeinwesen zu engagieren und z.B. die Politik auf existierende Missstände aus Kindersicht aufmerksam zu machen.

Dem Vortrag folgte nahtlos eine sehr angeregte Diskussion über diese Erkenntnisse und Thesen. Sabine Zimmermann, Vorsitzende des Familienausschusses des Deutschen Bundestages, nahm die Gelegenheit wahr, sich den Mitgliedern des Bundesforums Familie kurz vorzustellen und ihr eigenes großes Interesse an diesem Thema zu bekunden. Sie sicherte ihre eigene Beteiligung an dem Diskussionsprozess zu und freue sich sehr auf die Mitarbeit im Beirat des Bundesforum Familie.

Demokratieförderung und Partizipation in Kitas und der Kindertagespflege

Die Diskussionsimpulse dazu gab Franziska Porst, Koordinatorin des Kooperationsprojekt „Demokratie und Vielfalt in der Kindertagesbetreuung“ der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege, der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Porst erinnerte daran, dass ca. 3,5 Mio. Kinder eine Kindertageseinrichtung oder -tagespflege besuchen (2017), sehr viele davon in Trägerschaft der Wohlfahrtsverbände. Das Projekt habe zum Ziel, Kinder, pädagogische und nicht-pädagogische Fachkräfte, Eltern und Elternvertretungen sowie den Sozialraum für demokratische Partizipation und Mitbestimmung zu sensibilisieren, um die Wahrnehmung und Akzeptanz von Vielfalt zu fördern.

Nach ihrer Erfahrung würden Kinder sich von sich heraus beteiligen wollen und würden auch die Grundlagen von Demokratie beherrschen. Partizipation stelle jedoch neue Anforderungen an Fachkräfte mit Hinblick auf ihre Kompetenzen, Ressourcen und Haltung: häufig falle es dem Fachpersonal schwer, „Macht“ abzugeben und Kinder mitbestimmen zu lassen. Dies gelte im Übrigen auch für Eltern. Da der Prozess von Partizipation von Kindern in der Kindertagesbetreuung Auswirkungen auf die ganze Familie habe, stehe die Einbeziehung von Eltern und anderer Bezugspersonen bei diesen Prozessen besonders im Vordergrund. Auch sei es wichtig, die Beteiligung von Kindern und Eltern in der Kita stärker zusammenzudenken, damit Demokratiebildung auch in den Familien aufgegriffen werden könne. Nur dann würde Demokratiebildung im weiteren Bildungsweg von Kindern fortgeführt werden können. Damit sei jedoch die generelle Anforderung verbunden, das deutsche Bildungssystem stärker auf Partizipation und Teilhabe auszurichten.

Die zahlreichen Projekte, die unter der Überschrift „Demokratieförderung und Partizipation in Kitas“ agieren, werden von den Wohlfahrtsverbänden mit sehr unterschiedlichen Ansätzen umgesetzt. Als Beispiel stellte Meike Geppert, Diakonie Deutschland, ihr Projekt von „Was heißt hier eigentlich Demokratie? – Demokratieerziehung als originärer Auftrag der frühkindlichen Bildung“ vor, das sie mit der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder gemeinsam erarbeitet hat.

In der anschließenden Diskussion unter den Teilnehmer*innen wurde unter anderem betont, dass nicht nur die Mitte der Gesellschaft bei der Demokratiebildung im Vordergrund stehen dürfe, sondern auch daran gedacht werden müsse, wie Partizipation unter schwierigeren Bedingungen gelingen könne.

Auch wurde angemerkt, dass es bei Partizipation immer um die Frage der Machtabgabe gehe – als Fachkraft, als Vorgesetzte*r aber ebenso auch als Mutter oder Vater. In der Diskussion wurde deutlich, dass es unter den Teilnehmer*innen – ebenso wie in der Gesellschaft unterschiedliche Definition von Demokratie gebe. Heißt Demokratie lediglich die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen oder geht sie noch darüber hinaus? Kritisch genannt wurde, dass zu viel Partizipation auch zu einer Überforderung der Kinder führen könne.

Demokratieförderung und Partizipation im schulischen Bereich

Christine Achenbach, Bildungsreferentin beim Verein für Demokratie und Vielfalt in Schule und beruflicher Bildung berichtete, wie ihr Verein Bildungseinrichtungen in ihrem Engagement gegen Rechtsextremismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Diskriminierungen und religiös begründeten Extremismus unterstützt. Sie würden Fortbildungen für Pädagog*innen anbieten, Audit-Verfahren zur Schulentwicklung begleiten, Schüler*innen unterstützen, die sich im Klassenrat, in der Schüler*innenvertretung oder für Initiativen wie „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ engagieren, Seminare und Klassentage mit Schüler*innen durchführen sowie Handreichungen und Argumentationshilfen entwickeln. Hinsichtlich der Demokratiebildung in der Leherer*innenausbildung berichtete sie dass lediglich 20 von 60 Hochschulen „Demokratiebildung“ als verpflichtende Lehrveranstaltung bei der Ausbildung von Gymnasiallehrern im Programm habe. Bei der Ausbildung zu Grundschullehrer*innen seien es 16 von 44 Hochschulen.

Martin Nanzig leitet den Bereich „Partner & Programme“ bei der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe), die sich für die Entwicklung demokratischer Handlungskompetenzen und in der Förderung demokratischer Organisationskulturen in schulischen und außerschulischen Erziehungs- und Bildungseinrichtungen einsetzt. In dieser Funktion koordiniert er die Kooperation der DeGeDe im Bundesprogramm „OPENION – Bildung für eine starke Demokratie“. OPENION gebe jungen Menschen die Möglichkeit, sich in gesellschaftliche Prozesse einzubringen, eigene Ideen zu entwickeln und Demokratie als Gestaltungsprozess zu erfahren. Weiterhin stellte Martin Nanzig das Bündnis Bildung für eine demokratische Gesellschaft vor, in dem zivilgesellschaftliche Institutionen und Organisationen sowie Stiftungen gemeinsame die Herausforderungen für eine demokratischere Gesellschaft angehen. Das Bündnis sei offen für weitere zivilgesellschaftliche Organisationen sowie auch Akteure aus Politik und Verwaltung in Bund und Ländern.

Außerinstitutionelle Demokratieförderung

Karin Bremer, Drehscheibe Kinder- und Jugendpolitik, Stiftung SPI und Manuela Elsaßer, Koordinatorin für Kinder -und Jugendbeteiligung im Bezirksamt Lichtenberg von Berlin führten mit Inputs in die Thematik ein.

Bremer erläuterte das Projekt „Drehscheibe der Demokratie“, das das Ziel habe, eine lebendige, alters- und entwicklungsgerechte, attraktive Kinderpolitik kommunal zu verankern sowie Angebote und Projekte zur direkten Beteiligung von Kindern und Jugendlichen umzusetzen. Dafür müsse:

  • eine Struktur geschaffen werden,
  • Statements von Ministerien und anderen politischen Institutionen gesetzt werden,
  • Ansatzpunkte für Kinder- und Jugendliche gegeben werden, wo sie mit ihren Beteiligungswünschen andocken können.

Gesetzliche Grundlagen dafür würden unter anderem die Landesverfassung, das Kita- und Schulgesetz, das Grundgesetz, die UN-Kinderrechtskonvention, das Kinderjugendhilfegesetz sowie das SGB VIII bieten.

Entscheidend für die Qualität von Partizipation sei jedoch insbesondere die Haltung von Erwachsenen. Partizipation müsse zunächst in den Herzen und den Köpfen der Erwachsenen entstehen. Ziel müsse es jeweils sein, für Kinder und Jugendlichen eine Teilhabe an jenen Entscheidungen sicherzustellen, die sie betreffen würden, z.B. bei der Mitgestaltung ihres Lebensraums. Kinder sollen als Expert*innen in eigener Sache ernstgenommen werden, dazu sei es auch notwendig, kind- und jugendgerechte Methoden anzuwenden. Partizipation sei Machtabgabe – diese Machtabgabe würde unmittelbar etwas bewirken und müsse offen und frei zugelassen werden. Ressourcen bereitzustellen sei bei der Beteiligungen von Kindern und Jugendlichen unverzichtbar.

Als Projektbeispiele nannte Bremer die U18 Wahl für Kinder und Jugendliche, Kinder- und Jugendparlamente und die Beteiligung an der Entstehung des Jugendfördergesetzes in Berlin sowie das „JugendForum,“ bei dem Jugendliche mit Abgeordneten des Abgeordnetenhauses in einen Dialog treten würden.

Manuela Elsaßer stellte beispielhaft die Beteiligungsprozesse im Bezirksamt Lichtenberg dar, dessen Basis die Verwaltung, die Kommunalpolitik und die Kinder und Jugendlichen selbst bilden. Sie stellte das Projekt der „Spielleitplanung“ und des „Money man“ vor, mit denen Kinder und Jungendliche ganz praktisch partizipieren können.

Das Bundesprogramm „Demokratie leben“

Thomas Heppener, Leiter der Referatsgruppe Demokratie und Vielfalt im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stellte das Bundesprogramm „Demokratie leben“ vom BMFSFJ vor. Dabei unterstrich er die große Bedeutung der zahlreichen Initiativen, Vereine und der engagierten Bürger*innen, die sich tagtäglich für ein vielfältiges, gewaltfreies und demokratisches Miteinander einsetzen würden. Das Bundesprogramm solle diese Arbeit finanziell unterstützen. Er bestätigte, dass die Laufzeit des Projekts bis 2019 mit rund 100 Millionen pro Jahr gesichert und eine Verlängerung angestrebt sei. Es folgte eine angeregte Diskussion über das Bundesprogramm und dessen Schwerpunkte, in der Thomas Heppener zu bedenken gab, dass es eine Gefahr darstellen könne, Präventionsmaßnahmen zu sehr in „Nischen“ zu denken. Er plädierte dafür, dass sich demokratiefördernde Maßnahmen sich an alle Menschen gleichermaßen richten sollten. Gleichzeitig ermutigte er die Mitglieder des BFF dazu, ihren Anspruch nach mehr Demokratieförderungsmöglichkeiten in der Gesellschaft lauter werden zu lassen, ihm seien die NGOs dazu deutlich zu leise.

Konstruktives Streiten innerhalb von Familien

Martina Plewa berichtete aus ihrer Praxis als Koordinatorin von Familienräten. Sie stellte zunächst das Konzept des Familienrats vor, bei dem es darum gehe, dass Familien gemeinsam mit Verwandten, Freunden und weiteren Personen aus der Lebenswelt zusammen kommen und Ideen für die Lösungen ihrer Probleme entwickeln. Familien und deren Umfeld würden häufig am besten wissen, was sie gut könnten und was bei ihnen nicht gut funktionierte. Die Beteiligten würden gemeinsam einen Plan entwickeln, für den alle Verantwortung übernähmen. Da das Jugendamt die vermittelnde Behörde sei, gebe es aufgrund einer eher negativen Assoziation zunächst häufig Hemmnisse, einen Familienrat zu begründen. Sobald diese Hürde jedoch überwunden sei, würde als erster Schritt unter den Teilnehmenden des Familienrates die Sorge besprochen und ein entsprechender Lösungsplan erarbeitet werden, der schriftlich festgehalten werde. Anschließend prüfe der*die Sozialarbeiter*in die vorgetragene Lösung vor dem Hintergrund der formulierten Sorge. Im Laufe des Prozesses würden aus der Familie heraus ein Protokollant, ein Moderator und ein Wächter der Regeln für den Diskussionsverlauf bestimmt werden. Die Koordinatorin sei lediglich die Organisatorin dieses Prozesses, sie nehme im Diskussionsverlauf nur eine beobachtende Rolle ein. Abgesehen von dieser allgemeinen Rahmenstruktur sei jeder Familienrat in seiner Durchführung einzigartig, denn er berücksichtige maßgeschneidert die Werte und Rituale der jeweiligen Familienratsgruppe individuell.

Arbeitsgruppen

Neben den inhaltlichen Diskussionen war es das Ziel dieser Auftaktveranstaltung, verschiedene Arbeitsgruppen zur weiteren Arbeit zu bilden. Während der Veranstaltung haben die Teilnehmer/innen weitergehende Fragestellungen und Anregungen notiert und sie den jeweiligen Themenschwerpunkten „Demokratie in der Familie“, „Familien in der Demokratie“ bzw. „Spezifische Belange von Kindern und Jugendlichen in der Demokratie“ zugeordnet. Am Ende der Veranstaltung hatten die Teilnehmer*innen noch Gelegenheit, an einer der drei Themen-Säulen zu diskutieren und weitere Absprachen zu treffen.

Markt der Möglichkeiten

Zusätzlich zu den Diskussionen im Plenum hatten die Teilnehmer*innen auf einem Markt der Möglichkeiten die Gelegenheit, sich mit den vorgestellten Initiativen und Projekten sowie zusätzlich mit Vertreter*innen der Initiativen „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“, „Die offene Gesellschaft“ und des Bundesverbands für Kindertagespflege mit dem Projekt „Demokratie und Partizipation von Anfang an“ ins Gespräch zu kommen.

 

Netzwerktreffen: Vorstellung Publikation „Familie und Flucht – Familie leben, in der Gesellschaft ankommen“ und Wahl Schwerpunktthema 2018/2019 am 30. November 2017

Knapp 60 Teilnehmende aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie kamen am 30. November 2017 zur diesjährigen Netzwerkversammlung zusammen. Die Beratungen zum Thema „Familie und Flucht“ wurden am Vormittag beleuchtet. Petra Winkelmann, Dr. Jürgen Wüst, Birgit Merkel und Lisa Sommer stellten stellvertretend für die Ad-hoc-Arbeitsgruppen die Diskussionsergebnisse der letzten zwei Jahre vor, wie sie in der Broschüre „Familie und Flucht – Familie leben, in der Gesellschaft ankommen“ dargestellt werden. In ihr finden sich zu jedem Unterthema ein Bericht des durchgeführten Fachforums sowie zentrale Erkenntnisse, die die jeweilige Ad-hoc-Arbeitsgruppe zum Thema gewonnen hat. Dies waren: 1. Werte lernen in der Migrationsgesellschaft; 2. Zugänge von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu Regelangeboten der Bildung; 3. Junge Geflüchtete und ihre Familien in der Kinder- und Jugendhilfe; 4. Familienzusammenführung von Geflüchteten. Zudem blicken die Beteiligten der Arbeitsgruppen sowie der Beirat gemeinsam in einem Abschlusskapitel übergreifend auf das Thema. Nach der Vorstellung wurden die Ergebnisse im Plenum kommentiert, beraten und diskutiert.

Neuer Beirat

Da die vier-jährige Periode des bisherigen Beirats des Bundesforums Ende 2017 endet, muss für die nächsten vier Jahre ein neuer Beirat berufen werden. Sven Iversen bedankte sich im Namen des Bundesforums Familie herzlich beim bisherigen Beirat, der die Arbeit des Bundesforums und der Geschäftsstelle sehr konstruktiv und intensiv begleitet hat. Im Anschluss waren die Organisationen des Bundesforums Familie aufgerufen, aus ihrer Mitte Personen für den Beirat zu wählen. Insgesamt hatten sich 11 Personen darum beworben, sie stellten sich in einer Vorstellungsrunde den Teilnehmenden vor. Gewählt wurden (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Magda Göller, Pestalozzi-Fröbel-Verband
  • Dr. Andreas Heek, Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschland
  • Cordula Lasner-Tietze, Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband
  • Silke Raab, Deutscher Gewerkschaftsbund
  • Stephan Wassmuth, Bundeselternrat

Wir gratulieren ganz herzlich und freuen uns auf eine gute Zusammenarbeit.

Thema für 2018/2019

Am Nachmittag wurde zum Thema der nächsten zwei Jahren beraten. Unter den rund 40 eingegangenen Vorschlägen hatte der Beirat die Themen „Familie und Digitalisierung“, „Elternschaften heute“, „Familie, Partizipation und Demokratie“ sowie „Familie in besonderen Lebenslagen“ ausgewählt, die an Thementischen in vier Runden von allen Teilnehmer*innen angeregt diskutiert wurden. Nach spannenden Gesprächen wählten die Anwesenden „Familie, Partizipation und Demokratie“ zum Thema für die nächsten zwei Jahre. Ein zentraler Diskussionsgegenstand war die Frage nach Rolle und Bedeutsamkeit von Familie als zentraler Bildungs- und Sozialisationsinstanz im Erwerb demokratischer Kompetenzen und demokratiefördernder Einstellungen. Dabei ging es u.a. um die Möglichkeiten und Kompetenzen, die in Familien vorhanden sein müssen, um sich z.B. in Beteiligungsprozessen einzubringen, mitzuwirken, mitzugestalten und ihre Bedarfe einzubringen.

Als nächste Schritte wird nun die Art und Schwerpunktsetzung der Themenbearbeitung erarbeitet, und dies voraussichtlich im Januar im Beirat besprochen. Alle Mitglieder sind herzlich eingeladen, dazu Ideen, Anregungen und Erfahrungen mitzuteilen.

Viel Austausch und wichtige Einblicke bei Fachforum „Familienzusammenführung von Geflüchteten“

Berlin, 03. Mai 2017:
Was bedeutet es konkret für eine Familie, wenn sie den Prozess der Familienzusammenführung durchläuft? Wo liegen bei der Familienzusammenführung von Geflüchteten in der Praxis die Spannungsfelder und Herausforderungen? Was müsste in der Handhabung der Familienzusammenführung verändert werden? Über diese und weitere Fragen diskutierten die rund 40 Teilnehmer_innen beim Fachforum „Familienzusammenführung von Geflüchteten“ des Bundesforums Familie am 03. Mai 2017.

Die Veranstaltung wurde eingeleitet von einer thematischen Hinführung „Familienzusammenführung als familienpolitisches Thema?“ von Hiltrud Stöcker-Zafari (Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.). Darin erläuterte sie das Spannungsverhältnis der Zuständigkeiten beim Thema Familienzusammenführung zwischen Familienpolitik und Innenpolitik und gab einen kurzen historischen Einblick in Familienzusammenführungsprozesse der letzten 40 Jahre in Deutschland. Abschließend ging sie auf die besondere Bedeutung ein, die der Familiennachzug bei Geflüchteten für das Ankommen in einer Gesellschaft hat.

Es folgte ein Impulsreferat von Rebecca Einhoff (UNHCR) zum Thema „Familienzusammenführung von Flüchtlingen: Rechtliche Rahmenbedingungen und praktische Hindernisse“ (PDF). Dabei gab Rebecca Einhoff einen Überblick über die völkerrechtlichen Grundsätze zur Familienzusammenführung und erläuterte die unterschiedlichen Definitionen des Familienbegriffs der verschiedenen internationalen Konventionen, Institutionen und Organe. Einhoff berichtete, dass die Einheit der Familie in völkerrechtlichen Dokumenten zwar geschützt werde, „Familienzusammenführung“ jedoch in nur wenigen Dokumenten ausdrücklich Erwähnung finde. Sie stellte ausführlich die völkerrechtlichen, europäischen und nationalen Grundsätze zur Familienzusammenführung dar und verdeutlichte, unter welchen Voraussetzungen sie möglich sei und welche Bestimmungen dabei gelten. Dabei wies sie darauf hin, dass es in der Praxis der Familienzusammenführung große Probleme vor allem mit den unterschiedlichen Terminvergabesystemen und den langen Wartezeiten auf Termine und Verfahren gebe. Auch die praktische Erreichbarkeit der deutschen Auslandsvertretungen (insbesondere im Libanon und der Türkei) stelle oftmals ein großes Hindernis für eine rasche Familienzusammenführung dar.

Anschließend ging Einhoff näher auf aktuelle rechtliche Probleme in Deutschland aus Sicht von UNHCR ein, die vor allem mit der engen Definition des Familienbegriffs (z.B. der Schwierigkeit, Geschwisterkinder von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF) gemeinsam mit den Eltern nachziehen zu lassen) sowie auch mit der aktuellen Aussetzung der Familienzusammenführung von Personen mit subsidiärem Schutz zusammenhängen. Auch die Zumutbarkeit der Pass- und Dokumentenbeschaffung (Identitätsnachweis, Nachweis der familiären Verbindungen) und alternative Formen der Glaubhaftmachung seien problematisch. Zum Abschluss gab Einhoff einen kurzen Exkurs zu den Grundsätzen der Familienzusammenführung im Rahmen der Dublin-III-Verordnung und zu anderen Aufnahme- bzw. Einreisemöglichkeiten für Familienangehörige (Resettlement, Humanitäre Aufnahmeprogramme, Aufnahmeprogramme der Bundesländer etc.).

In Anschluss fand die anregende Podiumsdiskussion „Familienzusammenführung von Geflüchteten: Chancen und Herausforderungen“ mit Karim Al Wasiti (Flüchtlingsrat Niedersachsen), Mohammed Jouni (Jugendliche Ohne Grenzen), Sebastian Muy (BBZ – Beratungs- und Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge und Migrant*innen), Gerhard Scholz (Ausländerbehörde München) und Ulrike Wolz (Landesjugendamt Berlin) statt.

Gerhard Scholz, der seit 1992 in der Ausländerbehörde München arbeitet, beschrieb die enorme Erhöhung des Arbeitsumfangs und die damit einhergehenden großen personellen Herausforderungen, die mit dem aktuellen Anstieg der Anzahl Geflüchteter aus Syrien einhergingen. Er berichtete von teilweise sehr langen Wartezeiten für die Familienangehörigen bei den Auslandsvertretungen, denen dann wiederum lange Bearbeitungszeiten bei den Ausländerbehörden folgen würden, sodass der Prozess des Familiennachzugs insgesamt zu lange dauere.

Dabei sei das grundsätzliche Problem des Zuzugs nicht neu. So sei es gleich zu Beginn seiner Arbeit bei der Ausländerbehörde im Zuge der Balkankrise zu einer großen Zuwanderung von geflüchteten Familien gekommen. Einige Aspekte hätten sich jedoch seit der damaligen Zeit verbessert, beispielsweise sei das Thema Beschäftigung von Geflüchteten viel besser aufgegriffen worden. Auch die Einsicht, dass Deutschland Zuwanderer_innen brauche, habe sich deutlich zum Positiven gewandelt. Vieles sei jedoch nach wie vor verbesserungsfähig: wünschenswert wären z. B. Verwaltungsanweisungen oder eine entsprechende Gesetzgebung, die mehr Klarheit in die Familienzusammenführung bringen würde, vor allem beim Thema Nachzug von Geschwisterkindern.

Sebastian Muy stellte seine Arbeit beim Beratungszentrum BBZ vor, wo er seit Oktober 2014 tätig ist. Die größte Gruppe, die er dort berate, seien syrische Geflüchtete. Er habe im Prozess der Familienzusammenführung Wartezeiten von 15 Monaten bis zu zwei Jahren miterlebt. Daneben stelle die Aussetzung des Familiennachzugs zu subsidiär Schutzberechtigten eines der größten Probleme dar. Dies sei vor allem für unbegleitete Jugendliche und deren Familien hoch problematisch, da diese nach Vollendung des 18. Lebensjahres den Anspruch auf Nachzug der Eltern verlören. Er betonte, dass Familiennachzug oftmals auch außerhalb der Kernfamilie von den Geflüchteten erwünscht sei. Dass dem nicht stattgegeben wird, liege am engen Familienbegriff des Aufenthaltsgesetzes und der restriktiven Auslegung der bestehenden Härtefallregelungen. In jüngster Zeit würden die Behörden zunehmend die Visaanträge von Geschwistern von UMF ablehnen und damit selbst Kernfamilien auseinanderreißen.

Muy wünschte sich, dass Gesetze, Behörden und Gerichte den Familien jenen Wert beimessen, den sie – unter anderem nach der UN-Kinderrechtskonvention – tatsächlich haben, anstatt Familien auseinander zu reißen. Dabei müsse die Situation der Familienangehörigen im Ausland ebenso berücksichtigt werden wie die emotionale Belastung und der Druck, dem sich insbesondere unbegleitete Minderjährige in Deutschland ausgesetzt fühlten. Viele wagten es daher nicht, ihren Eltern das Ausmaß der Hürden und Schwierigkeiten zu berichten. Dies stelle oftmals eine Zerreißprobe für die gesamte Familie dar.

Karim Al Wasiti berichtete, dass die Familienzusammenführung ein wichtiges Arbeitsfeld des Flüchtlingsrats Niedersachsen sei und er das Thema seit Anfang der Krise in Syrien intensiv begleite. Seit Anfang 2016 arbeite er sogar hauptsächlich im Thema Familienzusammenführung zu anerkannten Flüchtlingen in den Feldern Beratung, Begleitung und Öffentlichkeitsarbeit. Der Flüchtlingsrat formuliere durch enge Begleitung dieses Prozesses politische Forderungen, damit das Recht auf Familienzusammenführung für anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Geschützte nicht durch jahrelange Wartezeiten, bürokratische Hürden und gesetzliche Verschärfungen auf die lange Bank geschoben werde. Zusammen mit anderen Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen, Wohlfahrtverbänden und Kirchen habe der Flüchtlingsrat daran gearbeitet, dass Angehörige von syrischen Geflüchteten in Deutschland durch Aufnahmeprogramme einreisen könnten.

Al Wasiti kritisierte, dass viele Menschen, die eigentlich einen Anspruch auf Familiennachzug nach Deutschland hätten, diesen aufgrund immenser bürokratischer Hürden nicht einlösen könnten. So seien 200.000 Menschen aus Syrien und dem Irak nach Genfer Flüchtlingskonvention im Jahr 2016 in Deutschland anerkannt worden, während im selben Zeitraum nur 48.000 Visa an die anspruchsberechtigten Angehörigen erteilt worden seien. Er bemängelte ebenfalls, dass seit Sommer 2016 neue Dimensionen der Verhinderung von Familiennachzug zu UMF durch Ausnutzung von Gesetzeslücken durch das Verwaltungshandeln zu beobachten seien. Dabei würden den Eltern dieser UMF Visa erteilt, den minderjährigen Geschwistern aber nicht. Deshalb stünden diese Eltern oftmals vor einer schwierigen Entscheidung: Sie müssten sich zwischen dem Zusammenleben mit einem Teil ihrer Kinder und dem Zusammenleben als Ehepaar entscheiden. Er appellierte dementsprechend deutlich an die Familienverbände, sie sollten verstärkt zusammenarbeiten und ihre Forderungen deutlich lauter werden lassen.

Ulrike Wolz stellte dar, dass in ihrer Arbeit beim Landesjugendamt Berlin die hochgradig schutzbedürftigen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von besonderer Relevanz seien. Das Landesjugendamt sei zunächst für sie zuständig und übernehme dann die Verteilung auf die Bezirke. Auch in ihrer Arbeit sei Familienzusammenführung bislang kein großes Thema gewesen. Nun schlage es immer mehr auf, denn die meisten UMF äußerten sehr rasch den Wunsch nach Familiennachzug. Problematisch sei aber auch die innerdeutsche Familienzusammenführung, da im Gesetz nicht näher definiert sei, wer genau als Verwandte_r gelte und wer nicht. Eine Zusammenführung sei dadurch in manchen Fällen ausgeschlossen gewesen, auch wenn es tatsächlich Verwandte in anderen deutschen Städten gab und alle Beteiligten eine Zusammenführung wünschten. Besonders problematisch sei es, wenn sich innerhalb des Prozesses der Familienzusammenführung die Zuständigkeiten der Behörden ändere. Auch gebe es in allen Bundesländern unterschiedliche Regelungen, die sich wiederum ebenfalls viel Fluktuation unterlägen, beispielsweise habe sich die Anerkennung des afghanischen Identitätsdokuments Tazkira in Berlin zweimal kurzfristig geändert. Wolz äußerte den Wunsch, die innerdeutsche Familienzusammenführung leichter zu ermöglichen. Auch müssten die Ausländerbehörden und die Jugendämter besser zusammenarbeiten und die Prozesse der Familienzusammenführung insgesamt besser begleitet werden.

Mohammed Jouni stellte die von ihm mit gegründete Organisation Jugendliche ohne Grenzen vor. Seit 2004 betreibe die Organisation Lobbyarbeit zu den Themen Bildung und Ausbildung, Duldung und Bleiberecht. Bis 2014 sei der Begriff der Duldung weitestgehend unbekannt gewesen. Das habe sich mittlerweile geändert und die Öffentlichkeit sei inzwischen viel besser informiert.

Aus der Praxis schilderte er eine große Intransparenz bei der Terminvergabe und von Agenturen, die sich durch Familienzusammenführungsprozesse bereichern wollten. Die Situation von UMF, die einen Nachzug ihrer Familie begehrten, sei besonders problematisch: Es sei nahezu unmöglich, mit 17,5 Jahren noch einen Aufenthaltstitel zu bekommen. Es gebe auch Probleme bei der Alterseinschätzung, teilweise dauere der Prozess zwei Jahre. Dann seien die Betroffenen bereits volljährig und damit ihre letzte Chance auf einen Aufenthaltstitel entfallen würde. Jouni berichtete auch von der hohen Erwartungshaltung der Eltern an die Jugendlichen, sie schnellstmöglich nachzuholen und von dem enormen Druck, der dadurch auf den Jugendlichen laste. Innerhalb kürzester Zeit müssten sie die deutsche Sprache erlernen, ins Schul- oder Ausbildungssystem finden und sich mit den bürokratischen Hürden des Familiennachzugs auseinandersetzen. Diese hohen Anforderungen führten teils zu Depressionen und Belastungsstörungen. Von den Beratungsorganisationen erfordere dies in der Beratung oft sehr spezielle Qualifikationen in einzelnen Fragen. Gleichzeitig müsse man jedoch auch bedenken, was konkret mit den jungen Menschen passiert, wenn tatsächlich die ganze Familie nachkäme und sie dann die gesamte Verantwortung für die Familie trügen. Jouni wünschte sich eine schnelle Überarbeitung der momentan unzureichenden Gesetzeslage und einen sofortigen Stopp der Aussetzung des Familiennachzugs bei subsidiärem Schutz: Familienzusammenführung sei ein Grundrecht und ein Menschenrecht.

Anmerkungen aus dem Plenum

Im Plenum wurde betont, dass der Fokus bei der Diskussion zum Thema Familienzusammenführung nicht allein auf unbegleitete minderjährige Geflüchtete gesetzt werden sollte. Es gebe auch viele begleitete minderjährige Geflüchtete, die ebenfalls wichtige Bedarfe hätten. Dennoch schätzten die Teilnehmer_innen die langen Wartezeiten und die hohen bürokratischen Hürden im Familienzusammenführungsprozess als dramatisch und dringend reformbedürftig ein. Es sei zudem wichtig, sich die Geflüchteten und ihre Familien genau anzuschauen, denn entgegen der oftmals vorherrschenden öffentlichen Meinung würden nicht alle Transferleistungen beziehen und seien „bildungsfern“. Sprachprobleme würden häufig mit „Bildungsferne“ gleichgesetzt, dies sei problematisch.

Insgesamt wurde resümiert, dass es sich beim Familiennachzug um ein altbekanntes und aus familienpolitischer Sicht hochgradig wichtiges Thema handele, dass jedoch bislang nicht genügend im Fokus stehe. Bedauerlicherweise finde eine Bündelung der Zuständigkeiten nicht statt und die Stimme der Familienpolitik sei dabei insgesamt deutlich zu leise. Die Verantwortung könne jedoch auch nicht allein beim Gesetzgeber gesucht werden. „Was können die Organisationen des Bundesforums Familie ganz konkret dafür tun, damit Familienzusammenführung besser gelingen kann?“

In ihrem Abschlusskommentar nahm Dr. Karin Jurczyk (Deutsches Jugendinstitut), die Themen Sicherheit, Angst und Sorge um die Angehörigen in den Fokus. Ein wichtiger Aspekt dabei müsse es sein, dass Familienpolitik, Asylpolitik und Integrationspolitik mehr und effektiver zusammenarbeiten und die Familienpolitik als „weiches“ Politikfeld sich dabei offensiver und selbstbewusster behaupte. Sie ging auch auf die Frage ein, was konkret mit geflüchteten Familien passiere, wenn sie nach Deutschland gekommen sind. „Wie kann dann die ganze Familie gestützt werden?“ Bei diesen Fragen müsse auch die sozio-ökonomische und kulturelle Vielfalt von Familien  und die Vielfalt der Familienformen (z.B. Alleinerziehende) hinsichtlich ihrer Bedarfe, aber auch ihrer Ressourcen – auch und gerade beim Thema Bildung – deutlicher berücksichtigt  werden.

Inputs und Aspekte aus dem Fachforum „Junge Geflüchtete und ihre Familien in der Kinder- und Jugendhilfe“

Berlin, 20. März 2017:  Welche Bedarfe haben junge Geflüchtete? Wie hat sich die Jugendhilfe angesichts des Zuzugs von jungen Geflüchteten und ihren Familien verändert?

Diese und weitere Fragen wurden in bei der Veranstaltung des Bundesforums Familie im Rahmen des thematischen Schwerpunkts „Familie und Flucht“ diskutiert. Über 50 Teilnehmer_innen setzten sich intensiv mit den aktuellen Herausforderungen und Konsequenzen hinsichtlich der Inklusion von geflüchteten Kindern und Jugendlichen und deren Familien in die Jugendhilfe auseinander.

Inputs und Podiumsdiskussion

Bei einer anregenden Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis wurden diese Fragen von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Der Leiter des Jugendamts Tempelhof-Schöneberg von Berlin, Rainer Schwarz, berichtete aus der Praxis seines Jugendamts, dass sich die Zahl der ankommenden geflüchteten Familien in den letzten Monaten insgesamt verringert hat, die Belastung der einzelnen Jugendämter in Berlin jedoch nach wie vor sehr hoch sei. Eine viel zu große Zahl von Familien müsse eine zu lange Zeit in Notunterkünften verweilen. Aus den damit verbundenen Lebensumständen entstünde ein hoher Unterstützungsbedarf. Es habe zwar in der Vergangenheit eine große Vielfalt von Initiativen und Projekten freier Träger und ehrenamtlicher Initiativen in diesen Unterkünften gegeben, jedoch stoße diese Form der Unterstützung zunehmend an ihre Grenzen. Er berichtete über viele bürokratische Barrieren, einen erheblichen Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst und eine Vielzahl besonderer Herausforderungen, die noch zu überwinden seien. Beispielsweise könnten geflüchtete Kinder oftmals nicht aus den Willkommensklassen in den normalen Klassenverband und junge Menschen vielfach nicht in Ausbildung gebracht werden. Es gebe zwar eine Vielzahl von passenden Maßnahmen für junge Geflüchtete, jedoch seien die Jugendlichen ohne geklärten aufenthaltsrechtlichen Status in diese oft nicht vermittelbar. Positiv sei hingegen zu berichten, dass es durch die Zusammenarbeit von Jugendämtern mit freien Trägern zur Bildung von neuen, trag- und leistungsfähigen Netzwerken gekommen sei. Er fasste zusammen, dass die geflüchteten Familien zwar „in der Mitte der Jugendhilfe angekommen sind, dies aber oft noch nicht von der Mitte der Jugendhilfe so wahrgenommen wird“. Dabei seien schon jetzt alle geflüchteten Kinder und Jugendlichen Teil unserer gemeinsamen Zukunft, unabhängig ob diese in Deutschland oder in ihrem Herkunftsland liege.

Heinz Müller, Geschäftsführer des Instituts für Sozialpädagogische Forschung Mainz, begrüßte das Thema des Fachforums und berichtete, dass die Kinder- und Jugendhilfe und viele familienbezogene Dienste trotz der enormen Herausforderungen sehr vielfältig und gut aufgestellt seien. Die Fachkräfte und die Zivilgesellschaft hätten in der Vergangenheit Hervorragendes geleistet. In kürzester Zeit mussten für viele hunderttausende von jungen Menschen und Familien neue Angebote geschaffen und bestehende Strukturen angepasst werden. Allerdings sei der Handlungsbedarf nach wie vor groß. Nach dem erforderlichen Krisenmanagement der letzten Jahre stünde jetzt der Strukturaufbau an. Auch er betonte, dass dies in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit deutlicher hervorgehoben werden müsse. Immer wieder würde er auf Legitimitätsprobleme bei der Kinder- und Jugendarbeit stoßen, obwohl sie eine zentrale Aufnahme- und Integrationsfunktion für Flüchtlingsfamilien erfülle. Er berichtete, dass es nun endlich für viele Projekte und Maßnahmen in der Kinder- und Jugendhilfe finanzielle Förderung gebe, aber dass es entscheidend sei, wie die einzelnen Maßnahmen und Projekte tatsächlich koordiniert würden und wie eine solide Regelförderung aussehen könnte. Dabei sei es wichtig, die Gesamtstruktur der Kinder- und Jugendhilfe nicht aus den Augen zu verlieren. Er bewertete zusammenfassend sehr positiv, dass das System der Kinder- und Jugendhilfe insgesamt durch den Zuwachs von geflüchteten Familien in Bewegung geraten sei. Durch das Aufbrechen von Strukturen seien neue Möglichkeitsräume sichtbar geworden und es hätten sich viele neue Kooperationen gebildet.

Als Beigeordneter beim Deutschen Landkreistag ist Jörg Freese für die Kinder- und Jugendhilfe zuständig. Er betonte, dass es für eine gelingende Kinder- und Jugendhilfe unerlässlich sei, feste Strukturen zu schaffen, so dass Hilfe und Unterstützung längerfristig angelegt werden könnten. Er wies auch auf die Heterogenität in der Jugendhilfe hin. Im ländlichen Raum stoße die Jugendhilfe mit ihren Angeboten auf große Resonanz und sei insgesamt recht gut aufgestellt. Die jeweiligen Bedarfe und Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe hätten sich in den letzten Jahren ohnehin stark verändert. Angebote wie Jugendfreizeiten in Freizeitheimen müssten generell modifiziert und an die heutigen Bedarfslagen von jungen Menschen – ganz gleich ob geflüchtet oder nicht – angepasst werden.

Wilhelm Liebing, Mitglied im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugendeinrichtungen, berichtete aus seiner Praxis von der Niedrigschwelligkeit der offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen und dass diese von geflüchteten Jugendlichen viel und häufig frequentiert würden. Dabei sei zu beobachten, dass dies natürlich auch Auswirkungen auf die bisherigen Strukturen der Kinder- und Jugendeinrichtungen habe und sich das Spektrum teils verändere. Er stellte heraus, dass es vielfach eine hohe Fluktuation der Jugendlichen in den einzelnen Einrichtungen gebe. Um geflüchtete Jugendliche für die Einrichtungen zu interessieren, sei es besonders wichtig, auch die Eltern mit einzubeziehen und ihnen nicht die Kompetenz abzusprechen, für ihre Kinder sorgen zu können. So konnte er von einer offenen Jugendeinrichtung berichten, die auch von Großeltern, Eltern und (auch jüngeren) Geschwistern von geflüchteten Jugendlichen besucht werde und somit fast die Atmosphäre eines Familienzentrums aufweisen würde. Liebing erklärte ebenfalls, dass viele Projekte und Vorhaben zurzeit so gut finanziert seien wie nie zuvor, gleichzeitig aber die Absicherung der Strukturen der offenen Jugendeinrichtungen vernachlässigt werde. Er betonte, dass in der Jugendarbeit in den vergangenen Jahren insgesamt zu wenig Geld investiert worden sei. Das habe sich jetzt teilweise geändert, aber dennoch sei es auch wichtig darauf zu achten, dass das Geld zielgerichtet ausgegeben werde und nicht durch z.B. Parallelförderung verschiedener Ministerien, gerade im Bereich der Projektförderung, teilweise verpuffe. Auch sei der Druck in der Kinder- und Jugendhilfe nicht überall gleich groß, so sei die Jugendhilfe im ländlichen Raum vielerorts in Relation zu den Anforderungen besser aufgestellt als in Großstädten.

Diskussionen im Plenum

Nach der Podiumsdiskussion wurde die Debatte für das Plenum geöffnet. Auch hier wurde begrüßt, dass wieder mehr Geld im System sei, wobei kritisiert wurde, dass dies teilweise zu kurzfristig angelegt werde. So hätten beispielsweise qualifizierte Fachkräfte vielerorts lediglich befristete Verträge, die nach Ablauf oft nicht verlängert würden. Dadurch gehe viel erworbenes Fachwissen verloren und könne nicht langfristig genutzt werden. Zudem wurde darauf hingewiesen, dass das Jugendhilfesystem bereits vor dem großen Zuwachs von geflüchteten Familien seit Jahren systemimmanente Probleme und Engpässe aufgewiesen hatte (Kitaplätze wurden nicht ausreichend ausgebaut, offene Kinder- und Jugendeinrichtungen wurden geschlossen etc.). Durch den Zuzug von geflüchteten Kindern und Jugendlichen seien diese Probleme jedoch sehr deutlich zu Tage getreten und erforderten an vielen Stellen ein Umdenken und Neustrukturieren.

Workshops

Nach der Mittagspause reflektierten die Teilnehmenden in drei parallelen Workshops die eigenen Erfahrungen zum Thema„Junge Geflüchtete und ihre Familien in der Kinder- und Jugendhilfe“.

Im ersten Workshop, moderiert von Dr. Jürgen Blumenberg (Verein zur Förderung von Beziehungskompetenz), wurden die Hilfen zur Erziehung für Unbegleitete Minderjährige erörtert. Nerea González Méndez de Vigo (Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge) berichtete in ihrem Input, dass sich, der Bundesregierung zufolge, Anfang 2017 bundesweit ca. 43.840 unbegleitete minderjährige Geflüchtete und 18.214 geflüchtete junge Volljährige in der Zuständigkeit der Kinder-und Jugendhilfe befunden hätten, wobei die Zahlen insgesamt seit Mai 2016 rückläufig seien. Sie erläuterte die Versorgung von unbegleiteten Geflüchteten in den Hilfen zur Erziehung, die sich immer individuell an den erzieherischen Bedarfen der jungen Menschen sowie Eignung und Erforderlichkeit der Hilfe orientiere. Sie beschrieb die verschiedenen Stationen und Maßnahmen der Hilfen (Clearingstelle, Hilfeplanverfahren, Beratungsanspruch etc.) und die damit häufig einhergehenden Probleme, wie fehlende personelle und fachliche Ressourcen, unklar geregelte und nicht aufeinander abgestimmte Verfahren und Unkenntnis der Familienverhältnisse auf Seiten der Länder und Kommunen. Dr. Silke Betscher (Kompetenz-Zentrum Pflegekinder) stellte in ihrem Beitrag dar, welche Bereicherungen sich für unbegleitete Jugendliche durch die Aufnahme in einer Gastfamilie bieten könnten (Spracherwerb, bestehendes Netzwerk, verlässliche Bezugspersonen über die Betreuungsdauer hinaus etc.). Sie berichtete aber auch von den potentiellen Herausforderungen und Problemen: viele Jugendliche hätten Loyalitätskonflikte beim Einlassen auf die neue Familie und manche bevorzugten die Unterbringung mit Peer-Groups in der Wohngruppe. Auch könne es mancherorts zur Überforderung der Gastfamilien insbesondere bei offenkundig traumatisierten Jugendlichen kommen. Da sei es notwendig, die Gastfamilien gut und kompetent zu begleiten. Auch sei es wichtig zu bedenken, dass eine gelungene Flucht der Jugendlichen und die damit verbundenen Überlebensstrategien nicht gleichzusetzen seien mit einer Selbständigkeit der Jugendlichen in ihrem täglichen Leben.

Der zweite Workshop beschäftigte sich mit dem Thema „Frühe Hilfen und Kinderschutz bei geflüchteten Kindern“ und wurde von Anna Traub (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge) moderiert. Melanie Mengel (Nationales Zentrum Frühe Hilfen) erläuterte in ihrer Präsentation wie die Frühen Hilfen als Unterstützungssystem für (werdende) Eltern und ihre Kinder bis zum Alter von drei Jahren fungierten, insbesondere für Familien in besonderen Lebenslagen. Sie berichtete, dass eine Elternschaft unter erschwerten Bedingungen (z.B. sprachliche Barrieren, mögliche traumatische Erfahrungen) vermehrt auf Hilfe unter erschwerten Bedingungen (z.B. durch Beziehungs- und Hilfeabbrüche) treffe. Bezogen auf geflüchtete Familien würden dabei ähnliche Gelingensfaktoren wie bei nicht geflüchteten Familien Bestand haben: es gelte Erfahrungen systematisch zu sammeln, zu dokumentieren und rückzukoppeln, Kooperationen zu bilden und die Stärken und Ressourcen der Familien wahrzunehmen und einzubeziehen. Dafür brauche es unter anderem sichere Rahmenbedingungen und Standards, die die Transparenz und Verlässlichkeit von Hilfen erhöhten, eine aktive interkulturelle Öffnung und Kompetenzen im Umgang mit Vielfalt. Dabei stelle sich die Ansprache der Jugendlichen und Familien als eine besondere Herausforderung dar. Diese sei in den Unterkünften noch gut zu organisieren, danach könnten interkulturelle Familienzentren als Knotenpunkte dienen. Sahar El-Qasem und Stefanie Fried (Save the Children Deutschland) präsentierten spannende Ergebnisse aus ihrer Arbeit zum Kinderschutz von geflüchteten Kindern. Ihre Ausführungen basierten auf qualitativen Interviews in Einrichtungen. In der Diskussion wurde als positives Beispiel für die Ansprache von Geflüchteten das Projekt „Kinderstuben“ in Dortmund genannt, in dem geflüchtete Mütter als Tagesmütter arbeiten. Weiterhin wurde betont, dass Familien als Ziel haben, ihre Kinder gut zu erziehen und ihnen dafür Räume und Möglichkeiten gegeben werden müssen. Zudem sei die Unterstützung von Fachkräften ein zentraler Ansatzpunkt, ihnen müsse Sicherheit und Wertschätzung in ihrer Arbeit gegeben werden. Dies gelte im Übrigen für die sozialen Berufe im Allgemeinen. Nur so sei dem konstatierten Fachkräftemangel zumindest langfristig beizukommen.

Der dritte Workshop, „Gelingende Zugänge der Familienbildung und Familienförderung zu Schutz suchenden Familien“ wurde von Birgit Merkel (Zukunftsforum Familie) moderiert. Beate Helmke (Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung) stellte in ihrem Input Landesinitiativen zu diesem Themenschwerpunkt vor. In Niedersachsen werde seit 2007 die Weiterentwicklung von insgesamt rund 200 geschaffenen Familienbüros in den 55 Jugendamtsbezirken gefördert. Hier sei die ausdrückliche Förderung von Projekten zur Erprobung von neuen Wegen in der Familienbildung vorgesehen, z.B. für Familien mit Zuwanderungs- oder Fluchtbiografie. Dabei spiele auch die aufsuchende Elternarbeit eine große Rolle. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse einer Modellphase über gelingende Zugänge zu Familien mit Migrationshintergrund in den Bereichen Elternarbeit und Frühe Hilfen sei bereits 2015 ein Projekt für die Zielgruppe der Schutz suchenden Familien auf den Weg gebracht worden, das auf die erste Phase des Ankommens in Niedersachsen ausgerichtet sei. Es würden Projekte initiiert, die auf Familien, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, zugeschnitten seien. Die Projektträger würden mit einem Wissenstransfer und Orten der Vernetzung durch eine Praxisbegleitung des Instituts für Sozialpädagogische Forschung (ism gGmbH) unterstützt. Heinz Müller (Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz) berichtete in seiner Präsentation vom Projekt „Gut ankommen in Niedersachsen“, welches von seinem Institut seit 2015 wissenschaftlich begleitet werde. Ein zentraler Faktor für das Gelingen des Projektes sei unter anderem die Schaffung von „Ankerpunkten“ an vertrauten Orten wie Kitas, Schulen etc. Auch die direkte Ansprache durch Vertrauenspersonen, niedrigschwellige und wohnortnahe Angebote sowie parallele Angebote für Eltern und Kinder (z.B. Sprachkurse mit Kinderbetreuung) seien wichtige Faktoren. Dazu bräuchte es bei geflüchteten Familien insbesondere eine Anbindung an regionale Strukturen, eine gute Wissensvermittlung sowohl an die Aufnahmegesellschaft als auch an neuzugewanderte Familien sowie vielfältige Begegnungsorte zwischen Einheimischen und Neuzugewanderten. Dabei müssten insbesondere die Zugänge zu den Angeboten im ländlichen Raum geschaffen bzw. erweitert werden.

Fishbowl-Diskussion

Im Anschluss an die Workshops kamen die Teilnehmenden noch einmal in einer anregenden Fishbowl-Diskussion zusammen. Dabei resümierten mehrere Teilnehmende, dass der Zuwachs von geflüchteten Familien als eine Bereicherung für die Kinder- und Jugendhilfe anzusehen sei. Es  gebe viele positive Effekte bei Projekten, die geflüchtete und nicht geflüchtete Jugendliche zusammenbringen würden.

Spannende Inputs und Diskussionen beim Fachforum „Zugänge von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu Regelangeboten der Bildung“

Berlin, 06. Dezember 2016:
Wie wird der Zugang von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu Kindertagesbetreuung und Schule gewährleistet? Was sind die bestehenden Herausforderungen und welche Lösungsansätze gibt es? Um diese Fragen drehte sich das zweite Fachforum des Bundesforums Familie im Themenzyklus „Familie und Flucht“ am 6. Dezember 2016. Rund 40 Teilnehmer_innen aus den Mitgliedsorganisationen nahmen die Gelegenheit zum Informationsaustausch und zur Vernetzung wahr.

In einem ersten spannenden Impulsvortrag berichtete Rainer Ohliger (Netzwerk Migration in Europa) über die formalen und strukturellen Zugänge und Hürden, denen Geflüchtete im Bildungsbereich begegnen. Grundlage seiner Ausführungen bildete die Arbeit der Robert Bosch Expertenkommission zur Neuausrichtung der Flüchtlingspolitik. Dabei sei zu bedenken, dass noch nicht ausreichend quantitative Daten vorlägen, um belastbare Aussagen zu treffen. Ausgehend von den bisherigen Forschungsergebnissen könne man aber in etwa damit rechnen, dass die Zahl der Kinder in der Kindertagesbetreuung um 1,4 – 3,5 Prozent und die Zahl der zu beschulenden Kinder um 0,6 – 1,4 Prozent steige, wenn die seit 2015 nach Deutschland geflüchteten Kinder und Jugendliche in den Bildungsinstitutionen ankämen. Die Institution Schule sei, auch aufgrund der relativ geringen zusätzlichen Schüler_innen bei ansonsten sinkenden Schüler_innenzahlen, vergleichsweise gut in der Lage, die Herausforderungen zu bewältigen. Größere Probleme seien in der Kindertagesbetreuung zu sehen, denn es gebe generell hier zu wenig Plätze, zu wenig Personal und einen großen Bedarf an interkultureller Qualifikation der bereits hoch beanspruchten Fachkräfte.

Kompetenzen der pädagogischen Fachkräfte spielten auch im zweiten Impulsvortrag „Kinder geflüchteter Familien in der Kita“ von Petra Wagner (Fachstelle Kinderwelten, Institut für den Situationsansatz) eine Rolle. Sie erläuterte den Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung, der dazu befähigen soll, Diversität zu respektieren und Diskriminierungen zu widerstehen. Der Leitsatz „Alle Kinder sind gleich, jedes Kind ist besonders!“ verdeutliche die Spannung zwischen der Anerkennung gleicher Rechte und der Notwendigkeit, dabei die unterschiedlichen Lebensumstände von Kindern und Familien zu berücksichtigen. Anhand von praktischen Beispielen machte Wagner deutlich, wie Gemeinsamkeiten und Anknüpfungspunkte gefunden und thematisiert werden können. Kitas und Schulen könnten so zu Orten „kultureller Demokratie“ werden. Dies erfordere kontinuierliche Aushandlungsprozesse zwischen den Familienkulturen und den institutionellen Kulturen, mit einer Orientierung an der Leitlinie „Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen!“. Konkret bestehe dies darin, Unterschiede weder zu ignorieren noch überzubetonen, sondern respektvoll zum Thema zu machen. Gleichzeitig gelte es, Ausgrenzung und Diskriminierung zu erkennen und zu bekämpfen – und nicht den geflüchteten Familien die Schuld für (bildungs-)politische Versäumnisse zu geben.

Die beiden Hauptvorträge wurden ergänzt durch Praxisbeispiele aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie. Dr. Apolonia Franco Elizondo berichtete von Sprachlernangeboten für geflüchtete Familien, die die IMPULS Deutschland Stiftung organisiert. Eine Mitarbeiterin des Zentralrats der Muslime in Deutschland stellte das Patenschaftsprojekt „Wir sind Paten“ vor. Die Vernetzung und fachliche Begleitung von Modellkitas in Berlin, die mit geflüchteten Kindern arbeiten, war Gegenstand des Inputs von Marlies Knoops von der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder. Dass geflüchtete Kinder aber auch in der Kindertagespflege unterkommen können und welche Schritte aktuell zur Vernetzung und Unterstützung der Tagespflegepersonen wie auch der geflüchteten Familien unternommen werden, verdeutlichte Ilka Ruhl vom Bundesverband für Kindertagespflege.

Nach der Mittagspause kamen die Teilnehmer_innen in zwei parallelen Foren mit Expert_innen zusammen. Forum 1 hatte die frühkindliche Bildung zum Thema, in Forum 2 wurde zum Themenbereich Schule diskutiert. In beiden Gruppen waren die leitenden Fragen: Was sind die Faktoren, die dazu beitragen, dass Zugänge zu Bildungsangeboten geschaffen und genutzt werden? Wo liegen die Herausforderungen? Was muss geschehen, dass bestehende Probleme bewältigt werden können?

Dr. Jürgen Wüst von der Karl-Kübel-Stiftung moderierte das Forum 1 zum Bereich frühkindliche Bildung. Zwei Expertinnen eröffneten hier die Diskussion. Helena Saba stellte die Aktivitäten von „Willkommen KONKRET“ vor, dem Berliner Bündnis für Kinder geflüchteter Familien, einer zivilgesellschaftlichen Initiative von Menschen aus der frühpädagogischen Praxis und Theorie, aus Verwaltung, Therapie sowie Fort- und Weiterbildung. Das Bündnis arbeite gemeinsam daran, allen in Berlin lebenden Kindern von Beginn an Zugang zu frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung zu verschaffen und ihnen die Rechte zu sichern, die ihnen laut Kinderrechtskonvention zustehen. Sie machte deutlich, welche Akteure an der Inklusion von Kindern in Einrichtungen frühkindlicher Bildung beteiligt sind und wie wichtig deren Vernetzung ist, nicht zuletzt auch um sich gegenseitig in den entsprechenden Praxisfeldern zu unterstützen und zu stärken. Maria Korte-Rüther vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) ergänzte dies mit Erfahrungen aus der Qualifizierung und Vernetzung von Fachkräften und Einrichtungen. Die Kita sei ein, wenn nicht sogar der Ort der Vielfalt von Anfang an. Hier kämen Familien und Kinder aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen, mit unterschiedlichsten sozio-ökonomischen Hintergründen und unterschiedlichsten körperlichen und geistigen Fähigkeiten zusammen, um gemeinsam zu spielen und zu lernen, um Freundschaften zu knüpfen und Freude zu haben. Zurzeit würden in Niedersachsen beispielsweise etwa 200 Multiplikator_innen im Rahmen der Qualifizierungsinitiative des Kultusministeriums „Vielfalt fördert! Vielfalt fordert“ fortgebildet, um Fachkräfte beim Umgang mit Diversität in Kitas zu unterstützen. Dabei seien die Reflexion des professionellen Selbstverständnisses und der eigenen pädagogischen Orientierungen zentrale Bestandteile der folgenden Qualifizierungen in den Einrichtungen. Zudem gehe es zentral um die Frage, welchen Beitrag die Einrichtungen darüber hinaus leisten können, um sich in den Sozialraum zu öffnen.

Forum 2, welches parallel stattfand und von Dr. Mehmet Alpbek (FÖTED) moderiert wurde, hatte die Zugänge von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zur Schule im Blick. Hier berichtete zunächst Lara Stothfang, Grundschullehrerin in Berlin, von ihren Erfahrungen mit geflüchteten Kindern in der Schule und der von ihr ins Leben gerufenen Initiative HUCKEPACK, die sehr erfolgreich Patenschaften an geflüchtete Kinder zwischen 6 und 18 Jahren in Berlin vermittelt. Die ehrenamtlichen Pat_innen würden sich etwa einmal wöchentlich mit ihren Patenkindern treffen und gemeinsam Freizeitaktivitäten unternehmen, sowie sie beim Deutschlernen und auch bei schulischen Belangen unterstützen. Die erklärten Ziele der Initiative seien es, Geflüchtete Willkommen zu heißen, ihnen das Ankommen zu erleichtern, Vorurteile abzubauen, Kinder zu stärken und einen gegenseitigen Austausch zu fördern, indem Barrieren abgebaut würden. Anschließend schilderte Tom Erdmann (GEW Berlin) die gewerkschaftliche Sichtweise auf die Zugänge von jungen Geflüchteten zur Schule im Land Berlin. Das System der sogenannten „Willkommensklassen“, in denen geflüchtete Kinder separat unterrichtet werden und dort vor allem die deutsche Sprache lernten, sei in den letzten zwei Jahren rasant ausgebaut worden: mittlerweile gebe es 1000 solcher Klassen mit insgesamt etwa 12000 geflüchteten Schüler_innen in Berlin. Allerdings fehlten vielerorts geeignete Lehrkräfte für diese Klassen, auch würde der Unterricht bei Erkrankung der Lehrkräfte oft nicht vertreten, sondern falle aus. Wichtig sei der GEW ein Ausbau von Erzieher_innenstellen im Ganztagsbereich, eine deutliche Stärkung der Schulpsychologie wie auch ein klarer Abschiebestopp für Kinder. Sybille Siegling, Referentin beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz, legte abschließend die teils recht unterschiedlichen Bemühungen der Bundesländer im Bereich der schulischen Inklusion junger Geflüchteter dar. So greife die Schulpflicht beispielsweise in Hamburg „ab dem ersten Tag“, in vielen anderen Ländern erst nach Zuweisung der geflüchteten Kinder in die Kommunen, wenn diese „ihren gewöhnlichen Aufenthalt“ dort etabliert hätten. Flächendeckend gebe es in allen Ländern den Anspruch, so schnell wie möglich alle Kinder zu beschulen. Die angewandten Sprachförderkonzepte seien aufgrund der Gegebenheiten vor Ort vielfältig. Leider fehle bislang aber eine konsistente wissenschaftliche Evaluation der eingesetzten Methoden und Praktiken, um entsprechende Empfehlungen aussprechen zu können. Als vorteilhaft hob Siegling hervor, dass sich durch die notwendige Handhabe des Zuzugs geflüchteter Kinder vielerorts neue Kommunikations- und Kooperationsstrukturen auf kommunaler Ebene gebildet hätten, was auch für andere Bereiche durchaus positive Synergien freisetzen könne.

Die Leitfragen der Foren wurden in der abschließenden Fishbowl-Diskussion mit allen Teilnehmenden noch einmal aufgegriffen. Dabei wurde deutlich, dass der Bedarf in erster Linie auf personeller Seite gesehen wird. Zum einen sei es unbedingt notwendig, über ausreichend personelle Ressourcen verfügen zu können, um mit der Diversität in den Bildungsinstitutionen angemessen umzugehen. Zum anderen bedürfe es bei den Fachkräften einer bestimmten Haltung als Teil ihrer Professionalität, die es zu entwickeln gelte. Elemente einer solchen Haltung seien Offenheit und Augenhöhe. „Der eigentliche Gelingensfaktor ist, dass wir es wirklich wollen!“, formulierte es eine Teilnehmerin.

Erfolgreiches erstes Fachforum „Werte lernen in der Migrationsgesellschaft“

Berlin, 07. Oktober 2016:
Mit dem ersten Fachforum „Werte lernen in der Migrationsgesellschaft“ mit knapp 50 Teilnehmenden ist das Bundesforum Familie voll in die inhaltliche Arbeit zum Thema „Familie und Flucht“ eingestiegen. Eine 7-köpfige Ad-Hoc-Arbeitsgruppe aus dem Kreis der Mitgliedsorganisationen hatte das Fachforum vorbereitet, das von einem spannenden Impulsvortrag von Prof. Dr. Friedrich Heckmann (europäisches forum für migrationsstudien an der Universität Bamberg) zum Thema Werte in der Migrationsgesellschaft eingeleitet wurde.

Prof. Dr. Heckmann erläuterte in seinem Vortrag zunächst einige sozialisationstheoretische Grundlagen. Werte seien als grundlegende Maßstäbe des individuellen Handelns sowie des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu verstehen. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Stabilität von Institutionen sei eine gewisse Wertegemeinsamkeit eine zentrale Bedingung. Um sich in eine Gesellschaft integrieren zu können, müssen Werte also gelernt werden. Integration ist für Heckmann ein Sozialisationsprozess und besteht – dem Soziologen Hartmut Esser folgend – aus vier Dimensionen: der strukturellen Integration (in Schule, Arbeits- und Wohnungsmarkt etc.), der sozialen Integration (Freundschaften, Vereine etc.) und der identifikativen Dimension (z.B. als syrischer Deutscher); besondere Bedeutung sei dem Spracherwerb als Teil der vierten Dimension, der kulturellen Integration, beizumessen. Alle vier Dimensionen stünden in wechselseitigen Kausalbeziehungen. Sie setzten außerdem die Offenheit der Aufnahmegesellschaft für die Partizipation und Identifizierung der Migranten voraus. Zu dieser Offenheit gehöre auch, so Heckmann, sich die Frage zu stellen: Müssen wir uns – schon im Interesse des Friedens – nicht darauf einstellen, mehr zu teilen und nicht nur unseren Wohlstand zu mehren? Wir scheinen an einer Zeitenwende zu stehen, die die Chance berge, neue Formen internationaler und europäischer Zusammenarbeit zu entwickeln und das europäische Projekt voranzubringen; größer sei leider momentan jedoch die Gefahr, dass durch nationale Beschränktheiten das zerstört werde, was in vielen Jahren an europäischen Errungenschaften für Frieden und Wohlstand erreicht worden sei.

Im Anschluss an den Vortrag von Prof. Dr. Heckmann erinnerte Magda Göller, Mitglied im Beirat des Bundesforums, daran, dass das Thema des Fachforums große Schnittmengen mit früheren Rahmenthemen des Bundesforums aufweise. An die Erkenntnisse aus den Bereichen „Migrationsfamilien“ (2003 – 2004), „Kinder brauchen Werte“ (2007 – 2009) sowie „Familie und Inklusion“ (2013 – 2015) könne man deshalb gut anknüpfen. In all diesen Zusammenhängen zeige sich immer wieder, wie wichtig es ist, die zwei menschlichen Grundbedürfnisse nach Autonomie und Zugehörigkeit auszutarieren. Häufig werde vernachlässigt, wie hilfreich dabei die Selbstreflektion sein kann, also sich zu fragen: „Was ist mir wichtig? Warum? Wofür stehe ich?“

Intensive Diskussionen im Plenum schlossen sich an. Dabei wurde die Frage aufgeworfen, ob denn „unsere“ Werte von den Zugewanderten tatsächlich im größeren Stil in Frage gestellt würden. Und wer das eigentlich sei: „Wir“? Schließlich sei unsere Gesellschaft keineswegs homogen, auch nicht in den Wertvorstellungen. Zudem hätte die Geschichte und hätten insbesondere die letzten Jahrzehnte gezeigt, dass Wertvorstellungen einem teilweise starken Wandel unterlägen. Als Beispiel wurden unter anderem der Umgang mit den Themen geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung oder Gewalt in der Erziehung genannt.

Nach der Mittagspause reflektierten die Teilnehmenden in drei parallelen Workshops die eigenen Erfahrungen mit dem Thema Werte in der Arbeit mit Geflüchteten und suchten gemeinsam nach Bausteinen für einen konstruktiven Wertedialog.

In allen drei Gruppen wurde dabei deutlich, wie wichtig der persönliche Kontakt zwischen den Menschen ist, um Vorurteile abzubauen. Wenn man sich mit Offenheit und Respekt begegne, zeige sich meist, dass man viele Wertvorstellungen teile. Da aus den geteilten Werten aber unterschiedliche, auch kulturell unterschiedlich geprägte Verhaltensweisen abgeleitet werden können, komme es häufig zu Missverständnissen.

Unterstrichen wurde mehrfach die Gefahr, innerhalb eines vermeintlich gut gemeinten Prozesses der Wertevermittlung durch Stereotype und „Labelling“ Geflüchtete oder auch andere nicht-weiße Menschen zu diskriminieren und Rassismen auszusetzen. Ebenfalls betont wurde die Notwendigkeit, für Neuankommende Rechte zu stärken und Zugänge zu Bildung, Arbeit etc. zu schaffen, damit überhaupt ein Dialog auf Augenhöhe möglich sei.

Sorgen äußerten viele Teilnehmende auch in Hinblick auf den jüngsten Aufschwung von rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien, die massiv Stimmung gegen Geflüchtete, Muslim_innen sowie generell Andersdenkende machten. Das von Heckmann in seinem Vortrag erwähnte Konzept der „Leitkultur“ wurde in allen Workshops kritisch hinterfragt bzw. geradeheraus abgelehnt.

Als wichtiges Elemente eines konstruktiven Wertedialogs wurde immer wieder genannt, vorurteilsbewusst zu agieren, sich der eigenen (Macht-)position bewusst zu sein, anderen auf Augenhöhe zu begegnen, Raum für Begegnungen, Austausch und Dialog zu schaffen sowie letztlich geduldig zu sein und dem Prozess des Zusammenwachsens auch einfach Zeit zu geben.

Im Nachgang der Veranstaltung kam in Hannover abermals die Ad-Hoc-Arbeitsgruppe zusammen, um die Ergebnisse zusammenzutragen und nachzubereiten.

JETZT ONLINE: Material- und Linksammlung „Familie und Flucht“

Was machen eigentlich die Mitglieder des Bundesforums Familie zum Thema „Familie und Flucht“? Auf welche Ressourcen der Partnerorganisationen kann ich zurückgreifen? Von welchen Projekten kann ich lernen? Welche Aktivitäten haben Beispielcharakter?

Unsere Material- und Linksammlung ist jetzt online und hilft Ihnen, einen Ein- und Überblick zu bekommen.

Auftaktveranstaltung „Familie und Flucht“: Erste Bestandsaufnahme und Ideensammlung für Weiterarbeit

Berlin, 12. April 2016:
Das neue Thema „Familie und Flucht“ ist mit einer gelungenen Auftaktveranstaltung mit über 60 Teilnehmenden aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie in Berlin gestartet. Eine erste Bestandsaufnahme der Beschäftigung mit dem Thema innerhalb der Mitgliedsorganisationen wurde durch eine spannende Podiumsdiskussion eingeleitet. Dr. Heidemarie Arnhold (Arbeitskreis Neue Erziehung), Andrea Domke (Bundeskonferenz für Erziehungsberatung), Sebastian Ludwig (Diakonie Deutschland), Maria Rocholl (Paritätisches Bildungswerk Bundesverband) und Hiltrud Stöcker-Zafari (Verband binationaler Familien und Partnerschaften) berichteten auf dem Podium zu den reichhaltigen Erfahrungen ihrer Verbände mit dem Thema „Familie und Flucht“. Ergänzt wurden diese Ausführungen von zahlreichen weiteren Erfahrungsberichten und Diskussionsbeiträgen aus dem Plenum der Teilnehmenden.

Die Projektkoordination stelle zudem den Vorschlag des Beirats zum Erarbeitungsformat des Themas vor: In den kommenden zwei Jahren sollten keine festen Arbeitsgruppen gebildet werden, stattdessen könne das Bundesforum sich dem Thema in einem offenen Veranstaltungsformat („Fachforen“) nähern. Kleinere Ad-Hoc Arbeitsgruppen aus den Reihen der Mitglieder könnten die Projektkoordination bei der Vor- und Nachbereitung der Veranstaltungen unterstützen, und vor allem auch konkrete Ergebnisse aus den jeweiligen Veranstaltungen im Nachgang formulieren. Durch dieses Format stehe die Bearbeitung im Verlauf der Projektphase stets allen Mitgliedern offen, es gebe viel Raum Expertise von außen zu holen und den Facettenreichtum des Themas widerzuspiegeln. Der Vorschlag stieß auf allgemeine Zustimmung. Im weiteren Verlauf des Nachmittags wurden Vorschläge für zu bearbeitende Unterthemen an Stellwänden gesammelt, diskutiert und anschließend von allen Teilnehmenden mit Klebepunkten gewertet. Der Beirat des Bundesforums Familie wird nun die Ergebnisse auswerten und sich bald mit Vorschlägen für die konkreten Fachforen an die Mitglieder des Bundesforums wenden.

UPDATE: Die ausführliche Dokumentation der Veranstaltung steht jetzt zur Verfügung.

Netzwerkversammlung 2015: Vorstellung der Abschlusspublikation und neues Schwerpunktthema

Berlin, 04. Dezember 2015:
Knapp 60 Teilnehmende aus den Mitgliedsverbänden des Bundesforums Familie kamen am Freitag zur diesjährigen Netzwerkversammlung zusammen. Die Beratungen der letzten zwei Jahre zum Thema „Familie und Inklusion“ wurden am Vormittag beleuchtet. Dr. Verena Wittke und Dr. Karin Jurczyk stellten stellvertretend für die beiden Arbeitsgruppen die Abschlusspublikation „Familie ist Vielfalt: Inklusion leben, Teilhabe sichern“ vor. Dr. Antje Kunstmann, Journalistin aus Hamburg, und Paul Lehrieder, MdB und Vorsitzender des Familienausschusses im Bundestag, kommentierten die Ergebnisse, bevor sie im Plenum beraten und diskutiert wurden. Die Teilnehmenden unterstrichen beispielsweise die Vorteile des verwendeten breiten Inklusionsbegriffs, der deutlich über das Thema der schulischen Inklusion von Kindern mit Behinderung hinausgeht, ebenso wie die spannenden Erkenntnisse zu Familien mit behinderten Eltern. Die zwölf Leitlinien für Verbände, Politik und Gesellschaft am Ende der Publikation, die einen möglichen Weg in eine inklusive Gesellschaft für alle Familien zeichnen, wurden ebenfalls anerkennend hervorgehoben.

Am Nachmittag wurde zum Schwerpunktthema der nächsten zwei Jahre beraten. Unter den vielen eingegangenen Vorschlägen der Mitgliedsorganisationen hatte der Beirat die Themen „Familie und Flucht“, „Elternschaften heute“, „Digitalisierung und Familie“ sowie „Gewalt in der Familie“ ausgewählt, die an Thementischen in vier Runden von allen Teilnehmer/innen angeregt diskutiert wurden. Nach spannenden Gesprächen wählten die Anwesenden „Familie und Flucht“ zum Schwerpunktthema für die nächsten zwei Jahre im Bundesforum Familie.

Spannende Diskussionen bei der Netzwerkversammlung 2014

Am 19. September kamen in Berlin rund 50 Vertreter/innen der Mitgliedsverbände zur diesjährigen Netzwerkversammlung des Bundesforums Familie zusammen. Am Vormittag hatte außerdem eine gemeinsame Sitzung der beiden Arbeitsgruppen stattgefunden.

Zunächst begrüßten Prof. Dr. Can Aybek (Mitglied des Beirats des Bundesforums Familie) und Diana Golze, MdB (Stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Deutschen Bundestag) die Teilnehmenden. Im Anschluss berichtete Dr. Jürgen Blumenberg dem Plenum aus der Arbeit der Arbeitsgruppe A „Inklusion bei Familien mit behinderten Angehörigen“ und Mechthild von Luxburg aus der Arbeit in der Arbeitsgruppe B „Inklusion für die Vielfalt von Familien“.

Das Thema „Lebenslagen von Familien im Lichte der UN-Behindertenrechtskonvention“ stand nachfolgend im Mittelpunkt. Nach spannenden Inputs von Dr. Michael Wrase (Wissenschaftszentrum Berlin), Dr. Sigrid Arnade (Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V.) und Prof. Dr. Andreas Eckert (Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik, Zürich) nutzten die Teilnehmenden die Chance zum Austausch und diskutierten lebhaft mit den Inputgeber/innen.

UPDATE: Die ausführliche Dokumentation der Veranstaltung steht jetzt zur Verfügung.