Workshop des Clusters Familienbildung

„Werte erlebbar machen im Miteinander der Generationen: Praxisbeispiele – Familienbildung“ am 2. September 2008 in Berlin

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In einer Fragebogenaktion wurden Ende 2007 Projekte unter der Überschrift „Werte erlebbar machen im Miteinander der Generationen“ erfasst. Eine Vielzahl interessanter und spannender Praxisbeispiele wurden den Teilnehmer/innen in diesem Workshop zugänglich gemacht. Zur Förderung des Austauschs und des Transfers von Erfahrungen wurden Praktiker/innen aus der Familienbildung eingeladen. Neben einleitenden Vorträgen gab es viel Zeit, sich mit den vielen aus- und vorgestellten Projekten vertraut zu machen.

Nach einführenden Vorträgen am Vormittag standen die Projekte im Mittelpunkt. Während der Mittagspause war Zeit für den Besuch des Marktes der Möglichkeiten. Und am Nachmittag wurden drei Arbeitsgruppen angeboten, um Impulse für die eigene Arbeit zu geben. In Form eines moderierten Gespräches wurden hier die ausgewählten Projekte präsentiert.

Einmischen in die Diskussion um kommunuale Bildungslandschaften

hocke_fb.jpgNorbert Hocke, Sprecher des Bundesforums Familie, bedankte sich in seiner Begrüßung bei der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, die die Schirmherrschaft für das Projekt „Kinder brauchen Werte – Bündnisinitiative: Verantwortung Erziehung” übernommen hat. Er kritisierte, dass genau bei denjenigen, die mit den Familien arbeiten, in den letzten sechs Jahren am meisten Personal abgebaut wurde und bezeichnete diesen Personalabbau als Aderlass. Und appellierte an die Teilnehmer/innen, sich in den nächsten Monaten in die Diskussion um die kommunalen Bildungslandschaften einzumischen. Denn Kultur, Familie und die offene Kinder- und Jugendarbeit gehören in diese Diskussion. Es komme weniger darauf an, Leuchttürme und Botschafter/innen zu finden, sondern die öffentliche Verantwortung für ein gelingendes Aufwachsen und die Zuwendung zu den Lebenslagen und Lebensbedingungen der Familien einzubetten in ein Konzept der kommunalen Bildungslandschaften. In dieser Diskussion mit den Stärken zu brillieren und sich nicht an die Seite drängen zu lassen – hierin liegt Norbert Hocke zufolge die Zukunftsperspektive und Chance für die Familienbildung.

Eltern in die Arbeit einbeziehen

golze_fb.jpgDiana Golze, Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, wies in ihrem Grußwort auf den 12. Kinder- und Jugendbericht hin, der die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen mit einem ganzheitlichen Anspruch betrachtet. Der Blick auf die heutige Kindererziehung zeige, dass das Aufwachsen von Kindern heute eine sehr hohe Aufmerksamkeit erfahre und damit auch die Betrachtung der Kinder als eigenständige Persönlichkeiten, die es zu fördern und zu unterstützen gelte. Gleichzeitig wies Diana Golze auf die Problemsituation von Familien hin, denn veränderte, allzu oft familienunfreundliche Arbeitswelten stellten Eltern unter Druck. Aus diesem Grund brauchten Familien Orte des Austausches und der Begegnung  sowie Bildungsangebote, um Kompetenzen zu erlernen, die sie an ihre Kinder weitergeben können, und die Möglichkeit, sich selbst einbringen zu können. Besonders die Beteiligung und die Mitsprache von Eltern seien für die Vorsitzende der Kinderkommission wichtig, denn nur so könnten Demokratie, Toleranz und Solidarität erlernt werden.

Der Beitrag der Familienbildung zur Werteerziehung

loeher_fb.jpgMichael Löher vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. gab einen reichhaltigen Überblick über die Aufgaben und Anforderungen der Familienbildung und wies auf die stetig realen oder gefühlten Anforderungen an Eltern hin. Elterliche Kompetenz sei gefragt wie nie und die vielen Erziehungsratgeber und Fernsehformate zeigten die Nachfrage in erzieherischen Fragen, ohne jedoch wirklich eine große Hilfe zu sein. Familienbildung hingegen mit seinen vielfältigen Angeboten und Trägern unterstütze nachhaltig Familien. Löher stellte drei Thesen vor, welchen Beitrag die Familienbildung zur Werteerziehung leisten könne und solle:

Familienbildung als Brückenfunktion: Durch Familienbildung finde ein Wertetransfer statt. Dadurch, dass derjenige, der eine Familie im Rahmen einer Maßnahme der Familienbildung berät, der Familie Werte vorlebe, würden Werte in die Familie selbst hineingetragen.

Werte vorleben und weitergeben: Die Familienbildung könne die Werte der Eltern transparent und bewusst machen. So versetze sie die Eltern in die Lage, Werte bewusst weitergeben zu können. Doch gehe es hierbei nicht darum, der Familie möglichst viele Werte  nahezubringen oder gar um den besten Wert, sondern immer um die konkrete Familiensituation im Einzelfall. Die Herausforderung bestehe darin, dass Werte einem permanenten Wandel unterworfen seien. Doch, so betonte Löher, könne die Weiterentwicklung von Werten die Weiterentwicklung des Einzelnen bedeuten. Werte zu haben bedeute vor allem, einen Selbstwert zu besitzen und zu entdecken. Dazu müsse die Familienbildung beitragen. Sie müsse Eltern ermutigen, ihren eigenen Wert zu entdecken und schätzen zu lernen.

Familienbildung soll werteorientiert sein: Die Familienbildung müsse selbst werteorientiert sein, wenn sie erfolgreich sein wolle. Diejenigen, die in der Familienbildung tätig sind, müssten für sich selbst Werte gefunden haben, um sie den Familien vorleben zu können. Ohne Werte wie Achtung, Wertschätzung und Respekt gegenüber der Familie auch auszudrücken, könne die Familienbildung nicht die Werteerziehung und Werteorientierung der Eltern stärken.

 

Die Befragungsaktion des Bundesforums Familie

Dr. Katherine Bird vom Bundesforum Familie stellte in ihrem Vortrag die Befragungsaktion des Clusters Familienbildung vor. Ziel der Befragung war es, neue oder innovative Ansätze vieler Einrichtungen und Verbände zu erfassen und interessierten Praktiker/innen vorzustellen, um Impulse für die eigene Arbeit zu geben. Der zweiseitige Fragebogen wurde Ende 2007 an alle Mitgliedsorganisationen verschickt und stieß mit 126 ausgefüllten Antworten auf eine kate1.gifüberraschend große Resonanz. Eine Vielzahl von Angeboten, deren Großteil auf die Bedürfnisse vor Ort zugeschnitten sind, wurde erfasst: Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz und/oder Entwicklung von Partizipationsmöglichkeiten, religiöse Erziehung/religiöse Bräuche, Jung und Alt/Familienzeit, Ernährung/Hauswirtschaft, Förderung der Kultur/Natur sowie Patenschaften/„Leih-Omas“ o.Ä. Und eine breite Palette an Werten wurde erhoben, die in soziale, kulturelle, religiöse, ökologische und sonstige Werte unterteilt werden konnte.

Die sozialen Werte wie z.B. Solidarität, Toleranz oder Mitgefühl wurden am häufigsten benannt. Die Angaben zu den kulturellen Werten unterstrichen die Bemühungen der Anbieter, gewisse Traditionen weiterzugeben, aber auch die Lust an der Produktion und Rezeption von Kultur zu wecken und zu fördern. Bei den ökologischen Werten war es den Befragten oftmals wichtig, einen sparsamen Umgang mit den begrenzten Ressourcen zu vermitteln. Und als religiöse Werte nannten viele Nächstenliebe, Gottvertrauen sowie Achtung und Wertschätzung der eigenen Personen. Dr. Bird betonte aber hierbei, dass das Thema Werte komplex ist und daher die Klassifikation eines Wertes oder einer Aktion nicht so wichtig ist, wie das dahinter stehende Handlungsprinzip. Und dass es verschiedene Erklärungen, Grundlagen sowie Rechtfertigungen für unsere gemeinsamen Handlungsprinzipien gibt. Anschließend ging Dr. Bird auf drei kleinere spannende Projekte näher ein, um praxisnah aufzuzeigen, wie Werte erlebbar gemacht werden. Übertragbar, so Dr. Bird, sind bestimmte Organisationsformen, wie z.B. Mutter-Kind-Gruppen, Patenschaften oder Begegnungen zwischen Jung und Alt, aber die genaue Gestaltung hängt von den „Macher/innen” vor Ort ab.

Werte erlebbar machen – die Arbeitsgruppen

gruppe_fb.jpgAm Nachmittag wurden drei Arbeitsgruppen angeboten, in denen in Form eines moderierten Gespräches unterschiedliche Projekte vorgestellt wurden, und mit den Teilnehmenden intensiv diskutiert. Im kleineren Kreis war es möglich, auf die Inhalte, Hintergründe und Beweggründe für das Projekt, Finanzierungsmöglichkeiten und weitere Hindernissen und Hilfen einzugehen.

Folgende Arbeitsgruppen wurden eingerichtet:
AG 1: Kurse für Erziehungspersonen (Moderation: Hubert Heeg, AKF – Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung e. V.)
•    „Auf eigenen Beinen stehen“, vorgestellt von Thea Strichau, Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung in Bayern, AEEB
•    „Kess – Hand in Hand. (Erziehungs-)Kurs für Eltern und Großeltern“, vorgestellt von Sabine Schäfer, Caritas Erziehungs- und Familienberatung Berlin
•    „Stark für die Zukunft” – Elternseminarreihe für Migrantenfamilien, vorgestellt von Dagmar Höpfner, BVHS Solingen Wuppertal
•    Werteorientierter Erziehungskurs „Kindern zum Leben helfen“, vorgestellt von Peter Scherer, Bistum Augsburg
AG 2: Angebote von Kooperationspartnern der Familienbildung (Moderation: Dr. Katherine Bird, Bundesforum Familie)
•    „GfG-Familienbegleitung von Anfang an“, vorgestellt von Ines Albrecht-Engel, Gesellschaft für Geburtsvorbereitung – Familienbildung und Frauengesundheit – Bundesverband e.V.
•    Toleranzprojekt „Ich bin anders. Du bist anders. Jeder ist einzigartig”, vorgestellt von Eva Neumann, Kindervereinigung Hohen Neuendorf e.V.
AG 3: Ehrenamtliches Engagement und selbstorganisierte Projekte (Moderation: Dr. Erika Neubauer, BAGSO)
•    „Bedeutung der Musikerziehung im frühkindlichen Bereich von behinderten und nicht behinderten Kindern für Eltern und Großeltern“, vorgestellt von Dr. Renate Heinisch, Elternverein Baden-Württemberg e.V.
•    „Initiative Z – Zeit und HerZ. Paten begleiten Familien“, vorgestellt von Christine Heppner, Jugendamt Stuttgart
•    „Stricken für Akzeptanz und Solidarität“ – ein humanitäres Projekt des Deutschen Hausfrauen-Bundes, vorgestellt von Sylvia Dieckhoff, Deutscher Hausfrauen-Bund Schleswig-Holstein

Eine Besonderheit der AG 3 war die Teilnahme gleich zwei Bundesverdienstkreuzträgerinnen: Sylvia Dieckhoff (links) und Dr. Renate Heinisch (rechts), die in langjähriger ehrenamtlicher Arbeit viele Menschen unterstützt haben.

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In einer Abschlussrunde fasste Heribert Rollik vom Deutschen Roten Kreuz die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen zusammen und sprach die Empfehlung aus, Länderinitiativen auf den Weg zu bringen, die sich an die oberste Landesjugendbehörde wenden, um das Erlebbar machen von Werten in § 16 des SGB VIII aufzunehmen.