Netzwerkversammlung 2017: Vorstellung der Abschlusspublikation und neues Schwerpunktthema

Knapp 60 Teilnehmende aus den Mitgliedsverbänden des Bundesforums Familie kamen am 30.11.2017 zur diesjährigen Netzwerkversammlung zusammen. Die Beratungen zum Thema „Familie und Flucht“ wurden am Vormittag beleuchtet. Petra Winkelmann, Jürgen Wüst, Birgit Merkel und Lisa Sommer stellten stellvertretend für die Ad-hoc-Arbeitsgruppen die Diskussionsergebnisse der letzten zwei Jahre vor, wie sie in der Broschüre „Familie und Flucht- Familie leben, in der Gesellschaft ankommen“ dargestellt werden. In ihr finden sich zu jedem Unterthema eine Beschreibung des durchgeführten Fachforums sowie zentrale Erkenntnisse, die die jeweilige Ad-hoc-Arbeitsgruppe zum Thema gewonnen hat. Dies waren: 1. Werte lernen in der Migrationsgesellschaft; 2. Zugänge von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu Regelangeboten der Bildung; 3. Junge Geflüchtete und ihre Familien in der Kinder- und Jugendhilfe; 4. Familienzusammenführung von Geflüchteten. Zudem blicken die Beteiligten der Arbeitsgruppen sowie der Beirat gemeinsam in einem Abschlusskapitel übergreifend auf das Thema. Nach der Vorstellung wurden die Ergebnisse im Plenum kommentiert, beraten und diskutiert.

Neuer Beirat

Da die vier-jährige Periode des bisherigen Beirats des Bundesforums Ende 2017 endet, muss für die nächsten vier Jahre ein neuer Beirat berufen werden. Sven Iversen bedankte sich im Namen des Bundesforums Familie herzlich beim bisherigen Beirat, der die Arbeit des Bundesforums und der Geschäftsstelle sehr konstruktiv und intensiv begleitet hat. Im Anschluss waren die Organisationen des Bundesforums Familie aufgerufen, aus ihrer Mitte Personen für den Beirat zu wählen. Insgesamt hatten sich 11 Personen darum beworben, sie stellten sich in einer Vorstellungsrunde den Teilnehmenden vor. Gewählt wurden (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Magda Göller, Pestalozzi-Fröbel-Verband
  •  Dr. Andreas Heek, Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschland
  • Cordula Lasner-Tietze, Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband
  • Silke Raab, Deutscher Gewerkschaftsbund
  • Stephan Wassmuth, Bundeselternrat

Wir gratulieren ganz herzlich und freuen uns auf eine gute Zusammenarbeit.

Thema für 2018/2019

Am Nachmittag wurde zum Thema der nächsten zwei Jahren beraten. Unter den rund 40 eingegangenen Vorschlägen hatte der Beirat die Themen „Familie und Digitalisierung“, „Elternschaften heute“, „Familie, Partizipation und Demokratie“ sowie „Familie in besonderen Lebenslagen“ ausgewählt, die an Thementischen in vier Runden von allen Teilnehmer/innen angeregt diskutiert wurden. Nach spannenden Gesprächen wählten die Anwesenden „Familie, Partizipation und Demokratie“ zum Thema für die nächsten zwei Jahre. Ein zentraler Diskussionsgegenstand war die Frage nach Rolle und Bedeutsamkeit von Familie als zentraler Bildungs- und Sozialisationsinstanz im Erwerb demokratischer Kompetenzen und demokratiefördernder Einstellungen. Dabei ging es u.a. um die Möglichkeiten und Kompetenzen, die in Familien vorhanden sein müssen, um sich z. Bsp. in Beteiligungsprozessen einzubringen, mitzuwirken, mitzugestalten und ihre Bedarf einzubringen.

Als nächste Schritte wird nun die Art und Schwerpunktsetzung der Themenbearbeitung erarbeitet, und dies voraussichtlich im Januar im Beirat besprochen. Alle Mitglieder sind herzlich dazu aufgerufen und eingeladen, dazu Ideen, Anregungen und Erfahrungen mitzuteilen.

Viel Austausch und wichtige Einblicke bei Fachforum „Familienzusammenführung von Geflüchteten“

Berlin, 03. Mai 2017:
Was bedeutet es konkret für eine Familie, wenn sie den Prozess der Familienzusammenführung durchläuft? Wo liegen bei der Familienzusammenführung von Geflüchteten in der Praxis die Spannungsfelder und Herausforderungen? Was müsste in der Handhabung der Familienzusammenführung verändert werden? Über diese und weitere Fragen diskutierten die rund 40 Teilnehmer_innen beim Fachforum „Familienzusammenführung von Geflüchteten“ des Bundesforums Familie am 03. Mai 2017.

Die Veranstaltung wurde eingeleitet von einer thematischen Hinführung „Familienzusammenführung als familienpolitisches Thema?“ von Hiltrud Stöcker-Zafari (Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.). Darin erläuterte sie das Spannungsverhältnis der Zuständigkeiten beim Thema Familienzusammenführung zwischen Familienpolitik und Innenpolitik und gab einen kurzen historischen Einblick in Familienzusammenführungsprozesse der letzten 40 Jahre in Deutschland. Abschließend ging sie auf die besondere Bedeutung ein, die der Familiennachzug bei Geflüchteten für das Ankommen in einer Gesellschaft hat.

Es folgte ein Impulsreferat von Rebecca Einhoff (UNHCR) zum Thema „Familienzusammenführung von Flüchtlingen: Rechtliche Rahmenbedingungen und praktische Hindernisse“ (PDF). Dabei gab Rebecca Einhoff einen Überblick über die völkerrechtlichen Grundsätze zur Familienzusammenführung und erläuterte die unterschiedlichen Definitionen des Familienbegriffs der verschiedenen internationalen Konventionen, Institutionen und Organe. Einhoff berichtete, dass die Einheit der Familie in völkerrechtlichen Dokumenten zwar geschützt werde, „Familienzusammenführung“ jedoch in nur wenigen Dokumenten ausdrücklich Erwähnung finde. Sie stellte ausführlich die völkerrechtlichen, europäischen und nationalen Grundsätze zur Familienzusammenführung dar und verdeutlichte, unter welchen Voraussetzungen sie möglich sei und welche Bestimmungen dabei gelten. Dabei wies sie darauf hin, dass es in der Praxis der Familienzusammenführung große Probleme vor allem mit den unterschiedlichen Terminvergabesystemen und den langen Wartezeiten auf Termine und Verfahren gebe. Auch die praktische Erreichbarkeit der deutschen Auslandsvertretungen (insbesondere im Libanon und der Türkei) stelle oftmals ein großes Hindernis für eine rasche Familienzusammenführung dar.

Anschließend ging Einhoff näher auf aktuelle rechtliche Probleme in Deutschland aus Sicht von UNHCR ein, die vor allem mit der engen Definition des Familienbegriffs (z.B. der Schwierigkeit, Geschwisterkinder von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF) gemeinsam mit den Eltern nachziehen zu lassen) sowie auch mit der aktuellen Aussetzung der Familienzusammenführung von Personen mit subsidiärem Schutz zusammenhängen. Auch die Zumutbarkeit der Pass- und Dokumentenbeschaffung (Identitätsnachweis, Nachweis der familiären Verbindungen) und alternative Formen der Glaubhaftmachung seien problematisch. Zum Abschluss gab Einhoff einen kurzen Exkurs zu den Grundsätzen der Familienzusammenführung im Rahmen der Dublin-III-Verordnung und zu anderen Aufnahme- bzw. Einreisemöglichkeiten für Familienangehörige (Resettlement, Humanitäre Aufnahmeprogramme, Aufnahmeprogramme der Bundesländer etc.).

In Anschluss fand die anregende Podiumsdiskussion „Familienzusammenführung von Geflüchteten: Chancen und Herausforderungen“ mit Karim Al Wasiti (Flüchtlingsrat Niedersachsen), Mohammed Jouni (Jugendliche Ohne Grenzen), Sebastian Muy (BBZ – Beratungs- und Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge und Migrant*innen), Gerhard Scholz (Ausländerbehörde München) und Ulrike Wolz (Landesjugendamt Berlin) statt.

Gerhard Scholz, der seit 1992 in der Ausländerbehörde München arbeitet, beschrieb die enorme Erhöhung des Arbeitsumfangs und die damit einhergehenden großen personellen Herausforderungen, die mit dem aktuellen Anstieg der Anzahl Geflüchteter aus Syrien einhergingen. Er berichtete von teilweise sehr langen Wartezeiten für die Familienangehörigen bei den Auslandsvertretungen, denen dann wiederum lange Bearbeitungszeiten bei den Ausländerbehörden folgen würden, sodass der Prozess des Familiennachzugs insgesamt zu lange dauere.

Dabei sei das grundsätzliche Problem des Zuzugs nicht neu. So sei es gleich zu Beginn seiner Arbeit bei der Ausländerbehörde im Zuge der Balkankrise zu einer großen Zuwanderung von geflüchteten Familien gekommen. Einige Aspekte hätten sich jedoch seit der damaligen Zeit verbessert, beispielsweise sei das Thema Beschäftigung von Geflüchteten viel besser aufgegriffen worden. Auch die Einsicht, dass Deutschland Zuwanderer_innen brauche, habe sich deutlich zum Positiven gewandelt. Vieles sei jedoch nach wie vor verbesserungsfähig: wünschenswert wären z. B. Verwaltungsanweisungen oder eine entsprechende Gesetzgebung, die mehr Klarheit in die Familienzusammenführung bringen würde, vor allem beim Thema Nachzug von Geschwisterkindern.

Sebastian Muy stellte seine Arbeit beim Beratungszentrum BBZ vor, wo er seit Oktober 2014 tätig ist. Die größte Gruppe, die er dort berate, seien syrische Geflüchtete. Er habe im Prozess der Familienzusammenführung Wartezeiten von 15 Monaten bis zu zwei Jahren miterlebt. Daneben stelle die Aussetzung des Familiennachzugs zu subsidiär Schutzberechtigten eines der größten Probleme dar. Dies sei vor allem für unbegleitete Jugendliche und deren Familien hoch problematisch, da diese nach Vollendung des 18. Lebensjahres den Anspruch auf Nachzug der Eltern verlören. Er betonte, dass Familiennachzug oftmals auch außerhalb der Kernfamilie von den Geflüchteten erwünscht sei. Dass dem nicht stattgegeben wird, liege am engen Familienbegriff des Aufenthaltsgesetzes und der restriktiven Auslegung der bestehenden Härtefallregelungen. In jüngster Zeit würden die Behörden zunehmend die Visaanträge von Geschwistern von UMF ablehnen und damit selbst Kernfamilien auseinanderreißen.

Muy wünschte sich, dass Gesetze, Behörden und Gerichte den Familien jenen Wert beimessen, den sie – unter anderem nach der UN-Kinderrechtskonvention – tatsächlich haben, anstatt Familien auseinander zu reißen. Dabei müsse die Situation der Familienangehörigen im Ausland ebenso berücksichtigt werden wie die emotionale Belastung und der Druck, dem sich insbesondere unbegleitete Minderjährige in Deutschland ausgesetzt fühlten. Viele wagten es daher nicht, ihren Eltern das Ausmaß der Hürden und Schwierigkeiten zu berichten. Dies stelle oftmals eine Zerreißprobe für die gesamte Familie dar.

Karim Al Wasiti berichtete, dass die Familienzusammenführung ein wichtiges Arbeitsfeld des Flüchtlingsrats Niedersachsen sei und er das Thema seit Anfang der Krise in Syrien intensiv begleite. Seit Anfang 2016 arbeite er sogar hauptsächlich im Thema Familienzusammenführung zu anerkannten Flüchtlingen in den Feldern Beratung, Begleitung und Öffentlichkeitsarbeit. Der Flüchtlingsrat formuliere durch enge Begleitung dieses Prozesses politische Forderungen, damit das Recht auf Familienzusammenführung für anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Geschützte nicht durch jahrelange Wartezeiten, bürokratische Hürden und gesetzliche Verschärfungen auf die lange Bank geschoben werde. Zusammen mit anderen Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen, Wohlfahrtverbänden und Kirchen habe der Flüchtlingsrat daran gearbeitet, dass Angehörige von syrischen Geflüchteten in Deutschland durch Aufnahmeprogramme einreisen könnten.

Al Wasiti kritisierte, dass viele Menschen, die eigentlich einen Anspruch auf Familiennachzug nach Deutschland hätten, diesen aufgrund immenser bürokratischer Hürden nicht einlösen könnten. So seien 200.000 Menschen aus Syrien und dem Irak nach Genfer Flüchtlingskonvention im Jahr 2016 in Deutschland anerkannt worden, während im selben Zeitraum nur 48.000 Visa an die anspruchsberechtigten Angehörigen erteilt worden seien. Er bemängelte ebenfalls, dass seit Sommer 2016 neue Dimensionen der Verhinderung von Familiennachzug zu UMF durch Ausnutzung von Gesetzeslücken durch das Verwaltungshandeln zu beobachten seien. Dabei würden den Eltern dieser UMF Visa erteilt, den minderjährigen Geschwistern aber nicht. Deshalb stünden diese Eltern oftmals vor einer schwierigen Entscheidung: Sie müssten sich zwischen dem Zusammenleben mit einem Teil ihrer Kinder und dem Zusammenleben als Ehepaar entscheiden. Er appellierte dementsprechend deutlich an die Familienverbände, sie sollten verstärkt zusammenarbeiten und ihre Forderungen deutlich lauter werden lassen.

Ulrike Wolz stellte dar, dass in ihrer Arbeit beim Landesjugendamt Berlin die hochgradig schutzbedürftigen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von besonderer Relevanz seien. Das Landesjugendamt sei zunächst für sie zuständig und übernehme dann die Verteilung auf die Bezirke. Auch in ihrer Arbeit sei Familienzusammenführung bislang kein großes Thema gewesen. Nun schlage es immer mehr auf, denn die meisten UMF äußerten sehr rasch den Wunsch nach Familiennachzug. Problematisch sei aber auch die innerdeutsche Familienzusammenführung, da im Gesetz nicht näher definiert sei, wer genau als Verwandte_r gelte und wer nicht. Eine Zusammenführung sei dadurch in manchen Fällen ausgeschlossen gewesen, auch wenn es tatsächlich Verwandte in anderen deutschen Städten gab und alle Beteiligten eine Zusammenführung wünschten. Besonders problematisch sei es, wenn sich innerhalb des Prozesses der Familienzusammenführung die Zuständigkeiten der Behörden ändere. Auch gebe es in allen Bundesländern unterschiedliche Regelungen, die sich wiederum ebenfalls viel Fluktuation unterlägen, beispielsweise habe sich die Anerkennung des afghanischen Identitätsdokuments Tazkira in Berlin zweimal kurzfristig geändert. Wolz äußerte den Wunsch, die innerdeutsche Familienzusammenführung leichter zu ermöglichen. Auch müssten die Ausländerbehörden und die Jugendämter besser zusammenarbeiten und die Prozesse der Familienzusammenführung insgesamt besser begleitet werden.

Mohammed Jouni stellte die von ihm mit gegründete Organisation Jugendliche ohne Grenzen vor. Seit 2004 betreibe die Organisation Lobbyarbeit zu den Themen Bildung und Ausbildung, Duldung und Bleiberecht. Bis 2014 sei der Begriff der Duldung weitestgehend unbekannt gewesen. Das habe sich mittlerweile geändert und die Öffentlichkeit sei inzwischen viel besser informiert.

Aus der Praxis schilderte er eine große Intransparenz bei der Terminvergabe und von Agenturen, die sich durch Familienzusammenführungsprozesse bereichern wollten. Die Situation von UMF, die einen Nachzug ihrer Familie begehrten, sei besonders problematisch: Es sei nahezu unmöglich, mit 17,5 Jahren noch einen Aufenthaltstitel zu bekommen. Es gebe auch Probleme bei der Alterseinschätzung, teilweise dauere der Prozess zwei Jahre. Dann seien die Betroffenen bereits volljährig und damit ihre letzte Chance auf einen Aufenthaltstitel entfallen würde. Jouni berichtete auch von der hohen Erwartungshaltung der Eltern an die Jugendlichen, sie schnellstmöglich nachzuholen und von dem enormen Druck, der dadurch auf den Jugendlichen laste. Innerhalb kürzester Zeit müssten sie die deutsche Sprache erlernen, ins Schul- oder Ausbildungssystem finden und sich mit den bürokratischen Hürden des Familiennachzugs auseinandersetzen. Diese hohen Anforderungen führten teils zu Depressionen und Belastungsstörungen. Von den Beratungsorganisationen erfordere dies in der Beratung oft sehr spezielle Qualifikationen in einzelnen Fragen. Gleichzeitig müsse man jedoch auch bedenken, was konkret mit den jungen Menschen passiert, wenn tatsächlich die ganze Familie nachkäme und sie dann die gesamte Verantwortung für die Familie trügen. Jouni wünschte sich eine schnelle Überarbeitung der momentan unzureichenden Gesetzeslage und einen sofortigen Stopp der Aussetzung des Familiennachzugs bei subsidiärem Schutz: Familienzusammenführung sei ein Grundrecht und ein Menschenrecht.

Anmerkungen aus dem Plenum

Im Plenum wurde betont, dass der Fokus bei der Diskussion zum Thema Familienzusammenführung nicht allein auf unbegleitete minderjährige Geflüchtete gesetzt werden sollte. Es gebe auch viele begleitete minderjährige Geflüchtete, die ebenfalls wichtige Bedarfe hätten. Dennoch schätzten die Teilnehmer_innen die langen Wartezeiten und die hohen bürokratischen Hürden im Familienzusammenführungsprozess als dramatisch und dringend reformbedürftig ein. Es sei zudem wichtig, sich die Geflüchteten und ihre Familien genau anzuschauen, denn entgegen der oftmals vorherrschenden öffentlichen Meinung würden nicht alle Transferleistungen beziehen und seien „bildungsfern“. Sprachprobleme würden häufig mit „Bildungsferne“ gleichgesetzt, dies sei problematisch.

Insgesamt wurde resümiert, dass es sich beim Familiennachzug um ein altbekanntes und aus familienpolitischer Sicht hochgradig wichtiges Thema handele, dass jedoch bislang nicht genügend im Fokus stehe. Bedauerlicherweise finde eine Bündelung der Zuständigkeiten nicht statt und die Stimme der Familienpolitik sei dabei insgesamt deutlich zu leise. Die Verantwortung könne jedoch auch nicht allein beim Gesetzgeber gesucht werden. „Was können die Organisationen des Bundesforums Familie ganz konkret dafür tun, damit Familienzusammenführung besser gelingen kann?“

In ihrem Abschlusskommentar nahm Dr. Karin Jurczyk (Deutsches Jugendinstitut), die Themen Sicherheit, Angst und Sorge um die Angehörigen in den Fokus. Ein wichtiger Aspekt dabei müsse es sein, dass Familienpolitik, Asylpolitik und Integrationspolitik mehr und effektiver zusammenarbeiten und die Familienpolitik als „weiches“ Politikfeld sich dabei offensiver und selbstbewusster behaupte. Sie ging auch auf die Frage ein, was konkret mit geflüchteten Familien passiere, wenn sie nach Deutschland gekommen sind. „Wie kann dann die ganze Familie gestützt werden?“ Bei diesen Fragen müsse auch die sozio-ökonomische und kulturelle Vielfalt von Familien  und die Vielfalt der Familienformen (z.B. Alleinerziehende) hinsichtlich ihrer Bedarfe, aber auch ihrer Ressourcen – auch und gerade beim Thema Bildung – deutlicher berücksichtigt  werden.

Spannende Inputs und Diskussionen beim Fachforum „Zugänge von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu Regelangeboten der Bildung“

Berlin, 06. Dezember 2016:
Wie wird der Zugang von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu Kindertagesbetreuung und Schule gewährleistet? Was sind die bestehenden Herausforderungen und welche Lösungsansätze gibt es? Um diese Fragen drehte sich das zweite Fachforum des Bundesforums Familie im Themenzyklus „Familie und Flucht“ am 6. Dezember 2016. Rund 40 Teilnehmer_innen aus den Mitgliedsorganisationen nahmen die Gelegenheit zum Informationsaustausch und zur Vernetzung wahr.

In einem ersten spannenden Impulsvortrag berichtete Rainer Ohliger (Netzwerk Migration in Europa) über die formalen und strukturellen Zugänge und Hürden, denen Geflüchtete im Bildungsbereich begegnen. Grundlage seiner Ausführungen bildete die Arbeit der Robert Bosch Expertenkommission zur Neuausrichtung der Flüchtlingspolitik. Dabei sei zu bedenken, dass noch nicht ausreichend quantitative Daten vorlägen, um belastbare Aussagen zu treffen. Ausgehend von den bisherigen Forschungsergebnissen könne man aber in etwa damit rechnen, dass die Zahl der Kinder in der Kindertagesbetreuung um 1,4 – 3,5 Prozent und die Zahl der zu beschulenden Kinder um 0,6 – 1,4 Prozent steige, wenn die seit 2015 nach Deutschland geflüchteten Kinder und Jugendliche in den Bildungsinstitutionen ankämen. Die Institution Schule sei, auch aufgrund der relativ geringen zusätzlichen Schüler_innen bei ansonsten sinkenden Schüler_innenzahlen, vergleichsweise gut in der Lage, die Herausforderungen zu bewältigen. Größere Probleme seien in der Kindertagesbetreuung zu sehen, denn es gebe generell hier zu wenig Plätze, zu wenig Personal und einen großen Bedarf an interkultureller Qualifikation der bereits hoch beanspruchten Fachkräfte.

Kompetenzen der pädagogischen Fachkräfte spielten auch im zweiten Impulsvortrag „Kinder geflüchteter Familien in der Kita“ von Petra Wagner (Fachstelle Kinderwelten, Institut für den Situationsansatz) eine Rolle. Sie erläuterte den Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung, der dazu befähigen soll, Diversität zu respektieren und Diskriminierungen zu widerstehen. Der Leitsatz „Alle Kinder sind gleich, jedes Kind ist besonders!“ verdeutliche die Spannung zwischen der Anerkennung gleicher Rechte und der Notwendigkeit, dabei die unterschiedlichen Lebensumstände von Kindern und Familien zu berücksichtigen. Anhand von praktischen Beispielen machte Wagner deutlich, wie Gemeinsamkeiten und Anknüpfungspunkte gefunden und thematisiert werden können. Kitas und Schulen könnten so zu Orten „kultureller Demokratie“ werden. Dies erfordere kontinuierliche Aushandlungsprozesse zwischen den Familienkulturen und den institutionellen Kulturen, mit einer Orientierung an der Leitlinie „Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen!“. Konkret bestehe dies darin, Unterschiede weder zu ignorieren noch überzubetonen, sondern respektvoll zum Thema zu machen. Gleichzeitig gelte es, Ausgrenzung und Diskriminierung zu erkennen und zu bekämpfen – und nicht den geflüchteten Familien die Schuld für (bildungs-)politische Versäumnisse zu geben.

Die beiden Hauptvorträge wurden ergänzt durch Praxisbeispiele aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie. Dr. Apolonia Franco Elizondo berichtete von Sprachlernangeboten für geflüchtete Familien, die die IMPULS Deutschland Stiftung organisiert. Saadia Bouhaddou-Jasarevic stellte ein Patenschaftsprojekt des Zentralrats der Muslime in Deutschland vor. Die Vernetzung und fachliche Begleitung von Modellkitas in Berlin, die mit geflüchteten Kindern arbeiten, war Gegenstand des Inputs von Marlies Knoops von der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder. Dass geflüchtete Kinder aber auch in der Kindertagespflege unterkommen können und welche Schritte aktuell zur Vernetzung und Unterstützung der Tagespflegepersonen wie auch der geflüchteten Familien unternommen werden, verdeutlichte Ilka Ruhl vom Bundesverband für Kindertagespflege.

Nach der Mittagspause kamen die Teilnehmer_innen in zwei parallelen Foren mit Expert_innen zusammen. Forum 1 hatte die frühkindliche Bildung zum Thema, in Forum 2 wurde zum Themenbereich Schule diskutiert. In beiden Gruppen waren die leitenden Fragen: Was sind die Faktoren, die dazu beitragen, dass Zugänge zu Bildungsangeboten geschaffen und genutzt werden? Wo liegen die Herausforderungen? Was muss geschehen, dass bestehende Probleme bewältigt werden können?

Dr. Jürgen Wüst von der Karl-Kübel-Stiftung moderierte das Forum 1 zum Bereich frühkindliche Bildung. Zwei Expertinnen eröffneten hier die Diskussion. Helena Saba stellte die Aktivitäten von „Willkommen KONKRET“ vor, dem Berliner Bündnis für Kinder geflüchteter Familien, einer zivilgesellschaftlichen Initiative von Menschen aus der frühpädagogischen Praxis und Theorie, aus Verwaltung, Therapie sowie Fort- und Weiterbildung. Das Bündnis arbeite gemeinsam daran, allen in Berlin lebenden Kindern von Beginn an Zugang zu frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung zu verschaffen und ihnen die Rechte zu sichern, die ihnen laut Kinderrechtskonvention zustehen. Sie machte deutlich, welche Akteure an der Inklusion von Kindern in Einrichtungen frühkindlicher Bildung beteiligt sind und wie wichtig deren Vernetzung ist, nicht zuletzt auch um sich gegenseitig in den entsprechenden Praxisfeldern zu unterstützen und zu stärken. Maria Korte-Rüther vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) ergänzte dies mit Erfahrungen aus der Qualifizierung und Vernetzung von Fachkräften und Einrichtungen. Die Kita sei ein, wenn nicht sogar der Ort der Vielfalt von Anfang an. Hier kämen Familien und Kinder aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen, mit unterschiedlichsten sozio-ökonomischen Hintergründen und unterschiedlichsten körperlichen und geistigen Fähigkeiten zusammen, um gemeinsam zu spielen und zu lernen, um Freundschaften zu knüpfen und Freude zu haben. Zurzeit würden in Niedersachsen beispielsweise etwa 200 Multiplikator_innen im Rahmen der Qualifizierungsinitiative des Kultusministeriums „Vielfalt fördert! Vielfalt fordert“ fortgebildet, um Fachkräfte beim Umgang mit Diversität in Kitas zu unterstützen. Dabei seien die Reflexion des professionellen Selbstverständnisses und der eigenen pädagogischen Orientierungen zentrale Bestandteile der folgenden Qualifizierungen in den Einrichtungen. Zudem gehe es zentral um die Frage, welchen Beitrag die Einrichtungen darüber hinaus leisten können, um sich in den Sozialraum zu öffnen.

Forum 2, welches parallel stattfand und von Dr. Mehmet Alpbek (FÖTED) moderiert wurde, hatte die Zugänge von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zur Schule im Blick. Hier berichtete zunächst Lara Stothfang, Grundschullehrerin in Berlin, von ihren Erfahrungen mit geflüchteten Kindern in der Schule und der von ihr ins Leben gerufenen Initiative HUCKEPACK, die sehr erfolgreich Patenschaften an geflüchtete Kinder zwischen 6 und 18 Jahren in Berlin vermittelt. Die ehrenamtlichen Pat_innen würden sich etwa einmal wöchentlich mit ihren Patenkindern treffen und gemeinsam Freizeitaktivitäten unternehmen, sowie sie beim Deutschlernen und auch bei schulischen Belangen unterstützen. Die erklärten Ziele der Initiative seien es, Geflüchtete Willkommen zu heißen, ihnen das Ankommen zu erleichtern, Vorurteile abzubauen, Kinder zu stärken und einen gegenseitigen Austausch zu fördern, indem Barrieren abgebaut würden. Anschließend schilderte Tom Erdmann (GEW Berlin) die gewerkschaftliche Sichtweise auf die Zugänge von jungen Geflüchteten zur Schule im Land Berlin. Das System der sogenannten „Willkommensklassen“, in denen geflüchtete Kinder separat unterrichtet werden und dort vor allem die deutsche Sprache lernten, sei in den letzten zwei Jahren rasant ausgebaut worden: mittlerweile gebe es 1000 solcher Klassen mit insgesamt etwa 12000 geflüchteten Schüler_innen in Berlin. Allerdings fehlten vielerorts geeignete Lehrkräfte für diese Klassen, auch würde der Unterricht bei Erkrankung der Lehrkräfte oft nicht vertreten, sondern falle aus. Wichtig sei der GEW ein Ausbau von Erzieher_innenstellen im Ganztagsbereich, eine deutliche Stärkung der Schulpsychologie wie auch ein klarer Abschiebestopp für Kinder. Sybille Siegling, Referentin beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz, legte abschließend die teils recht unterschiedlichen Bemühungen der Bundesländer im Bereich der schulischen Inklusion junger Geflüchteter dar. So greife die Schulpflicht beispielsweise in Hamburg „ab dem ersten Tag“, in vielen anderen Ländern erst nach Zuweisung der geflüchteten Kinder in die Kommunen, wenn diese „ihren gewöhnlichen Aufenthalt“ dort etabliert hätten. Flächendeckend gebe es in allen Ländern den Anspruch, so schnell wie möglich alle Kinder zu beschulen. Die angewandten Sprachförderkonzepte seien aufgrund der Gegebenheiten vor Ort vielfältig. Leider fehle bislang aber eine konsistente wissenschaftliche Evaluation der eingesetzten Methoden und Praktiken, um entsprechende Empfehlungen aussprechen zu können. Als vorteilhaft hob Siegling hervor, dass sich durch die notwendige Handhabe des Zuzugs geflüchteter Kinder vielerorts neue Kommunikations- und Kooperationsstrukturen auf kommunaler Ebene gebildet hätten, was auch für andere Bereiche durchaus positive Synergien freisetzen könne.

Die Leitfragen der Foren wurden in der abschließenden Fishbowl-Diskussion mit allen Teilnehmenden noch einmal aufgegriffen. Dabei wurde deutlich, dass der Bedarf in erster Linie auf personeller Seite gesehen wird. Zum einen sei es unbedingt notwendig, über ausreichend personelle Ressourcen verfügen zu können, um mit der Diversität in den Bildungsinstitutionen angemessen umzugehen. Zum anderen bedürfe es bei den Fachkräften einer bestimmten Haltung als Teil ihrer Professionalität, die es zu entwickeln gelte. Elemente einer solchen Haltung seien Offenheit und Augenhöhe. „Der eigentliche Gelingensfaktor ist, dass wir es wirklich wollen!“, formulierte es eine Teilnehmerin.

Ausführlicher Bericht der Auftaktveranstaltung „Familie und Flucht“

„Familie und Flucht“ – für dieses Rahmenthema hatte sich die Netzwerkversammlung des Bundesforums Familie im Dezember 2015 ausgesprochen. Am 12. April trafen sich die Netzwerkpartner nun erneut im Centre Monbijou in Berlin, um den Fahrplan für die kommenden zwei Jahre zu konkretisieren. In dieser Themenperiode wird die Arbeit des Bundesforums stärker als in der Vergangenheit auf Veranstaltungen und Fachforen mit Ad-hoc-Arbeitsgruppen zu deren Vorbereitung und inhaltlichen Auswertung ausgerichtet sein. Dies hatte der Beirat vorgeschlagen, um die Arbeitsweise des Bundesforums der gesellschaftlichen Dynamik des Themenfeldes und dem hohen Bedarf der Mitgliedsorganisationen an Input und Austausch anzupassen.

Doch wo stehen die Mitglieder des Bundesforums beim Thema Familie und Flucht? Inwiefern ist die Arbeit der Verbände und Institutionen von den aktuellen Fluchtbewegungen betroffen? Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Auf welche Erfahrungen können sie, kann das Bundesforum Familie zurückgreifen? Diese Fragen wurden im ersten Veranstaltungsteil der Auftaktveranstaltung behandelt. Fünf Vertreter_innen verschiedener Mitglieder des Bundesforums berichteten auf dem Podium exemplarisch aus ihren Organisationen.

Dr. Heidemarie Arnhold vom Arbeitskreis Neue Erziehung (ANE) legte dar, dass die IMG_4613Elternarbeit schon immer damit konfrontiert gewesen sei, dass Familien mit einem Migrationshintergrund besondere Bedürfnisse hätten, dass diese jedoch ganz unterschiedlich seien und man nicht von einer homogenen Gruppe ausgehen könne. Fluchterfahrung sei ebenfalls kein neues Thema, aber die Bedeutung habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Als kleiner Verein könne man ihm nicht an allen Stellen angemessen begegnen. Als größte Herausforderung nannte Arnhold die enorme Sprachenvielfalt. Um Familien über Unterstützungsangebote zu informieren, brauche man einheitliche Übersetzungen bestimmter sozialstaatlicher Begrifflichkeiten. Der ANE habe dafür ein internes Glossar entwickelt, damit die eigenen Handreichungen einheitlich seien. Andere Institutionen verwendeten jedoch teilweise andere Übersetzungen.

Sebastian Ludwig erläuterte, dass auch bei der Diakonie das Thema Flucht Konjunktur habe. Die Diakonie unterstütze geflüchtete Menschen durch verschiedenste Strukturen vor Ort wie spezielle Beratungsangebote zu Asylverfahren. Auch „reguläre“ Angebote wie Schwangerschaftskonfliktberatung oder Jugendhilfe würden zunehmend von geflüchteten Menschen genutzt. Im Diakonie Bundesverband werde zum Thema Flucht außerdem gezielt Lobbyarbeit betrieben. Familienbezug habe aus seiner Sicht vor allem das Thema Familienzusammenführung sowie die Bedingungen, unter denen Familien in Unterkünften zusammenleben. Hierzu habe die Diakonie eine gemeinsame Initiative mit dem BMFSFJ zu Schutzmaßnahmen in Einrichtungen vorangetrieben.

Das Paritätische Bildungswerk hingegen sei wiederum auf einer anderen Ebene mit dem Thema konfrontiert, nämlich in den Fortbildungen für Erzieher_innen, ergänzte Maria Rocholl. Diese seien außerordentlich herausgefordert, wenn es darum gehe, mit geflüchteten Familien umzugehen. Es sei zum einen eine Haltung vonnöten, die von Offenheit und interkulturellen Kompetenzen geprägt ist, zum anderen brauche es auch Kenntnisse über die spezifischen Bedürfnisse von geflüchteten Kindern, die eventuell traumatisiert seien, sowie über Unterstützungsangebote, auf die weiterverwiesen werden könne. All dies sei kaum zu gewährleisten in der derzeitigen Situation, in der nahezu alle Stellen überlastet seien und an allen Ecken und Enden Personal fehle. Hierin liege die nächste Herausforderung: Welche Aufgaben können an ehrenamtliches Personal übertragen werden? Was kann das Ehrenamt gut leisten, wozu braucht es Profis? Welche Begleitung brauchen beide Seiten?

Die Notwendigkeit von Begleitung und Supervision betonte auch Andrea Domke von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). Die Mitarbeiter_innen der Beratungsstellen seien bei Familien mit Fluchterfahrung oft mit großem Leid konfrontiert, mit dem es umzugehen gelte. Da die Sprache das Medium der Beratung sei, liege in der Sprachvermittlung die größte Herausforderung. Hier gelte es flexibel zu sein, die drittbeste mögliche Lösung sei besser als gar keine Lösung. Sie teile ebenfalls die Erfahrung, dass die Gruppe der Geflüchteten keineswegs homogen sei. Dies sei stets im Hinterkopf zu behalten, um auf die spezifischen Bedürfnisse einer jeden Familie gezielt eingehen zu können.

Eine weitere Dimension, auf der Verbände mit dem Thema Familie und Flucht betroffen sein können, brachte Hiltrud Stöcker-Zafari vom Verband binationaler Familien und Partnerschaften (iaf) ein. Bei ihnen gehörten häufig Verwandte der eigenen Verbandsmitglieder zur Gruppe der Geflüchteten. Die iaf biete für Geflüchtete Information, Beratung und Sprachvermittlung. Verbandsspezifisch seien hier die Themen Trennung und Eheschließung. Insgesamt stelle die iaf eine allgemeine Verunsicherung bei interkulturellen Fragen fest. Die notwendige Aufklärung sei ein „Fass ohne Boden“.

Im anschließenden Plenum wurde deutlich, wie breit das Themenfeld Familie und Flucht IMG_4607abzustecken ist. Aufgezeigt wurde unter anderem, dass es kaum Erkenntnisse dazu gebe, wie viele Geflüchtete mit Behinderung es gebe und wie auf deren Bedürfnisse in den Aufnahmeeinrichtungen eingegangen werde. Klar wurde, dass die jüngste Fluchtbewegung an keiner Organisation vorbeigegangen ist und sogar das Potenzial hat, einen Verband intern zu verändern. Eine Teilnehmerin berichtete beispielsweise, dass das Thema Flucht ihren Verband im letzten Jahr stark politisiert habe. Es habe sich nun im Verband eine Arbeitsgruppe „Gesellschaftspolitik“ gegründet, die sich inzwischen nicht mehr nur mit dem Thema Flucht, sondern auch mit den Themen Armut und Arbeit auseinandersetze. Der Verband habe zudem einen Pool an ehrenamtlichen Supervisoren und Coaches gebildet, um Ehrenamtliche in der Arbeit mit Geflüchteten zu stärken. Die Einschätzung des Podiums, dass eine solche Begleitung der Menschen, die mit geflüchteten Menschen arbeiten (sowohl ehrenamtlich als auch professionell), von enormer Bedeutung sei, wurde von mehreren Seiten bekräftigt.

Zuspruch erhielt auch der Vorschlag, den Blick darauf zu richten, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Fluchtthematik spalte das Land, deswegen sei es wichtig, sich mit so grundlegenden Fragen auseinanderzusetzen wie: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Was verbindet uns? In einer solchen konstruktiven Debatte gelte es auch, die Ressourcen und Potentiale in den Fokus zu rücken, die von den Zugewanderten mitgebracht würden. Konsens herrschte ebenfalls darüber, dass das Bundesforum dabei zu politischen Schlussfolgerungen gelangen solle.

Der zweite Veranstaltungsteil widmete sich der Frage, welche Teilaspekte des breiten Themenfeldes Familie und Flucht vom Bundesforum genauer zu diskutieren seien. Hierfür standen acht Stellwände zur Verfügung, um darauf die Unterthemen und konkreten Fragestellungen festzuhalten, zu denen sich die Teilnehmer_innen Veranstaltungen des Bundesforums wünschten. Der Beirat hatte im Vorfeld die Themenbereiche Arbeit & Qualifikation, Bildung, Gesundheit & Krankheit, Sprache, Trauma & Gewalt sowie Wohnen identifiziert, welche jeweils an einer IMG_4665Stellwand diskutiert werden konnten. Darüber hinaus standen zwei „Blankotafeln“ zur Verfügung, um Fragestellungen außerhalb dieser Themen zu erörtern. Es gab auf jeder Stellwand zudem die Möglichkeit, Expert_inn_en zu benennen sowie die Bereitschaft zur Mitarbeit an der Vor- und Nachbereitung der zu planenden Fachforen zu erklären, welche von den Teilnehmenden rege genutzt wurde. Besonders viel Andrang herrschte beim Thema Bildung, aber auch die „Blankotafeln“ für alle Fragestellungen, die sich nicht den sechs genannten Oberthemen zuordnen ließen, fanden viel Anklang. Hier wurde unter anderem über Rassismus und Diskriminierung lebhaft diskutiert. Die in diesem zweiten Teil der Veranstaltung entstandenen Poster dienten im Nachgang des Auftakttreffens dem Beirat als Grundlage für die Entscheidung, mit welchen Themen sich die kommenden Veranstaltungen des Bundesforums befassen werden. Die ersten beiden Fachforen sind für Herbst 2016 geplant und werden die Themen Bildungszugang und Wertebildung behandeln.

Material- und Linksammlung „Familie und Flucht“: Allgemein – Informationssammlungen

•     Broschüre „Flucht, Asyl und Integration. Die Flüchtlingsinitiativen der Bertelsmann Stiftung“ (Bertelsmann Stiftung)
Nachdem im Herbst 2015 die große Zahl an zufluchtsuchenden Menschen Deutschland erreichte, hat die Bertelsmann Stiftung kurzfristig beschlossen, sich dieser Herausforderung zu widmen. Sie möchte durch praktische, alltagsorientierte Projekte schnelle und konkrete Hilfe leisten, gleichzeitig aber auch dazu beitragen, die neue Situation zu analysieren und langfristig nachhaltige Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Dazu wurden zunächst über 30 Projektinitiativen entwickelt. Die Broschüre gibt eine detaillierte Übersicht über Ansätze und Zielsetzungen.

•      Übersicht aller Arbeitshilfen des Paritätischen Gesamtverbands in der Flüchtlingshilfe (Der Paritätische Gesamtverband)

•     Dossier „Für Menschen, die bei uns ankommen“ (Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverein)
Auf der Themenseite sind Informationen zur Arbeit mit geflüchteten Menschen zusammengestellt. Das Augenmerk als Frauen- und Fachverband gilt in besonderer Weise der praktischen Hilfe für Menschen, die hier vorübergehend oder dauerhaft leben, besonders der Frauen und Mädchen.

•     Materialsammlung zum Thema „Flüchtlinge“ (Pestalozzi-Fröbel-Verband | pfv)
Der pfv hat verschiedenste Materialen und hilfreiche Links – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – für Fachkräfte der Jugendhilfe sowie für engagierte Bürger_innen, die sich um Menschen mit Fluchterfahrung kümmern, zusammengestellt.

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Abschließende Diskussion im Plenum

Das Plenum des Bundesforums Familie während der Netzwerkversammlung 2014

Das Plenum des Bundesforums Familie während der Netzwerkversammlung 2014

Die abschließende Diskussion drehte sich um drei zentrale Aspekte. Zum einen diskutierte das Plenum die Bedeutung von Partizipation für Inklusion mit den drei Referent/innen. Hierzu wurde festgestellt, dass Partizipation deutlich mehr sei als nur Teilhabe: es gehe vielmehr um Mitentscheidung beziehungsweise Mitbestimmung. Auch in der BRK spiele Partizipation eine bedeutende Rolle, so definiere die BRK in ihrer Präambel Behinderung Resultat der Interaktion zwischen Menschen mit Einschränkungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren, die die volle und effektive Partizipation an der Gesellschaft auf gleicher Basis mit anderen behindere. Dr. Wrase verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass es Ziel von Inklusion sei, die größtmögliche Partizipation zu ermöglichen. Die Partizipation selbst sei also das Ziel, währenddessen Inklusion die Ausgestaltung der Systeme beträfe, um eben jenes Ziel zu erreichen. Im Umkehrschluss sei Inklusion nur dann erreichbar, wenn – am Beispiel der inklusiven Schule – Eltern und Kinder an dem Prozess der Ausgestaltung eines inklusiven Bildungssystems partizipieren könnten, im Sinne von mitentscheiden.

Ein zweiter Diskussionsstrang befasste sich mit der Frage, wie es zu dem aktuell bestehenden Bildungssystem Deutschlands gekommen sei, schließlich sei die deutsche Sonder- oder Förderschule weltweit einmalig. Dr. Arnade beleuchtete den Sachverhalt historisch und hielt fest, dass auch mit Ende des nationalsozialistischen Deutschlands 1945 leider nicht automatisch das damals vorherrschende Gedankengut „Behindertes Leben ist minderwertig“ in der Gesellschaft ausgelöscht gewesen sei. So hätten die Sonderschulen zu Beginn auch eine ganz klare Schutzfunktion gehabt. Die Entwicklung in Deutschland sei an dieser Stelle einfach stehen geblieben. Prof. Dr. Eckert gab vor diesem Hintergrund auch zu bedenken, dass das deutsche Schulsystem Inklusion in sich nicht vorgesehen habe, schließlich beruhe es mit seinen Gymnasien, Haupt- und Realschulen grundsätzlich auf dem Prinzip von homogenen Lerngruppen. Das angelsächsische Schulsystem beispielsweise sei mit seinen comprehensive schools und dem Prinzip der möglichst langen gemeinsamen Beschulung für Inklusion deutlich besser geeignet, bestätigte auch Dr. Wrase. Hierüber entspann sich zudem die Frage inwieweit die in Deutschland stark ideologisch aufgeladene Debatte über die inklusive Schule ihre Berechtigung in der BRK habe, ob also ein Elternwahlrecht in der Konvention vorgesehen sei. Dr. Arnade führte hierzu aus, dass mit der Ratifizierung der BRK sich die Staaten ganz klar zu einem inklusiven Bildungssystem verpflichteten, ein Elternwahlrecht sehe die BRK nicht vor. Wie in der öffentlichen Debatte gab es auch im Plenum zu diesem Punkt unterschiedliche Meinungen, aber unabhängig von der Frage ob zwei parallel bestehende Schulsysteme als wünschenswert betrachtet wurden, waren sich alle Beteiligten darin einig, dass die Elternperspektive von zentraler Bedeutung für die Ausgestaltung von Inklusion ist.

Auf dem Podium: Prof. Dr. Andreas Eckert, Dr. Michael Wrase, Dr. Sigrid Arnade (v.l.n.r.)

Auf dem Podium: Prof. Dr. Andreas Eckert, Dr. Michael Wrase, Dr. Sigrid Arnade (v.l.n.r.)

Mit der ganz praktischen Umsetzung der BRK in der Realität beschäftigte sich ein dritter Aspekt der Diskussion und zwar mit der Frage nach der Deutung der Formulierung „im Rahmen des Möglichen und Zumutbaren“. So sei eben jene Formulierung häufig ein Hinderungsgrund in der Umsetzung inklusiver Maßnahmen vor Ort, da sie interpretierbar wäre. Dr. Wrase räumte ein, dass diese konkrete Passage bewusst so gehalten wäre um der Individualität der Kinder gerecht werden zu können. Allerdings gäbe es durchaus Konkretisierungen. So müssten die Vorkehrungen zu den individuellen Beeinträchtigungen passen. Im Sinne des Zumutbaren müsse sich das Niveau aktuell dem der Förderschulen entsprechen. Dr. Arnade fügte hinzu, dass die BRK sehr wohl darauf einginge, dies jedoch nicht ins deutsche Recht übertragen sei. So sollte der Aspekt der Vorkehrungen in das Behindertengesetz und der der Vorhaltung dieser in das AGG aufgenommen werden, um eine Ahndung zu ermöglichen.

Die Diskussion schloss damit, dass viele bisher unbefriedigende Punkte bei der Umsetzung von Inklusion durch die Einführung der „großen Lösung“ und eine Lockerung im Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern erreicht werden könnte.

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Seite 2: Dr. Michael Wrase: Inklusion als (Menschen-)Recht?!
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Seite 4: Prof. Dr. Andreas Eckert: Lebenslagen von Familien mit einem Kind mit einer BehinderungSeite 5: Abschließende Diskussion im Plenum

Andreas Eckert: Lebenslagen von Familien mit einem Kind mit einer Behinderung

Den dritten und letzen Input an diesem Tag hielt Prof. Dr. Andreas Eckert von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Als Pädagoge beleuchtete er die Lebenslagen von Familien mit einem Kind mit Behinderung vor dem Hintergrund der UN-BRK. Zunächst ordnete er hierzu die Begriffe „Familie“ und „Behinderung“ im Zusammenhang mit der BRK ein. So hielt er fest, dass Behinderung ein sehr relativer Begriff sei, bei dem es um die Wechselwirkung zwischen Bedingungen, Hilfsangeboten und subjektiver Wahrnehmung ginge. Befasse man sich mit Familien mit Behinderung müsse die Ressourcenperspektive im Vordergrund stehen und nicht die Belastung, so würden sich die betroffenen Familien selbst zwar in einem „ständigen Spannungsfeld von besonderen Herausforderung und einem hohen Zufriedenheitserleben“ aber eben doch als „ganz normale Familie“ sehen. Dabei müsse des Weiteren beachtet werden, dass auch Familien mit Behinderung eine heterogene Gruppe seien – ebenso wie andere Familien auch – die sich nur in einem Kriterium, dem der Behinderung, glichen. Seine Einleitung rundete er schließlich mit der Erwähnung der Denkschrift der Bundesregierung zur BRK ab. Dort, so Prof. Dr. Eckert, würde explizit auf Familien eingegangen. Im Mittelpunkt stünde hier der Kooperationsgedanke zwischen Eltern und Fachkräften. Augenscheinlich wird dies beispielsweise an den Artikeln 7 und 23:

„Auch die Eltern sollen intensiv in Planung und Gestaltung der Hilfen einbezogen werden. Dabei soll den besonderen Bedürfnissen der Eltern und Kinder Rechnung getragen.“

sowie Artikel 25:

„Die individuell erforderlichen Leistungen werden in Zusammenarbeit mit den Eltern in einem interdisziplinär entwickelten Förder- und Behandlungsplan zusammengestellt.“

Prof. Dr. Andreas Eckert, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich

Prof. Dr. Andreas Eckert, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich

Im zweiten Teil seines Vortrages stellte Prof. Dr. Eckert die Besonderheiten von Familien mit einem Kind mit Behinderung mit den Ressourcen der Familien und ihren Bedürfnissen gegenüber. So entstünden Besonderheiten insbesondere in der Alltagsgestaltung je nach individueller Behinderung des Kindes sowie der Lebenssituation der Familie als Ganzes. Oft würden sich Eltern zudem mit unterschiedlichen Wertvorstellungen auseinandersetzen müssen. Denn häufig seien die in der Gesellschaft vorherrschenden Wertvorstellungen mit einem Kind mit Behinderung nicht erfüllbar und würden beispielsweise kollidieren mit denen auf Geschwisterkindern ohne Behinderung angewendeten Werten. Nach seiner Erfahrung führt diese Auseinandersetzung oft zu einer Weiterentwicklung der Eltern. Eine weitere Besonderheit sei die Veränderung sozialer Beziehungen. Dabei sei zu bedenken, dass auch hier die Heterogenität der Familien zum Tragen käme und nicht alle Eltern gleich handeln würden. Vielfach jedoch würden sich die sozialen Beziehungen dahingehend verändern, dass Eltern den Kontakt zu anderen Familien in ähnlichen Situationen suchen würden, da man in diesem Umfeld weniger erklären müsse. Anhand dieser Auflistung der Besonderheiten werde eines deutlich, so Prof. Dr. Eckert: Es gebe bei Familien mit Behinderung nicht per se mehr Belastungen wohl aber ein erhöhtes Potential möglicher Belastungen. Für die Familienförderung und die Unterstützung von Familien mit Kindern mit Behinderung sei nun eine Analyse der vorhandenen Ressourcen besonders wichtig. Hier stellte er eine Auflistung von Ressourcen in der Bewältigung möglicher Belastungen von Retzlaff (2010) vor, anhand derer deutlich wurde, dass die Familien selbst eine zentrale Rolle hierbei spielen, beispielsweise seien der familiäre Zusammenhalt, die Zufriedenheit mit der Partnerschaft und die ausgeglichene Balance familiärer Bedürfnisse wichtige Ressourcen. Daneben käme es insbesondere auch auf die sozialen Unterstützungssysteme an. Letzter Punkt in diesem Dreiklang sind die Bedürfnisse von Eltern mit behindertem Kind, die es zu beachten gebe. Derer gibt es nach Prof. Dr. Eckert vier und zwar: Informationsgewinnung (zum besseren Verständnis, wenn zum Beispiel die intuitiven Erziehungskompetenzen nicht mehr greifen), Beratung (zentrale Ansprechpartner/innen), Entlastung (durch professionelle Angebote) sowie Kommunikation und Kontaktgestaltung im Zusammenspiel von Eltern und Fachkräften.

Familienorientierung in der Kooperation

Legt man dies nun einer familienorientierten Kooperation zwischen Eltern und Fachleuten zugrunde, ergeben sich nach Sarimski und anderen (2013) eine Vielzahl möglicher positiver Beiträge, zum Beispiel eine durch Vertrauen, Respekt, Ehrlichkeit und offene Kommunikation charakterisierte Beziehungsgestaltung, die bedürfnisorientierte Mobilisierung von Ressourcen in interdisziplinären Kooperationen oder auch die Unterstützung der Familien bei der selbstständigen Lösung ihrer Probleme. Herunter gebrochen auf die UN-BRK wiederum wären entsprechend die nachfolgenden Ableitungen denkbar:

  • Bereitstellung (früher) Beratungs- und Informationsangebote für Eltern mit einem Kind mit einer Behinderung,
  • Einbeziehung von Elternpositionen in eine „wertschätzende“ Inklusionsdebatte – Auseinandersetzung mit divergenten Vorstellungen,
  • Elternwahlrecht bei der Entscheidung zwischen inklusiven und speziellen institutionellen Settings,
  • sowie Kooperation und Vernetzung als Leitidee.

Der Input von Prof. Dr. Andreas Eckert zum Download.

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Sigrid Arnade: Die UN-BRK aus der Perspektive der Zivilgesellschaft

Dr. Sigrid Arnade, Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland (ISL) e.V.

Dr. Sigrid Arnade, Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland (ISL) e.V.

Dr. Sigrid Arnade, Geschäftsführerin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland, knüpfte ihren Vortrag nahtlos an den Dr. Wrases an. So griff sie die Anmerkungen Dr. Wrase zur fehlerhaften Übersetzung der BRK auf und wusste zu berichten, dass die vorliegende amtliche Übersetzung nicht aus Unkenntnis entstanden sei, sondern durchaus in vollem Bewusstsein der Kultusminister/innen vorgenommen worden wäre. So sei unter anderem auf eine korrekte Übersetzung des Begriffs „assistance“ mit „Assistenz“ verzichtet worden. Stattdessen finde sich in der amtlichen Übersetzung „Hilfe“, was einen deutlich geringeren Grad der Selbstbestimmung impliziert. Es existiere jedoch eine sogennante Schattenübersetzung des NETZWERKS ARTIKEL 3. Daran anschließend brachte Dr. Arnade den Teilnehmenden den Inklusionsbegriff aus Sicht der Zivilgesellschaft näher und zog dabei das Modell von Katarina Tomasevski (2002) heran, welche vier Entwicklungsstadien des Rechtes auf Bildung unterscheide. Beginnend mit der Exklusion über die Separation, also einem allgemeinen Recht auf Bildung für alle in unterschiedlichen Systemen, gehe das Modell über das dritte Stadium, das mit „Assimilation durch Integration“ gleichgesetzt werden könne, bis hin zur wirklichen Gleichberechtigung, die schließlich durch ein inklusives Schulsystem erreicht wird. Gleichberechtigung wird in diesem vierten Stadium dadurch erreicht, dass sich die Gesellschaft ändert und nicht die Individuen an die Gesellschaft angepasst werden. Dabei stellte Dr. Arnade deutlich heraus, dass Inklusion mehr ist als das Recht von Kindern auf Bildung. So betreffe Inklusion neben der Bildung und Ausbildung auch Bereiche wie Gesundheit, Erwerbstätigkeit, Familienleben, Mobilität, Kommunikation, Rechtsstellung und gelte für alle Menschen, unabhängig von Behinderungen, Geschlecht, sozialer und kultureller Hintergründe sowie Lebensphasen.

Die BRK und der Parallelbericht der BRK-Allianz

In einem nächsten Schritt ging sie auf die BRK und die Verweise innerhalb der Konvention zu „Familie“ ein. Hier benannte sie die Artikel 22, 23 und 28 als zentral. In diesen wird auf die Aspekte der Privatsphäre, der Wohnung und der Familie sowie des angemessenen Lebensstandards und sozialer Schutz eingegangen. Von hier aus führte Dr. Arnade die Teilnehmenden weiter zu den Vorstellungen der Zivilgesellschaft hinsichtlich der Umsetzung der BRK in Deutschland. So habe sich die sogenannte BRK-Allianz bestehend aus rund 80 Verbänden, von ABiD/ISL über Gewerkschaften bis hin zur Wohlfahrts- und Elternverbänden, gegründet, aus deren Feder auch der Parallelbericht „Für Selbstbestimmung, gleiche Rechte, Barrierefreiheit, Inklusion!“ stammt und deren Sprecherin sie ist. So müssten die ratifizierenden Staaten innerhalb von zwei Jahren einen ersten Bericht zur Umsetzung der BRK bei der UN vorlegen und neben dem Bericht seitens der Regierung gebe es auch immer einen Bericht der Zivilgesellschaft. Auf Basis dieser beiden Berichte stehe im April 2015 ein konstruktiver Dialog zwischen UN, Bundesregierung und der Zivilgesellschaft an. In diesem Zusammenhang ging Dr. Arnade auf die Forderungen der BRK-Allianz in Bezug auf Familien ein, dazu gehören: die Regelung der Frühförderung als Komplexleistung, die Realisierung der „großen Lösung“, die Verankerung von Elternassistenz und begleiteter Elternschaft, die Aufnahme des Menschenrechts auf Familienplanung und Elternschaft in entsprechende Aus- und Fortbildungen sowie die einkommens- und vermögensunabhängige Gewährung von Teilhabeleistungen.

In ihren letzen beiden Punkten ging sie auf die Bereiche Frühförderung sowie Elternassistenz und begleitete Elternschaft näher ein. Größtes Problem seien bei der Frühförderung die Schnittstellen zwischen Leistungsträgern, die den Zugang zu den seit 2001 als Komplexleistung im SGB IX verankerten Angeboten erschwerten. Lediglich in „Sonderwelten“, also im Bereich der Förderschule, funktioniere das System, die Inklusion aber werde massiv erschwert. Dr. Arnade sieht hier akuten gesetzgeberischen Handlungsbedarf. Hinsichtlich Elternassistenz und begleiteter Elternschaft würde die BRK zur Bereitstellung dieser Leistungen verpflichten, jedoch gebe es in deutschen Gesetzen keine eindeutigen Regelungen. Entsprechend müssten Eltern immer wieder aufs Neue mit Behörden um Assistenzleistungen kämpfen und auch vor Gericht erstreiten. Dr. Arnade schloss ihren Vortrag mit der Hoffnung auf Besserung durch das Bundesteilhabegesetz, an dem aktuell gearbeitet werde und mit dem unter anderem auch die „große Lösung“ forciert werden solle.

Der Input von Dr. Sigrid Arnade zum Download. Mehr Informationen zur BRK-Allianz und dem Parallelbericht unter www.brk-allianz.de. Der Parallelbericht kann auch als gedruckte Version bei der Aktion Mensch bestellt werden. Die Schattenübersetzung der Konvention vom NETZWERK ARTIKEL 3 steht als PDF zur Verfügung oder beim Netzwerk bestellt werden.

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Michael Wrase: Inklusion als (Menschen-)Recht?!

Dr. Michael Wrase, WZB

Dr. Michael Wrase, WZB

Dr. Michael Wrase vom WZB eröffnete das Thema mit einem interessanten Blick auf die rechtlichen Auswirkungen der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) auf den Begriff der Inklusion. Durch die UN-BRK sei Inklusion zu einem rechtsverbindlichen Begriff geworden, der beispielsweise bezogen auf das Bildungssystem in Deutschland zu grundlegenden Veränderungen führe. Dr. Wrase erläuterte den Anwesenden zunächst, warum er sich im Weiteren auf den englischen Originaltext der UN-BRK beziehe. So sei die englische Version zum einen die rechtsverbindliche Version der UN-BRK, zum anderen sei die deutsche Übersetzung leider teilweise unpräzise und beinhalte beispielsweise nicht den Begriff „Inklusion“, stattdessen würde lediglich von „Integration“ gesprochen. Nach diesem Exkurs erläuterte er in einem ersten Schritt, wie sich Rechtsbegriffe im engeren und im weiteren Sinne definierten. So seien Rechtsbegriffe im engeren Sinne juristisch unmittelbar von Bedeutung sowie juristisch zu interpretieren und anzuwenden, das heißt sie ziehen Rechtsfolgen nach sich. Als Beispiel für einen derartigen Rechtsbegriff im engeren Sinne führte Dr. Wrase die nachfolgende Passage der UN-BRK an:

„States parties shall ensure an inclusiveeducation system at all levels”.

Hierbei handele es sich um einen Rechtsbegriff im engeren Sinne, der schließlich auch in Art. 24 Abs. 2 BRK konkretisiert wird. Rechtsbegriffe im weiteren Sinne wiederum eröffneten über das positive Recht hinausgehende Sinnverständnisse, seien Leitbilder für ganze Rechtsgebiete (wie das „Behindertenrecht“) und könnten als Interpretationshilfen dienen. Beispielhaft hierfür sei der Artikel 3 „General principles“, in dem es heißt:

“The principles of the present Convention shall be:
a. Respect for inherent dignity, individual autonomy including the freedom to make one’s own choices, and independence of persons;
b. Non-discrimination;
c. Full and effective participation and inclusion in society”

Im Weiteren skizzierte Dr. Wrase das Konzept der Inklusion. So bedeute Inklusion als „Form der Berücksichtigung von Personen in Sozialsystemen“ (Stichweh 2005) – oder wie Dr. Wrase konkretisierte, von Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit – die gleichberechtigte soziale Teilhabe aller zu ermöglichen. Es gehe also immer um Inklusion versus Exklusion. Entsprechend sei laut Dr. Wrase ein System dann exkludierend, wenn es menschlich-sozialer Vielfalt, also Diversität, nicht ausreichend Rechnung trage. Diesem Konzept folgend führe auch die UN-BRK den Gegenbegriff in einem Diskriminierungsverbot in Art. 5 Abs. 2 konkret aus. Diese Diskriminierung wird in Art. 2 genauer definiert:

„’Discrimination on the basis of disability’ means any distinction, exclusion or restriction on the basis of disability which has the purpose or effect of impairing or nullifying the recognition, enjoyment or exercise, on an equal basis with others, of all human rights and fundamental freedoms in the political, economic, social, cultural, civil or any other field. It includes all forms of discrimination, including denial of reasonable accommodation”.

Der Gleichheitsbegriff gehe hier also sehr weit, so Wrase. So berücksichtige substantielle (materielle) Gleichheit sowohl die gegenwärtigen Strukturen als auch vergangene Benachteiligungen und fordere eine systemische Anpassung.

Gleichheitskonzepte im Wandel

Um die Bedeutung und das Innovative dieser Gleichheitsdefinition angemessen würdigen zu können, veranschaulichte Dr. Wrase die Entwicklung des Gleichheitskonzeptes im vergangenen Jahrhundert. So hätte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die staatsbürgerliche Gleichheit gegolten, im Rahmen derer es gleiche Behandlung nur im Rahmen geltender Gesetze gab. Dem folgte nach Ende des Zweiten Weltkrieges die formale Gleichheit im Sinne eines Menschenrechtes. Zentral war hier das Differenzierungsverbot, insbesondere aufgrund von Rasse, Herkunft und Geschlecht, kurzum die Gleichheit gegenüber dem Gesetz. Während der Gleichberechtigungs- beziehungsweise Gleichstellungsbewegung hätte die formal-materielle Gleichheit vorgeherrscht, die sich insbesondere in dem Verbot mittelbarer (faktischer) Diskriminierung niederschlug. Grundgedanke war hier, dass durch Regelungen, die die spezifische Lebenssituation nicht berücksichtigen, keine wirksame Gleichheit erzeugt werden kann. Mit der UN-BRK sei man nun an dem Punkt der materiellen Gleichheit. Das wiederum hieße, exkludierende Systeme müssten umgestaltet werden und wenn diese Umgestaltung unterlassen werde, komme das Diskriminierung gleich. Es gehe also um die Gleichheit innerhalb der Sozialsysteme, nicht durch Maßnahmen außerhalb der Systeme, die der Verschiedenheit Rechnung trügen – wie das beispielsweise im Fall der Förderschulen der Fall sei. Mit dem Ansatz der Umgestaltung bestehender Systeme gehe Inklusion deutlich über formale Gleichbehandlung hinaus und müsse dazu führen, dass existierende Prozesse wie zum Beispiel arbeitsorganisatorische Abläufe, hinterfragt würden.

Welche Maßnahmen die UN-BRK nun vorsieht, um Diskriminierung zu verhindern, führte Dr. Wrase zum Schluss seines Vortrages aus. An dieser Stelle ging er näher auf den Art. 24 Abs. 1 Satz 2 in Verbindung mit Abs. 2 BRK ein. So sei hier beispielsweise festgeschrieben, dass Menschen mit Behinderung nicht vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden dürfen, Zugang zu inklusiven, qualitativ hochwertigen und kostenfreien Grundschul- und weiterführender Bildung haben und den die benötigte Unterstützung erhalten sowie angemessene Einrichtungen entsprechend der individuellen Erfordernisse vorgehalten werden müssen. Darüber hinaus müssen individuelle Unterstützungsmaßnahmen in Bereichen vorgehalten werden, die der Steigerung der akademischen und sozialen Entwicklung dienen.

Dr. Wrase schloss seinen Input damit, dass auch wenn die UN-BRK hauptsächlich Auswirkungen auf die Inklusion innerhalb des Bildungssystems habe, sie dennoch den Blick für Inklusion als solche entscheidend weite.

Der Input von Dr. Michael Wrase zum Download

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Netzwerkversammlung 2014: Familie und Inklusion

Der 19. September 2014 stand ganz im Zeichen des Bundesforums Familie. Bereits am Vormittag trafen sich die beiden Arbeitsgruppen AG A „Inklusion bei Familien mit behinderten Angehörigen” und AG B „Inklusion für die Vielfalt von Familien” zu einer ersten gemeinsamen Sitzung. In arbeitsreichen drei Stunden verschafften sich die Teilnehmenden einen Überblick über den aktuellen Stand der Arbeiten und vereinbarten weitere Schritte hin zu einem gemeinsamen Papier zum Thema „Familie und Inklusion“.

Während das Treffen am Vormittag Arbeitscharakter hatte und insbesondere demInformationsaustausch diente, war der Nachmittag vor allem der Wissensgenerierung gewidmet. Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Can Aybek (Mitglied des Beirats des Bundesforums Familie) und Diana Golze, MdB (Stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Deutschen Bundestag) brachten kurze Inputs aus den beiden Arbeitsgruppen auch diejenigen Netzwerkmitglieder auf den Stand der aktuellen Diskussion, die momentan nicht aktiv an den Arbeitsgruppen mitwirken. Im Anschluss daran stand das Thema „Lebenslagen von Familien im Lichte der UN-Behindertenrechtskonvention“ im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Hierzu hatte die Geschäftsstelle mit Dr. Sigrid Arnade (Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V.), Prof. Dr. Andreas Eckert (Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik, Zürich) und Dr. Michael Wrase (Wissenschaftszentrum Berlin) drei renommierte Expert/innen gewinnen können, die den Mitgliedern des Bundesforums aus verschiedenen Perspektiven Einblicke in das komplexe Thema gaben.

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News

Bundesforum Familie: Einblicke und Ausblicke in das Themenfeld „Familie, Partizipation und Demokratie“

Am 26. April 2018 fand die Auftaktveranstaltung des Bundesforums Familie zum Thema “Familie, Partizipation und Demokratie” in der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal in Berlin Mitte statt. Wie und wodurch wird Demokratie in der Familie erlernt? Welche Möglichkeiten haben Familien, sich in die Gesellschaft einzubringen und an politischen Prozessen mitzuwirken? Wie werden demokratische ... [weiterlesen]

Netzwerkversammlung 2017: Vorstellung der Abschlusspublikation und neues Schwerpunktthema

Knapp 60 Teilnehmende aus den Mitgliedsverbänden des Bundesforums Familie kamen am 30.11.2017 zur diesjährigen Netzwerkversammlung zusammen. Die Beratungen zum Thema „Familie und Flucht“ wurden am Vormittag beleuchtet. Petra Winkelmann, Jürgen Wüst, Birgit Merkel und Lisa Sommer stellten stellvertretend für die Ad-hoc-Arbeitsgruppen die Diskussionsergebnisse der letzten zwei Jahre vor, wie sie ... [weiterlesen]

Viel Austausch und wichtige Einblicke bei Fachforum „Familienzusammenführung von Geflüchteten“

Berlin, 03. Mai 2017: Was bedeutet es konkret für eine Familie, wenn sie den Prozess der Familienzusammenführung durchläuft? Wo liegen bei der Familienzusammenführung von Geflüchteten in der Praxis die Spannungsfelder und Herausforderungen? Was müsste in der Handhabung der Familienzusammenführung verändert werden? Über diese und weitere Fragen diskutierten die rund 40 Teilnehmer_innen ... [weiterlesen]

Inputs und Aspekte aus dem Fachforum „Junge Geflüchtete und ihre Familien in der Kinder- und Jugendhilfe“

Berlin, 20. März 2017:  Welche Bedarfe haben junge Geflüchtete? Wie hat sich die Jugendhilfe angesichts des Zuzugs von jungen Geflüchteten und ihren Familien verändert? Diese und weitere Fragen wurden in bei der Veranstaltung des Bundesforums Familie im Rahmen des thematischen Schwerpunkts „Familie und Flucht“ diskutiert. Über 50 Teilnehmer_innen setzten sich intensiv ... [weiterlesen]

Spannende Inputs und Diskussionen beim Fachforum „Zugänge von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu Regelangeboten der Bildung“

Berlin, 06. Dezember 2016: Wie wird der Zugang von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu Kindertagesbetreuung und Schule gewährleistet? Was sind die bestehenden Herausforderungen und welche Lösungsansätze gibt es? Um diese Fragen drehte sich das zweite Fachforum des Bundesforums Familie im Themenzyklus „Familie und Flucht“ am 6. Dezember 2016. Rund 40 Teilnehmer_innen ... [weiterlesen]

Erfolgreiches erstes Fachforum „Werte lernen in der Migrationsgesellschaft“

Berlin, 07. Oktober 2016: Mit dem ersten Fachforum „Werte lernen in der Migrationsgesellschaft“ mit knapp 50 Teilnehmenden ist das Bundesforum Familie voll in die inhaltliche Arbeit zum Thema „Familie und Flucht“ eingestiegen. Eine 7-köpfige Ad-Hoc-Arbeitsgruppe aus dem Kreis der Mitgliedsorganisationen hatte das Fachforum vorbereitet, das von einem spannenden Impulsvortrag von Prof. ... [weiterlesen]

JETZT ONLINE: Material- und Linksammlung „Familie und Flucht“

Was machen eigentlich die Mitglieder des Bundesforums Familie zum Thema „Familie und Flucht“? Auf welche Ressourcen der Partnerorganisationen kann ich zurückgreifen? Von welchen Projekten kann ich lernen? Welche Aktivitäten haben Beispielcharakter? Unsere Material- und Linksammlung ist jetzt online und hilft Ihnen, einen Ein- und Überblick zu bekommen. [weiterlesen]

Auftaktveranstaltung „Familie und Flucht“: Erste Bestandsaufnahme und Ideensammlung für Weiterarbeit

Berlin, 12. April 2016: Das neue Thema „Familie und Flucht“ ist mit einer gelungenen Auftaktveranstaltung mit über 60 Teilnehmenden aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie in Berlin gestartet. Eine erste Bestandsaufnahme der Beschäftigung mit dem Thema innerhalb der Mitgliedsorganisationen wurde durch eine spannende Podiumsdiskussion eingeleitet. Dr. Heidemarie Arnhold (Arbeitskreis Neue ... [weiterlesen]

Netzwerkversammlung 2015: Vorstellung der Abschlusspublikation und neues Schwerpunktthema

Berlin, 04. Dezember 2015: Knapp 60 Teilnehmende aus den Mitgliedsverbänden des Bundesforums Familie kamen am Freitag zur diesjährigen Netzwerkversammlung zusammen. Die Beratungen der letzten zwei Jahre zum Thema „Familie und Inklusion” wurden am Vormittag beleuchtet. Dr. Verena Wittke und Dr. Karin Jurczyk stellten stellvertretend für die beiden Arbeitsgruppen die Abschlusspublikation „Familie ... [weiterlesen]

Spannende Diskussionen bei der Netzwerkversammlung 2014

Am 19. September kamen in Berlin rund 50 Vertreter/innen der Mitgliedsverbände zur diesjährigen Netzwerkversammlung des Bundesforums Familie zusammen. Am Vormittag hatte außerdem eine gemeinsame Sitzung der beiden Arbeitsgruppen stattgefunden. Zunächst begrüßten Prof. Dr. Can Aybek (Mitglied des Beirats des Bundesforums Familie) und Diana Golze, MdB (Stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Familie, ... [weiterlesen]

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Quellen: Disclaimer eRecht24

Workshop des Clusters Familienbildung

„Werte erlebbar machen im Miteinander der Generationen: Praxisbeispiele – Familienbildung“ am 2. September 2008 in Berlin

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In einer Fragebogenaktion wurden Ende 2007 Projekte unter der Überschrift „Werte erlebbar machen im Miteinander der Generationen“ erfasst. Eine Vielzahl interessanter und spannender Praxisbeispiele wurden den Teilnehmer/innen in diesem Workshop zugänglich gemacht. Zur Förderung des Austauschs und des Transfers von Erfahrungen wurden Praktiker/innen aus der Familienbildung eingeladen. Neben einleitenden Vorträgen gab es viel Zeit, sich mit den vielen aus- und vorgestellten Projekten vertraut zu machen.

Nach einführenden Vorträgen am Vormittag standen die Projekte im Mittelpunkt. Während der Mittagspause war Zeit für den Besuch des Marktes der Möglichkeiten. Und am Nachmittag wurden drei Arbeitsgruppen angeboten, um Impulse für die eigene Arbeit zu geben. In Form eines moderierten Gespräches wurden hier die ausgewählten Projekte präsentiert.

Einmischen in die Diskussion um kommunuale Bildungslandschaften

hocke_fb.jpgNorbert Hocke, Sprecher des Bundesforums Familie, bedankte sich in seiner Begrüßung bei der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, die die Schirmherrschaft für das Projekt „Kinder brauchen Werte – Bündnisinitiative: Verantwortung Erziehung” übernommen hat. Er kritisierte, dass genau bei denjenigen, die mit den Familien arbeiten, in den letzten sechs Jahren am meisten Personal abgebaut wurde und bezeichnete diesen Personalabbau als Aderlass. Und appellierte an die Teilnehmer/innen, sich in den nächsten Monaten in die Diskussion um die kommunalen Bildungslandschaften einzumischen. Denn Kultur, Familie und die offene Kinder- und Jugendarbeit gehören in diese Diskussion. Es komme weniger darauf an, Leuchttürme und Botschafter/innen zu finden, sondern die öffentliche Verantwortung für ein gelingendes Aufwachsen und die Zuwendung zu den Lebenslagen und Lebensbedingungen der Familien einzubetten in ein Konzept der kommunalen Bildungslandschaften. In dieser Diskussion mit den Stärken zu brillieren und sich nicht an die Seite drängen zu lassen – hierin liegt Norbert Hocke zufolge die Zukunftsperspektive und Chance für die Familienbildung.

Eltern in die Arbeit einbeziehen

golze_fb.jpgDiana Golze, Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, wies in ihrem Grußwort auf den 12. Kinder- und Jugendbericht hin, der die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen mit einem ganzheitlichen Anspruch betrachtet. Der Blick auf die heutige Kindererziehung zeige, dass das Aufwachsen von Kindern heute eine sehr hohe Aufmerksamkeit erfahre und damit auch die Betrachtung der Kinder als eigenständige Persönlichkeiten, die es zu fördern und zu unterstützen gelte. Gleichzeitig wies Diana Golze auf die Problemsituation von Familien hin, denn veränderte, allzu oft familienunfreundliche Arbeitswelten stellten Eltern unter Druck. Aus diesem Grund brauchten Familien Orte des Austausches und der Begegnung  sowie Bildungsangebote, um Kompetenzen zu erlernen, die sie an ihre Kinder weitergeben können, und die Möglichkeit, sich selbst einbringen zu können. Besonders die Beteiligung und die Mitsprache von Eltern seien für die Vorsitzende der Kinderkommission wichtig, denn nur so könnten Demokratie, Toleranz und Solidarität erlernt werden.

Der Beitrag der Familienbildung zur Werteerziehung

loeher_fb.jpgMichael Löher vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. gab einen reichhaltigen Überblick über die Aufgaben und Anforderungen der Familienbildung und wies auf die stetig realen oder gefühlten Anforderungen an Eltern hin. Elterliche Kompetenz sei gefragt wie nie und die vielen Erziehungsratgeber und Fernsehformate zeigten die Nachfrage in erzieherischen Fragen, ohne jedoch wirklich eine große Hilfe zu sein. Familienbildung hingegen mit seinen vielfältigen Angeboten und Trägern unterstütze nachhaltig Familien. Löher stellte drei Thesen vor, welchen Beitrag die Familienbildung zur Werteerziehung leisten könne und solle:

Familienbildung als Brückenfunktion: Durch Familienbildung finde ein Wertetransfer statt. Dadurch, dass derjenige, der eine Familie im Rahmen einer Maßnahme der Familienbildung berät, der Familie Werte vorlebe, würden Werte in die Familie selbst hineingetragen.

Werte vorleben und weitergeben: Die Familienbildung könne die Werte der Eltern transparent und bewusst machen. So versetze sie die Eltern in die Lage, Werte bewusst weitergeben zu können. Doch gehe es hierbei nicht darum, der Familie möglichst viele Werte  nahezubringen oder gar um den besten Wert, sondern immer um die konkrete Familiensituation im Einzelfall. Die Herausforderung bestehe darin, dass Werte einem permanenten Wandel unterworfen seien. Doch, so betonte Löher, könne die Weiterentwicklung von Werten die Weiterentwicklung des Einzelnen bedeuten. Werte zu haben bedeute vor allem, einen Selbstwert zu besitzen und zu entdecken. Dazu müsse die Familienbildung beitragen. Sie müsse Eltern ermutigen, ihren eigenen Wert zu entdecken und schätzen zu lernen.

Familienbildung soll werteorientiert sein: Die Familienbildung müsse selbst werteorientiert sein, wenn sie erfolgreich sein wolle. Diejenigen, die in der Familienbildung tätig sind, müssten für sich selbst Werte gefunden haben, um sie den Familien vorleben zu können. Ohne Werte wie Achtung, Wertschätzung und Respekt gegenüber der Familie auch auszudrücken, könne die Familienbildung nicht die Werteerziehung und Werteorientierung der Eltern stärken.

 

Die Befragungsaktion des Bundesforums Familie

Dr. Katherine Bird vom Bundesforum Familie stellte in ihrem Vortrag die Befragungsaktion des Clusters Familienbildung vor. Ziel der Befragung war es, neue oder innovative Ansätze vieler Einrichtungen und Verbände zu erfassen und interessierten Praktiker/innen vorzustellen, um Impulse für die eigene Arbeit zu geben. Der zweiseitige Fragebogen wurde Ende 2007 an alle Mitgliedsorganisationen verschickt und stieß mit 126 ausgefüllten Antworten auf eine kate1.gifüberraschend große Resonanz. Eine Vielzahl von Angeboten, deren Großteil auf die Bedürfnisse vor Ort zugeschnitten sind, wurde erfasst: Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz und/oder Entwicklung von Partizipationsmöglichkeiten, religiöse Erziehung/religiöse Bräuche, Jung und Alt/Familienzeit, Ernährung/Hauswirtschaft, Förderung der Kultur/Natur sowie Patenschaften/„Leih-Omas“ o.Ä. Und eine breite Palette an Werten wurde erhoben, die in soziale, kulturelle, religiöse, ökologische und sonstige Werte unterteilt werden konnte.

Die sozialen Werte wie z.B. Solidarität, Toleranz oder Mitgefühl wurden am häufigsten benannt. Die Angaben zu den kulturellen Werten unterstrichen die Bemühungen der Anbieter, gewisse Traditionen weiterzugeben, aber auch die Lust an der Produktion und Rezeption von Kultur zu wecken und zu fördern. Bei den ökologischen Werten war es den Befragten oftmals wichtig, einen sparsamen Umgang mit den begrenzten Ressourcen zu vermitteln. Und als religiöse Werte nannten viele Nächstenliebe, Gottvertrauen sowie Achtung und Wertschätzung der eigenen Personen. Dr. Bird betonte aber hierbei, dass das Thema Werte komplex ist und daher die Klassifikation eines Wertes oder einer Aktion nicht so wichtig ist, wie das dahinter stehende Handlungsprinzip. Und dass es verschiedene Erklärungen, Grundlagen sowie Rechtfertigungen für unsere gemeinsamen Handlungsprinzipien gibt. Anschließend ging Dr. Bird auf drei kleinere spannende Projekte näher ein, um praxisnah aufzuzeigen, wie Werte erlebbar gemacht werden. Übertragbar, so Dr. Bird, sind bestimmte Organisationsformen, wie z.B. Mutter-Kind-Gruppen, Patenschaften oder Begegnungen zwischen Jung und Alt, aber die genaue Gestaltung hängt von den „Macher/innen” vor Ort ab.

Werte erlebbar machen – die Arbeitsgruppen

gruppe_fb.jpgAm Nachmittag wurden drei Arbeitsgruppen angeboten, in denen in Form eines moderierten Gespräches unterschiedliche Projekte vorgestellt wurden, und mit den Teilnehmenden intensiv diskutiert. Im kleineren Kreis war es möglich, auf die Inhalte, Hintergründe und Beweggründe für das Projekt, Finanzierungsmöglichkeiten und weitere Hindernissen und Hilfen einzugehen.

Folgende Arbeitsgruppen wurden eingerichtet:
AG 1: Kurse für Erziehungspersonen (Moderation: Hubert Heeg, AKF – Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung e. V.)
•    „Auf eigenen Beinen stehen“, vorgestellt von Thea Strichau, Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung in Bayern, AEEB
•    „Kess – Hand in Hand. (Erziehungs-)Kurs für Eltern und Großeltern“, vorgestellt von Sabine Schäfer, Caritas Erziehungs- und Familienberatung Berlin
•    „Stark für die Zukunft” – Elternseminarreihe für Migrantenfamilien, vorgestellt von Dagmar Höpfner, BVHS Solingen Wuppertal
•    Werteorientierter Erziehungskurs „Kindern zum Leben helfen“, vorgestellt von Peter Scherer, Bistum Augsburg
AG 2: Angebote von Kooperationspartnern der Familienbildung (Moderation: Dr. Katherine Bird, Bundesforum Familie)
•    „GfG-Familienbegleitung von Anfang an“, vorgestellt von Ines Albrecht-Engel, Gesellschaft für Geburtsvorbereitung – Familienbildung und Frauengesundheit – Bundesverband e.V.
•    Toleranzprojekt „Ich bin anders. Du bist anders. Jeder ist einzigartig”, vorgestellt von Eva Neumann, Kindervereinigung Hohen Neuendorf e.V.
AG 3: Ehrenamtliches Engagement und selbstorganisierte Projekte (Moderation: Dr. Erika Neubauer, BAGSO)
•    „Bedeutung der Musikerziehung im frühkindlichen Bereich von behinderten und nicht behinderten Kindern für Eltern und Großeltern“, vorgestellt von Dr. Renate Heinisch, Elternverein Baden-Württemberg e.V.
•    „Initiative Z – Zeit und HerZ. Paten begleiten Familien“, vorgestellt von Christine Heppner, Jugendamt Stuttgart
•    „Stricken für Akzeptanz und Solidarität“ – ein humanitäres Projekt des Deutschen Hausfrauen-Bundes, vorgestellt von Sylvia Dieckhoff, Deutscher Hausfrauen-Bund Schleswig-Holstein

Eine Besonderheit der AG 3 war die Teilnahme gleich zwei Bundesverdienstkreuzträgerinnen: Sylvia Dieckhoff (links) und Dr. Renate Heinisch (rechts), die in langjähriger ehrenamtlicher Arbeit viele Menschen unterstützt haben.

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In einer Abschlussrunde fasste Heribert Rollik vom Deutschen Roten Kreuz die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen zusammen und sprach die Empfehlung aus, Länderinitiativen auf den Weg zu bringen, die sich an die oberste Landesjugendbehörde wenden, um das Erlebbar machen von Werten in § 16 des SGB VIII aufzunehmen.

Regionalkonferenz Süd des Kita-Clusters

„So entsteht ein Werteklima: In Kindertageseinrichtungen wertebewusst kommunizieren“

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Werte können Kindern nicht vermittelt werden – erst durch das eigene Tun und durch das Vorbild von Erwachsenen werden Werte für Kinder lebendig und begreifbar. Aus dem, wie sie Menschen im Umgang miteinander erleben, leiten Kinder intuitiv Regeln für ihr Leben ab. Dies setzt ein Werteklima voraus, das den erhobenen Zeigefinger überflüssig macht. Und genau darum ging es in dieser Regionalkonferenz. Die Kooperationspartner waren der Landesverband Katholischer Kindertagesstätten Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) – Bundesverband.

Am 17. Juli 2008 trafen sich mehr als 60 Erzieherinnen und Fachberater/innen im Christkönigshaus in Stuttgart-Hohenheim, um sich praxisnahe und konkrete Anregungen für die Beschäftigung mit Werten in Kindertagesstätten zu holen.

Zum Auftakt stellte Norbert Hocke, Sprecher des Bundesforums Familie, fest, dass jede Einrichtung ihreigenes Werteklima habe, das von den Mitarbeiter/-innen geprägt werde und auf den Grundpfeilern von Authentizität, Respekt und Wertschätzung ruhe. Er bedauerte zutiefst, dass Erzieherinnen so wenig Wertschätzung erführen, denn wer wenig Wertschätzung erführe, könne sie auch nicht weitergeben. Für ihn sei das Peter SchererKlima einer Einrichtung wichtiger als vielfältige frühkindliche Bildungsangebote.
In seinem Grußwort wies Peter Scherer (Landesverband Katholischer Kindertagesstätten Diözese Rottenburg-Stuttgart e. V.) darauf hin, dass das Wertethema nicht neu sei und immer darunter leide, dass nicht genau definiert sei, was man mit Werten meine, und alle etwas anderes darunter verstünden. Ziel der Regionalkonferenz sei, zur Klärung dieser Frage beizutragen.

Frank Jansen (Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) – Bundesverband e. V.) ging in seinem Grußwort noch einmal auf die Entstehungsgeschichte des Projektes „Kinder brauchen Werte – Bündnisinitiative: Verantwortung Erziehung” ein und erinnerte daran, dass es die damalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt gewesen sei, die die Idee für das Bündnis für Erziehung hatte und die Kirchen zum gemeinsamen Handeln aufforderte. Dann sei der Regierungswechsel gefolgt und die neue Ministerin von der Leyen hätte das erste Bündnis für Erziehung initiiert. Jansen berichtete von seiner Erfahrung auf der Bundespressekonferenz, auf der das Projekt vorgestellt und sogleich massiv kritisiert worden sei. Aus dieser Erfahrung sei dann das Projekt „Kinder brauchen Werte – Bündnisinitiative: Verantwortung Erziehung“ geworden. Schnell habe man dort gelernt, dass es nicht möglich ist, in so einem pluralen Zusammenhang bestimmte Werte festzulegen. Stattdessen habe man auf die Reflexion dessen gesetzt, was man tut, und versuche darüber zu einem Konsens zu kommen.

Uta Stolz

Den praktischen Teil der Veranstaltung leitete Mitorganisatorin Uta Stolz (Landesverband Katholischer Kindertagesstätten Diözese Rottenburg-Stuttgart e. V.) ein, die darauf hinwies, wie wichtig es sei, die Eltern in den Wertedialog einzubeziehen und dass Werte im Verborgenen wirkten und immer wieder herausgeholt werden müssten. Folgende Fragen formulierte sie für die Veranstaltung:
•    Wie wird im Elternhaus und Kindergarten ein Werteklima geschaffen?
•    Wie kann man Werte erlebbar machen?
•    Wie kann man sie teilen und vermitteln?
•    Wie kann man sie mit Leben füllen, überzeugend und bereichernd machen?

Werte erlebbar machen – gefühlt, gelebt, gezeigt…

Elke Schlimbach

Die Kommunikationsspezialistin, Trainerin für Kommunikation, Kooperation und Erlebniskommunikation Elke Schlimbach war von den Veranstaltern eingeladen worden, um den Teilnehmer/-innen eine praxistaugliche Methode nahezubringen, um in ihren Einrichtungen einen Wertedialog führen zu können.
Schlimbach betonte die Wichtigkeit des Begriffs „Erlebnis“ im Hinblick auf die Gestaltung von nachhaltigen Kommunikationsprozessen. Ein Erlebnis habe einen pädagogischen Hintergrund. Was Menschen erleben, hinterlasse nachhaltige Spuren. Herz und Bauch würden Erlebnisse spürbar machen. Ein Erlebnis habe immer etwas mit Unbekanntem zu tun. Die fünf Sinne müssten angesprochen werden.
Wenn Werte erlebbar gemacht werden sollen, müssten sie ungewöhnlich und neu dargestellt werden, sodass Gefühle entstehen können und eine Anregung zum Mitdenken entsteht. Es sei einfacher darauf zu reagieren, wenn etwas nicht stimme mit den Werten.
Schlimbach stellte dann das Konzept der Kommunikationssphären vor. Auf einem Achsenkreuz befänden sich die Dimensionen Aktiviertheit und Innere Beteiligung. Nur in dem Bereich, wo sich Aktiviertheit und Innere Beteiligung treffen, könne ein Erlebnis entstehen. Als Beispiele für Aktiviertheit ohne innere Beteiligung nannte sie den Bildungsbereich. Weder innere Beteiligung noch Aktiviertheit fänden sich beim Fernsehen oder anderen Formen der „Berieselungsunterhaltung“. Hohe innere Beteiligung ohne Aktiviertheit könne in bestimmten Arten des ästhetischen Empfindens vorkommen.
Ziel sei also, sowohl die innere Beteiligung als auch die Aktiviertheit in einer Gruppe zu erreichen, damit es ein gemeinsames Erlebnis geben könne.

Was ist ein Erlebnis?                  –    Aus dem Alltag herausgelöst
Wie wird ein Erlebnis erreicht?    –    Aktivieren, Innere Beteiligung
Was bedeutet das für Werte?    –    Das Alltägliche besonders machen

Auf dieser Grundlage entwickelte sie ein Dreistufenmodell, um Werte erlebbar zu machen:
1.    Sich seiner eigenen Werte bewusst werden und definieren
2.    Leitsätze entwickeln (Wir-Aussagen, wir möchten, wir wollen …)
3.    Handlungsgrundsätze (Ich verpflichte mich, auf meiner persönlichen Ebene)
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Im weiteren Verlauf der Tagung ging es darum, sich die eigenen Werte bewusst zu machen und pädagogische Praktiken zu entwickeln, um sie erlebbar zu machen. Die weiteren Stufen der Entwicklung von Leitsätzen und Handlungsgrundsätzen sind Themen für die Teams in den einzelnen Einrichtungen und können deswegen auf so einer Tagung nicht sinnvoll diskutiert werden.

Was würde ein Kind über Sie erzählen?

Zur Bewusstmachung der eigenen Werte wurden sechs Teilnehmer/-innen gebeten, vorne Platz zu nehmen und sich den anderen zu beschreiben. Um sie aus dem Alltag herauszulösen, bat Frau Schlimbach die Freiwilligen, sich aus der Sicht eines Kindes oder eines Haustiers vorzustellen:

•    Wie würde ein Kind oder ein Haustier Sie wohl beschreiben?
•    Was würde ein Kind oder ein Haustier über Sie erzählen?

Danach hatten die sechs Teilnehmenden die Aufgabe, auf Karten aufzuschreiben, welche Werte und Wertehaltungen aus den Vorstellungen der einzelnen Teilnehmenden deutlich wurden. Die große Sammlung wurde in einem mehrstufigen Diskussionsprozess auf drei zentrale Werte zusammengefasst: Verantwortungsbewusstsein, Toleranz und Gerechtigkeit
Alle Tagungsteilnehmenden wurden in drei Gruppen – eine pro Wert – aufgeteilt. Drei Tische mit unterschiedlichsten Materialen standen zu Verfügung. Nach dem Prinzip „Lernen mit allen Sinnen“ wurden jedem Tisch unterschiedliche Sinne zugeordnet. Die Idee war, der Kreativität der Teilnehmenden freien Lauf zu lassen und die Frage zu beantworten: Wie können wir Kindern und Erwachsenen den uns zugewiesenen Wert mit den uns zugewiesenen Sinnen näherbringen?
Eine Gruppe hatte die Aufgabe, „Gerechtigkeit“ akustisch und taktil erlebbar zu machen. Sie führte das Spiel „stiller Dirigent“ vor, in dem jede/r einen Rhythmus vorgab, den die anderen nachmachen sollten.

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Alle Gruppenmitglieder bekamen damit die Chance, die ganze Gruppe kurzzeitig zu führen. Aber das Spiel funktioniert nur, wenn alle die Grundbedingungen akzeptieren und mitmachen.
Die gestellte Aufgabe brachte für viele der Teilnehmenden eine neue Erkenntnis: In vielen ihrer Alltagsaktivitäten in der Kita werden Werte erlebbar gemacht; sie hatten aber noch nicht erkannt, dass sie das tun. Viele der Teilnehmenden genossen die neue Herangehensweise an eine derartige Problematik und die Gelegenheit, sich kreativ mit der Problemstellung auseinandersetzen zu können. Nicht wenige machten in Gesprächen deutlich, dass sie durchaus versuchen werden, das Gelernte in der eigenen Einrichtung umzusetzen.

Regionalkonferenz Ost II des Kita-Clusters

„Pädagogische Fachkräfte im Spannungsfeld der Wertekonflikte II“

halle1.gif Wie schon zuvor in Dresden ging es in der zweiten Regionalkonferenz Ost am 4. Juni 2008 in Halle um die Entwicklung von Strategien im Umgang mit Wertekonflikten in Sachsen-Anhalt. Das Nachbarschaftszentrum „Pusteblume“ (Träger: SPI-Ost) in Halle war Kooperationspartner und zugleich Tagungsort. Diesmal konnten folgende Referenten und Referentinnen gewonnen werden: Norbert Blauig-Schaaf von „bildung: elementar“, Pascal Begrich von Miteinander e.V., und Annett Maiwald von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Werte sind nicht lehrbar, sondern nur lernbar

blauig-schaaf„Werte können nicht durch Institutionen vermittelt werden, d.h. auch nicht durch Kirchen und Kindergärten oder Schulen, sondern durch Menschen”, zitierte Norbert Blauig-Schaaf von „bildung: elementar” Ilse Wehrmann. Kinder erfahren Werte nicht in gesonderten pädagogischen Veranstaltungen. Sie erleben sie in vielen verschiedenen Alltagszusammenhängen und in der Interaktion mit anderen Kindern und mit erwachsenen Bezugspersonen. Werte werden oftmals unbewusst an Kinder herangetragen. Deshalb ist es wichtig, dass insbesondere Erwachsene sich ihrer Wertvorstellungen/Wertbilder bewusst sind. Für Norbert Blauig-Schaaf gibt es für wertebewusste Bildung weder eine Methode noch eine pädagogische Zauberformel, sie wächst vielmehr aus einem wertschätzenden Umgang mit den Kindern heraus. Mit einer Wertevermittlung an Kinder korrigieren zu wollen, was die gesellschaftliche Moral der Erwachsenen hervorruft, kann Blauig-Schaaf zufolge nicht funktionieren. Werte sind nicht lehrbar, sondern nur lernbar. Diese Grundhaltung ist für ihn für eine wertebewusste Bildung in allen Kindertageseinrichtungen entscheidend.

Praxisnahe Auseinandersetzung mit fremdenfeindlichen Einstellungen

begrich Pascal Begrich von Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V. stellte die vier Schwerpunkte des Vereins kurz vor: Monitoring gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Entwicklung von Handlungsstrategien, Sensibilisierung durch Fortbildungen und Beratung, und Prävention durch die Stärkung von Demokratie und Zivilgesellschaft. Der Verein hat Anfragen von Erzieher/innen erhalten, hauptsächlich aus strukturschwachen Regionen, die über den Umgang mit engagierten aber rechtsextremistischen Eltern eine Beratung suchten. Vor diesem Hintergrund ging Begrich der Frage nach, wie entsteht ein Klima von Fremdenfeindlichkeit? Dazu tragen bei: Die Abwesenheit von Zivilgesellschaft, ein autoritärer Identitätsdiskurs (DDR), hohe Zustimmungswerte zu menschenverachtenden Positionen sowie die Existenz einer rechtsextremen Jugendkultur. Bei einigen Jugendlichen herrscht eine Bedrohungskulisse in den Köpfen. Nach dem Ausländeranteil in ihrem Bundesland befragt, schätzen Schüler/innen in Sachsen-Anhalt es auf 40 bis 50 %, obwohl der tatsächliche Anteil lediglich 1,8 % beträgt. In der Jugendkultur ist zu beobachten, dass die Cliquenbildung immer früher anfängt (mit 12 – 13 Jahren). Anhand eines Szenenmodells erläuterte Begrich wie Jugendliche über Freunde vom äußeren Ring der Szenengänger/innen in den festen Kern einer rechten Clique hineinwachsen können. Die Herausforderung für die Pädagogik ist, es nicht so weit kommen zu lassen. Eine Möglichkeit wäre einen „Wettbewerb der Kulturen und Weltbildern“ zu unterstützen und damit eine demokratische vielfältige Erlebniswelt dem Rechtsextremismus entgegensetzen. Das fängt schon in frühen Jahren an, z.B. mit der Wahl des Spielzeugs und der Bilderbücher. Insbesondere sollten Demokratie und Vielfalt im Kindesalter erfahrbar gemacht werden und die Arbeit mit Eltern und Großeltern nicht vergessen werden – denn ohne sie kann Wertebildung nicht gelingen.

Ostdeutsche Erzieher/innen unter veränderten Verhältnissen

maiwaldIn der ostdeutschen Kita-Landschaft, so Annett Maiwald von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, stehen sich zwei Konzepte gegenüber. Einerseits die Konzeption eines subjektiv motivierten, vom Kind aktiv initiierten und durchgehaltenen Bildungsprozesses, der sich im notwendigen Dialog mit den Erwachsenen entfaltet. Und andererseits das Konzept der Befähigung der Kinder zur regelgeleiteten Teilhabe an der Gesellschaft der Erwachsenen durch die Erzieherin. Eine Pädagogik, die das Durchsetzen von Regeln über die subjektiven Bildungsinteressen der Kinder stellt. Nachdem Maiwald auf die sozialistische Erziehung – die Eingliederung ins Kollektiv – und auf die angewendeten Methoden bei der staatlichen Kindererziehung einging, beschrieb sie auf sehr persönliche und anschauliche Weise anhand eines Beispieles „Aufräumen des Kinderzimmers“ das Spannungsverhältnis von Autonomie und Ordnung zwischen ihr selber und ihrem Sohn: Während für die Mutter unter den Spielsachen ein heilloses Durcheinander und keine Ordnung erkennbar war, unterwies sie ihr Sohn in die Funktionsweise der „kindlich-chaotischen” Gebäude und Vorrichtungen. Bei einer Aufräumaktion „es wird aufgeräumt, was rausgekramt wurde und nur so rumliegt” kann das Kind nur zur Erkenntnis gelangen, dass keine Achtung und kein Interesse an seinem/ihrem Produkten, den Resultaten seiner/ihrer kindlichen Eigentätigkeit, bestehen.

teilnehmerin halle Maiwald schlägt vor, dass die Kitas sich von einer abgeforderten Ordnung bzw. von der kontrollierten, protokollierten Zeit und und von dem Einwand „nachher müssen sie es ja eh` können” befreien. Für sie gilt es, die Heranziehung des Nachwuchses nicht nur als Vorbereitung und Einführung in die späteren erwachsenen Werte zu begreifen, sondern als Begleitung und Wertschätzung der für sich seienden Kinder. In den Kitas müssten bewusst gemachte Erfahrung und Vorbild vorherrschen und damit die Belehrung und Benennung von Werten ablösen, auf die meist die sogenannte Wertevermittlung hinausläuft.

Regionalkonfenz Ost I des Kita-Clusters

„Pädagogische Fachkräfte im Spannungsfeld der Wertekonflikte I“

wustmann2„Konflikte gehören zu unserem Alltag, aber leider gehen sie nicht von alleine weg sondern bedürfen einer aktiven Auseinandersetzung, um sie zu lösen“, so Prof. Dr. Cornelia Wustmann. Im Mittelpunkt der ersten Regionalkonferenz Ost am 29. Mai 2008 in Dresden stand der Umgang mit Wertekonflikten und mit Eltern, die die Demokratie und Menschenrechte aberkennen. Ziel der Regionalkonferenz war es daher, unter Zuhilfenahme des sächsischen Bildungsplanes Handlungsoptionen für Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte zu erarbeiten. Kooperationspartner vor Ort in Dresden waren die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, die AWO und der Landeselternrat Sachsen.

Etwa 70 pädagogische Fachkräfte waren gekommen, um sich die Vorträge von Thomas Platz (Sächsische Landeszentrale für politische Bildung), Dr. Katherine Bird (Bundesforum Familie), Arnfried Schlosser (Sächsisches Staatsministerium für Soziales), Danilo Starosta (Kulturbüro Sachsen) und Prof. Dr. Cornelia Wustmann (Leuphana Universität Lüneburg) anzuhören und anschließend am Nachmittag in Workshops zu diskutieren.

Wertewandel und Wertehaltung

platz ddIn den Vorträgen von Platz und Bird wurden grundsätzliche Fragen zu Wertevorstellungen und zur Wertevermittlung besprochen. Thomas Platz beschrieb den Wertewandel der letzten hundert Jahre in Deutschland, vom Kaiserreich über die Nazizeit bis zur Bundesrepublik. Er betonte das Spannungsfeld, in dem sich pluralistische, westliche Gesellschaften befinden, in denen es keinen allgemein verbindlichen Wertekanon mehr gibt und Wertehaltungen daher wandel- und angreifbar sind. Er wies darauf hin, dass viele Elternhäuser die Meinung vertreten, Wertebildung sei nicht Auftrag öffentlicher Bildungsinstanzen. In einer Umfrage sprachen sich 2/3 aller Eltern für „wertfreien” Unterricht in der Schule aus. Seiner Meinung nach müssen Eltern und Erzieherinnen Werte leben und aktiv vertreten, er hält es jedoch für verkehrt zu glauben, dass Kita und Schule ein Reparaturbetrieb für die Gesellschaft sein können. Sein Fazit war, dass eine multikulturelle Gesellschaft trotz einer Vielfalt der Werte Verbindlichkeit braucht und dass auch gerade die Wertebildung als Integrationsinstrument sinnvoll sein kann.

kate ddDr. Katherine Bird stellte die Arbeit des Bundesforums Familie, sowie des Kita-Clusters vor. Sie betonte die Botschaft der Auftaktveranstaltung am 22. November 2007: Man kann Werte nicht nicht vermitteln, sondern Erwachsene sind immer Vorbilder für Kinder, ob sie es wollen oder nicht. Deswegen ist eine eigene sichere Wertehaltung unverzichtbar.

 

Die Entstehung des sächsischen Bildungsplanes

schlosser ddIn seinem Vortrag über die Entstehung des sächsischen Bildungsplans stellte Arnfried Schlosser fest, dass das Ziel, unsere Kinder und Enkel zu eigenverantwortlichen, ihrer Individualität bewussten und zugleich gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu erziehen, immer noch vorrangig durch eine Generation von Pädagogen umgesetzt werde, die es in ihrem eigenen Aufwachsen, in ihrer Schul- und Studienzeit ganz anders erlebt hätten. Er beschrieb die grundsätzlichen Unterschiede zwischen dem aktuellen sächsischen Bildungsplan und den damaligen Vorgaben in der DDR. Er wies darauf hin, dass Begriffe wie „Wohlbefinden“ dort keinen Platz gehabt hätten. Die Aufnahme religiöser Bildungselemente in den neuen Bildungsplan habe zu Konflikten geführt. Schlosser zitierte einige Sätze, die damals kontrovers diskutiert worden seien, z. B.: „Die aus der DDR-Zeit herrührende Überzeugung, die Religion hätte in der heutigen Zeit keinen Platz mehr, hat leider einen gewissen religiösen Analphabetismus hinterlassen“. Resümierend plädierte er dafür, stärker über den Wertekonsens in der Demokratie und die Schlussfolgerungen für Erziehung und Bildung zu sprechen – und auch zu streiten.

Werte sind weder „gut“ noch „schlecht“

staroste ddDanilo Starosta benutzte ein Werteviereck, um die Entstehung von Wertekonflikten zu erklären. Für jeden Wert gebe es einen positiven Gegenwert. Beide – der Wert und sein Gegenwert – könnten in ein Extrem „entarten“, wenn sie nicht hinreichend von dem anderen im Gleichgewicht gehalten würden. Ein Beispiel sei die Toleranz. Das eine Extrem von Toleranz sei Gleichgültigkeit und ein positiver Gegenwert die Überzeugungsgewissheit. Konflikte entstünden z. B., wenn zwei unterschiedliche Überzeugungsgewissheiten aufeinandertreffen.
Als Antwort darauf stellte Starosta eine Hierarchie der Konfliktlösung nach Gerhard Schwarz vor: Flucht, Vernichtung, Unterordnung, Delegation an einen Dritten (höhere Instanz), den Kompromiss suchen. Die Parallelwelt des Rechtsextremismus suche keinen Kompromiss mit der Gesellschaft, sondern wolle sie vernichten. Wenn Eltern vermuteten oder erführen, dass ihre Kinder so denken, würden sie Rat suchen. Das Kulturbüro Sachsen sei eine solche Beratungsstelle für besorgte Eltern.
Zum Schluss berichtete Starosta über ein Beispiel für Konfliktlösung mittels Unterordnung. Eine Frau habe ihr Kind in eine Kita in der Nähe von Berlin gebracht und die Einrichtung sei froh über eine „so aktive, interessierte, motivierte, ordnen könnende, moderieren könnende, kluge Frau“ gewesen, bis sie mitbekommen habe, dass sie dem Vorstand der NPD angehörte. Die Einrichtung habe den Betreuungsvertrag gekündigt – wie es einem freien Träger freistünde –, aber sie habe einen Rechtsanspruch auf öffentliche Erziehung. Die Kollegen vom mobilen Beratungsteam in Brandenburg hätten einen neuen Kita-Platz für das Kind gefunden, und zwar in einer AWO-Kita. Dafür müssten die Eltern den Magdeburger Appell der AWO für ein demokratisches Miteinander unterschreiben, der dazu auffordert, vehement gegen die Unterwanderung zivilgesellschaftlicher Strukturen durch Personen und Gruppierungen mit rechtem Gedankengut einzutreten.

Konflikte gehören zum Alltag

zuschauer ddProf. Dr. Cornelia Wustmann betonte in ihrem Vortrag die soziale Komponente von Wertekonflikten. Sie stellte fest, dass Kinder Werte brauchen, aber auch selber Werte haben. Kinder seien keine Konsumenten, sondern aktive Aneigner/innen von Werten. Sie betonte, dass Konflikte zu unserem Alltag gehörten, aber leider gingen sie nicht von alleine weg, sondern bedürften einer aktiven Auseinandersetzung, um sie zu lösen. Zur Illustration berichtete sie über ein Beispiel, in dem verschiedene Wertehaltungen zu einem Konflikt geführt hätten.
„Wenn ein Kind in der Kita Geburtstag hat, ist es üblich, dass an diesem Tag vom Geburtstagskind eine Torte mitgebracht wird. Insbesondere sehr arme Kinder bieten dann sehr häufig sehr teure Konditortorten auf. Der Konflikt, der sich in den Einrichtungen zeigen kann, bezieht sich auf die Möglichkeiten gerade dieser Familien.“
Die Mitarbeiter/-innen der Einrichtung würden sich fragen, wie die Familie sich das leisten könne, wenn sie doch von Hartz IV lebe und das Geld viel sinnvoller ausgeben solle. Vielleicht sei jedoch der Wert der teuren Torte ein anderer für die Mitarbeiter/-innen als in der Familie. Wenn man aber etwas tiefer in die Familien hineinschaue, entdecke man, dass es eigentlich um die Kaschierung von Armutsanzeichen geht. Die Familie lege viel Wert darauf, nicht als arm zu erscheinen, selbst um den Preis, dass sie, wie Wustmann es ausdrückte, „drei oder mehr Tage, im wahrsten Sinne des Wortes, trockene Nudeln ohne Sauce essen muss.“
Daraus schließ Wustmann: „Scheinbar eindeutige Situationen gibt es selten, deswegen müssen wir als Erwachsene beleuchten, was uns stört“ und schlug Reflektionsfragen für das Erkennen von Konflikten vor:
•    Wer sind in der Situation die Beteiligten?
•    Sehen diese selbst ein Problem?
•    Betrifft die Konfliktsituation auch Personen, die nicht direkt beteiligt sind?
•    Ist dies ein Problem, dass ich lösen möchte und kann?
•    Wo haben Kinder wirkliche Entscheidungsspielräume?
•    Wo gibt es Unterschiede, Widersprüche und Gegensätze zwischen den Erziehungsstilen Kita und Elternhaus?

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Regionalkonferenz Nord des Kita-Clusters

„Mein Wert – Dein Wert: Zum Umgang mit Differenz in der Kita“

teilnehmerinnen ha.gif„Nicht alles, was man sieht, ist auch so“
Über 100 Erzieherinnen und Erzieher, viele davon noch in der Ausbildung, folgten der gemeinsamen Einladung des Bundesforums Familie, der AWO Region Hannover und der Alice-Salomon-Fachschule Hannover und nahmen an der Regionalkonferenz Nord am 6. März 2008 in Hannover teil. Die drei Vorträge am Vormittag lieferten reichlich Stoff für Diskussion und Reflektion über die eigenen Werte und das pädagogische Handeln am Nachmittag.

Wertedifferenzen und Wertehaltungen

ha_uslucan2.gifIn seinem Eröffnungsvortrag sprach PD Dr. Haci-Halil Uslucan von der Universität Potsdam über die Wahrnehmung des Anderen und die Gefahr der vorschnellen Erklärung von Problemen mit dem Begriff „Kultur“. Manche Unterschiede lassen sich an Hand anderer Merkmale erklären, wie z.B. Schichtzugehörigkeit oder Geschlecht und nicht nur Ethnie.

Uslucan stellte die Ergebnisse einer Forschungsstudie vor, in der Deutsche, in Deutschland lebende Türken und Türkinnen und in der Türkei lebende Türken und Türkinnen nach ihren wichtigsten Werten befragt wurden. Für einige überraschend, stand in allen drei Gruppen derselbe Wert an erster Stelle: „Familiäre Sicherheit“. An zweiter oder dritter Stelle standen weiterhin in allen drei Gruppen „Freiheit“ und „Freundschaft“. Diese drei Werte führten mit Abstand. Unterschiede bestanden in der Bewertung von „Spiritualität“ und „Achtung vor Tradition“ zwischen den Deutschen und den in Deutschland lebenden Türken und Türkinnen.ha_zuschauermappen.gif

Anknüpfend an die Bedeutung der Spiritualität berichtete Uslucan aus weiteren Studien über religiöse Erziehung in islamischen Familien. Einigen eingewanderten Familien hilft die Religion sich in der Aufnahmegesellschaft zu Recht zu finden. Angesichts der Unübersichtlichkeit und Komplexität der neuen Heimat bietet die Religion klare Regeln und Orientierungen. Ferner wenn das Bild eines Gottes als eine schützende, bergende und bedingungslos liebende Macht vermittelt wird, kann es das Selbstwertgefühl eines Kindes stärken. In diesem Fall kann die Religion als Ressource in der kindlichen Entwicklung betrachtet werden.

Zum Schluss warnte Uslucan vor „pädagogischen Fallen“ im Umgang mit Kindern und Eltern mit Migrationshintergrund. Dazu gehören die Tendenz zum Universalismus („Alle Türken sind gleich“), die Fixierung auf eine fremde Mentalität oder Sitten (manchmal sind es die Eheprobleme der Eltern, die einem Kind zu schaffen machen), der pauschale Verdacht auf Fundamentalismus, eine folgenlose Toleranz (Unterschiede wahrnehmen aber keinen Umgang damit entwickeln), die Infantilisierung von Eltern mit Migrationshintergrund, die Tendenz zur zivilisatorischen Missionierung und keine Infragestellung des eigenen Wahrnehmungs- oder Bewertungsmusters. Vor allem dieser letzte Punkt wurde in den Workshops am Nachmittag aufgegriffen.

Der Umgang mit Wertedifferenzen im niedersächsischen Orientierungsplan

ministerium.gif Im zweiten Vortrag berichtete Christiane Reckmann aus dem niedersächsischen Kultusministerium, Referat 31 (Tageseinrichtungen und Tagespflege für Kinder), über die Entstehung und Inhalte des Orientierungsplans für Bildung und Erziehung im Elementarbereich. An der Erarbeitung des Plans waren nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kultusministeriums beteiligt, sondern auch die Kita-Träger und Eltern. In der prozesshaften Zusammenarbeit kamen bestimmte Werte zum Vorschein, wie z.B. Wertschätzung, Akzeptanz, Beachtung und Verständigung.
Im Orientierungsplan selbst befasste sich ein Abschnitt mit ethischen und religiösen Fragen. Der Fokus liegt auf grundlegenden Erfahrungen der menschlichen Existenz, wie z.B. Geburt oder Tod, und nicht auf einer spezifischen religiösen Interpretation. In der Kita sollen Kinder positive Grunderfahrungen machen: Geborgenheit, Vertrauen und Angenommensein. Sie sollen zu ihrem eigenen Standpunkt verholfen werden in dem sie lernen, dass es gut ist, solidarisch zu sein und anderen zu helfen. Sie lernen Toleranz, die Achtung der Umwelt und der Mitmenschen vor allem durch das Vorbild der Erwachsenen und durch gelebte Demokratie in der Kindertagesst
ätha_zuschauerlachend.gifte.

Es ist Aufgabe der Erzieherinnen, den Raum für solche Themen zu schaffen und ihn entsprechend zu gestalten. Obwohl Erzählungen und Feste natürlich geeignete Anlässe für Diskussionen über ethische und religiöse Fragen sind, werden die positiven Grunderfahrungen im Kita-Alltag gemacht, ohne darüber nachzudenken. Zur Unterstützung der Erzieherinnen kann es hilfreich sein, über diese Fragen zu reflektieren: Welche Sicht auf das Kind habe ich? Bin ich Vorbild? Vermittele ich die Werte des Trägers? Sind die Eltern ein Partner? Die Konsultationskitas nehmen sich einen Schwerpunkt aus dem Orientierungsplan und entwickeln Umsetzungsvorschläge für sich und andere Kitas. Auf dieser Weise lernt die Praxis von der Praxis. Die vollständige Liste der Konsultationskitas finden Sie hier: www.kita-bildet.de
Die Kita „Villa Kunterbunt“ in Peine (Raum Braunschweig) hat den Schwerpunkt Wertebildung mit konkreten Aktivitäten zur Bildung von fünf Werten: Solidarität, Weltbürger, Gerechtigkeit, Frieden und Naturschutz.
Der Orientierungsplan wurde ursprünglich für 3- bis 6-Jährigen konzipiert. Zurzeit ist das Kultusministerium wieder im Gespräch mit den Trägern, um den Plan für 0- bis 3-Jährigen zu erweitern, im Zuge des Ausbaus der Betreuung der unter 3-Jährigen.
Hier können Sie den Niedersächsischen Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich herunterladen: www.mk.niedersachsen.de

“Kinderwelten” – Ein Projekt zur vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung

ha_birgit.gif Abgerundet wurde der Vormittag mit der Vorstellung des Projektes „Kinderwelten“ von Birgit Merkel von der AWO Region Hannover. Seit ihrer Gründung im Jahre 1919 gehören Werte wie Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität zum Leitbild der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Deswegen wird in AWO-Kitas einen besonderen Schwerpunkt auf das Erlernen von demokratischen Verhaltensweisen gelegt. Kinder erwerben und praktizieren demokratische Verhaltensweisen in gemeinsamen Aktionen:
– im gemeinsamen Spiel
– in der gemeinsamen Planung
– in der gemeinsamen Gestaltung des Zusammenlebens.

Von dieser Ausgangslage war die Beteiligung am Projekt „Kinderwelten“ nur ein kurzer Schritt. Über drei Jahre arbeiteten die AWO Region Hannover zusammen mit Institut für den Situationsansatz, internationale Akademie gGmbh an der FU Berlin im Rahmen des Projektes. Basis für das Projekt „Kinderwelten“ ist der Anti-Bias-Ansatz. Für die Kinder bedeutet dies:

•    Kinder brauchen pädagogische Fachkräfte, die sich ihres eigenen kulturellen Hintergrunds und seiner Auswirkungen auf ihre Tätigkeit bewusst sind.
•    Dazu gehört, dass sie ihre Machtposition im Erziehungsgeschehen reflektieren, Einseitigkeiten erkennen und bei Vorurteilen und Diskriminierung kompetent eingreifen.

Für die pädagogischen Fachkräfte sind vier Ziele von zentraler Bedeutung:

•    Erkennen Sie ihren eigenen kulturellen Hintergrund und seinen Einfluss auf Ihr berufliches Handeln.
•   
Lernen Sie die unterschiedlichen Familienkulturen und Vorstellungen über Erziehung und Lernen kennen.
•    Werden Sie kritisch gegenüber Diskriminierungen und Vorurteilen in Ihrer Einrichtung und allgemein im Bildungsbereich.
•    Initiieren Sie Dialoge über Diskriminierungen und Vorurteile und tragen Sie Konflikte aus.
Wie diese abstrakten Prinzipien in vielfältigen praktischen Aktivitäten umgesetzt werden können, zeigte Frau Merkel inha_birgitmagda.gif einer Ton-Dia Show. Da der Ansatz kontextbezogen ist („Situationsansatz“), gibt es keine allgemeingültigen Konzepte, sondern der Anti-Bias-Ansatz ist auf den jeweiligen Kontext zu beziehen. Er umfasst Vorurteile jeglicher Art aber thematisiert Unterschiede auf der Grundlage von Gemeinsamkeiten. Wichtig ist die breite Verankerung in der Kita: es geht alle Kinder an, bezieht die Familien(-kulturen) ein und ist integriert in Alltagsleben der KiTa (nicht touristisch). Die Einblicke in die Praxis lieferten wichtige Inspirationen für die Workshops am Nachmittag.

Die Dokumentation kann bei der AWO Bezirksverband Hannover e.V., Körtingsdorfer Weg 8, 30455 Hannover gegen ein Entgelt erworben werden.
Weitere Informationen über „Kinderwelten“ finden Sie unter www.kinderwelten.net

Workshops – Reflektion über die eigenen Werte

Am Nachmittag fanden drei parallele Workshops statt. Schwerpunkt war die Reflektion über die eigenen Werte und wie diese mit denen der Kinder, ihrer Eltern, der weiteren Teammitglieder, des Leitbildes des Trägers und der Gesellschaft insgesamt zusammenpassen. Eine wichtige Botschaft des Tages war Differenz als Chance zu sehen und zu begreifen und „Wertedifferenzen nicht nur wahrnehmen, sondern etwas daraus machen.“
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Protokolle der Workshops
•    Workshop 1
•    Workshop 2
•   
Workshop 3

Auftaktveranstaltung des Kita-Clusters

„Werte reflektieren und erlebbar machen! Wertevermittlung in frühen Jahren“ im November 2007 in Hannover

preissing.jpg“Werte können nicht vermittelt werden, sondern müssen von jedem Kind durch eigene Aktivität gebildet werden”, betonte Dr. Christa Preissing auf der Auftaktveranstaltung “Werte reflektieren und erlebbar machen! Wertevermittlung in jungen Jahren” am 22. November 2007 in Hannover.

Die beiden einführenden Referate von Dr. Christa Preissing von der Internationalen Akademie, Institut für den Situationsansatz (ISTA) der Freien Universität Berlin und Dr. Rainer Strätz vom Sozialpädagogischen Institut Nordrhein-Westfalen dienten als Grundlage, um in den anschließenden berufsspezifischen Workshops (Kindertageseinrichtungen, Kindertagespflege und Elternvertretung) über das eigene pädagogische Handeln zu reflektieren. Während Dr. Christa Preissing in das Thema einführte, ihr Verständnis von Bildung darlegte und hieraus die Wertebildung ableitete und ausführte, veranschaulichte Dr. Rainer Strätz anhand von Beispielen, welche Möglichkeiten Fachkräfte und Eltern zur Wertebildung in konkreten Situationen zur Verfügung stehen und wie sich unterschiedliches Verhalten bei Kindern auswirkt.

Werte müssen durch eigene Aktivität gebildet werden

straetz.jpgFür Preissing und Strätz ist Bildung ein aktiver Prozess, denn ein Kind entdecke, erforsche und gestalte seine Welt durch eigenwillige Tätigkeit mit allen Sinnen vom ersten Atemzug an. Für sie sei Bildung nicht von Wertebildung zu trennen. Werte könnten nicht vermittelt werden, betonte Preissing, sondern müssten von jedem Kind durch eigene Aktivität gebildet werden. In dieser Aktivität wollten Kinder wertgeschätzt werden und diese Wertschätzung sei die wichtigste Quelle, aus der die Kinder neue Energie für ihren weiteren Bildungsprozess zögen. Wertebildung sei ohne diese Wertschätzung nicht denkbar.
„Kinder lernen nur das, was sie wollen, nicht das was sie sollen“, zitierte Preissing den Neurophysiologen Wolf Singer, denn Kinder wollten aus sich heraus etwas wollen, können und erfahren. Der Wunsch, sich anzustrengen und etwas zu leisten, Widerstände und Schwierigkeiten zu überwinden, werde von der Erwartung auf ein Glücksempfinden gespeist. Doch Wertebildung werde in der pädagogischen Praxis oft als Erziehung zum Verzicht, zur Begrenzung verstanden, die das Glücksempfinden ausschließe. Preissing betonte, dass das eigene Wollen und der Stolz auf die eigene Leistung vom Kind her gesehen Voraussetzung und nicht Barriere für Gemeinschaftsfähigkeit seien. Wertebildung sei dann Gewinn, wenn Gemeinschaftsfähigkeit nicht Unterordnung bedeute, sondern durch eigene Leistung zu einer Entwicklung in der Gemeinschaft beitrage. Grundbedingung sei hier allerdings, dass die eigenen Voraussetzungen und Möglichkeiten eines jeden Kindes in der Gemeinschaft einer Kita Platz hätten.
Für Strätz sind Werte auch wahre Unruhestifter, denn der Wunsch nach Frieden erfülle sich nicht, wenn man immer die Wahrheit sagt. Oder es stelle sich auch die Frage, ob man in einer ungerechten Welt Pazifist sein kann. Wenn man mit Kindern über Werte spreche, die hinter Handlungen stünden, würden sie für Kinder dann besonders erlebbar, wenn es „auf der Kippe“ steht, in Situationen, in den es ihnen vielleicht schwerfällt, sich wertgemäß zu verhalten. Dann hätten Kinder ein Recht auf einen kurzen Blick, der sagte, dass wir es bemerkt haben und uns darüber freuen – ohne lange darüber zu sprechen. Preissing ergänzte, dass für die Wertebildung die Konflikthandlung in der Kindergruppe wichtig sei. Denn hier werde ausgehandelt, was zählt, was in der Gemeinschaft Wert hat. Würden diese Aushandlungsprozesse durch den mächtigen Erwachsenen gestoppt, unterbrochen oder blockiert, indem die Konfliktregelung den Kindern aus der Hand genommen und vom Erwachsenen übernommen werden, werde auch die Wertebildung blockiert.

Mit den Kindern in den Dialog treten – Werte reflektieren

podium1.jpgDas Beobachten und Dokumentieren – eine jüngst noch mal sehr in die Bildungsdiskussion in den Tageseinrichtungen für Kinder eingebrachte Frage – stellen für Preissing und Strätz vielfältige Chancen dar, denn hier biete sich die Gelegenheit, in einen intensiven Dialog mit den Kindern zu treten. Hier werde deutlich, welchen Wert die betreffenden Aktivitäten für das jeweilige Kind und welchen Wert die Erzieherin ihr beigemessen hätten. Doch hiermit seien auch Risiken verbunden, denn vielerorts herrsche die Annahme, die eigenen Bewertungen seien außen vor zu lassen. Das Gegenteil sei der Fall. Kinder hätten ein Recht auf die Bewertungen der Erwachsenen und ein Recht, sich damit auseinanderzusetzen – nicht als Vorschrift, sondern als Feedback.
Beide Referierende betonten die Wichtigkeit, authentisches Vorbild zu sein. Wertebildung zeige sich für Kinder aus unterschiedlichen Kulturen daran, wessen Sprache gehört und verstanden wird, wessen Erfahrung zählen, wessen Erleben in das Leben der Kita einbezogen werden, was ignoriert oder abgewertet wird und wer etwas wert ist. „Werte kann man nicht nicht vorleben“, so Strätz. Dies erfordere eine ständige Selbstreflektion sowie eine Reflektion im Team, mit Eltern und anderen Experten. Die Richtlinien für diese Selbstreflexion könnten folgende Prinzipien sein:
•    Unantastbarkeit/Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens
•    Recht auf Zugehörigkeit
•    Individuelle Freiheit und Integrität
•    Gleichwürdigkeit/Gleichheit aller Menschen
•    Gleichberechtigung
•    Solidarität mit Menschen in unterprivilegierten Situationen
•    Verantwortlicher Umgang mit Tieren und Pflanzen und mit natürlichen Ressourcen
Auf diese Weise könne den Kindern allmählich und ohne pädagogischen Zeigefinger bewusst werden, dass und welche Wirkungen ihre Handlungen für sie selbst und ihre Gemeinschaft haben. Dies sei nicht nur eine wesentliche lernmethodische Kompetenz, sondern fördere vor allem das Lernen in Sinn- und Bedeutungszusammenhängen und damit die Bildung von Werten in einem doppelten Sinn.

Ein Bericht über die Tagung erschien in “Kinderzeit – Zeitschrift für Pädagogik und Bildung. Das didacta Fachmagazin“, 1/2008, Seite 7 unter dem Titel „Werte bilden“.


Stellungnahmen zur Berliner Erklärung

Am 25. November 2008 stellte die Steuerungsgruppe des Bundesforums Familie ihre Berliner Erklärung zur werteorientierten Erziehung der Öffentlichkeit vor. Mit der Berliner Erklärung drücken die Erstunterzeichnenden ihre Vorstellungen von einer wertorientierenden Erziehung und den nötigen Rahmenbedingungen dafür aus. Die Berliner Erklärung ist der erste Beitrag einer weiterführenden Diskussion in Verbänden, Politik und Öffentlichkeit, die wir auf diesen Seiten dokumentieren werden.

Die ersten Stellungnahmen wurden am 25. November vorgetragen:

•    Stellungnahme von Dr. Josef Faltermeier, Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge
•    Stellungnahme von Judith Huber, Humanistischer Verband Deutschlands, Bundesverband
•    Stellungnahme von Dr. Ayyub A. Köhler, Zentralrat der Muslime in Deutschland
•    Stellungnahme von Prof. Dr. Dieter Spanhel, Universität Erlangen-Nürnberg
•    Stellungnahme von Anette Stein, Bertelsmann Stiftung
•    Stellungnahme von Cord Wellhausen, Der Paritätischer Gesamtverband

foto henning moser

Erstunterzeichnende und Stellungnehmende auf der Abschlussveranstaltung am 25. November 2008, von l. nach r.: Wolfgang Hötzel; Dr. Erika Neubauer; Sarah Singer; Magda Göller; Dr. Insa Schöningh; Dr. Ayyub Axel Köhler; Cornelia Spohn; Dr. Jürgen Frank; Cord Wellhausen; Dr. Katherine Bird; Norbert Hocke; Dr. Barbara Thiessen; Dr. Josef Faltermeier; Prof. Dr. Dieter Spanhel; Judith Huber; Hannes Lachenmair.

Unterzeichnende

Nach der Vorstellung der Berliner Erklärung teilten uns weitere Mitgliedsorganisationen ihre Unterstützung mit. Die Erstunterzeichnenden sind:
•    Norbert Hocke, Sprecher des Bundesforums Familie, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
•   
Cornelia Spohn, Stellvertretende Sprecherin des Bundesforums Familie, Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e. V.
•   
Magda Göller, Arbeiterwohlfahrt (AWO) Bundesverband
•   
Wolfgang Hötzel, Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen Rheinland-Pfalz
•   
Ute König, Bundesarbeitsgemeinschaft Ev. Familien-Bildungsstätten und Familien-Bildungswerke (BAG)
•   
Hannes Lachenmair, Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen (BAGE)
•   
Peggi Liebisch, Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV)
•    Dr. Erika Neubauer, Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO)
•   
Dr. Insa Schöningh, Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen (eaf)
•   
Wilfried Steinert, Bundeselternrat (BER)

unterzeichnen

Unterzeichnende auf dem Parlamentarischen Nachmittag am 20. April 2009, von l. nach r. Wilfried Steinert, Bundeselternrat (BER); Dr. Eberhard Jüttner, Der Paritätische Gesamtverband; Angelika Grözinger, Deutscher Hausfrauen-Bund, Berufsverband der Haushaltführenden (DHB); Helga Conzen, Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft für Einrichtungen der Familienbildung; Magda Göller, Verein zur Förderung der Beziehungskompetenz; Gisela Notz, pro familia; Hannes Lachenmair, Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen (BAGE); Norbert Hocke, Sprecher des Bundesforums Familie, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW); Dr. Insa Schöningh, Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen (eaf); Dr. Verena Wittke, AWO Bundesverband; Birgit Merkel, Zukunftsforum Familie; Dr. Volker Mueller, Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften; Regine Bigga, Haushalt in Bildung und Forschung (HaBiFo); Dr. Jürgen Blumenberg, Verein zur Förderung der Beziehungskompetenz; Dieter Dornbusch, Bundeselternrat (BER); Norbert Hubweber, Bundesarbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugendeinrichtungen (BAG OKJE);Ines Albrecht-Engel, Gesellschaft für Geburtsvorbereitung – Familienbildung und Frauengesundheit – Bundesverband (GfG);Michael Kortländer, LegaKids; Ute Brückner, ECE – Early Childhood Education European Institute; Ruth Althoff-Epting, Evangelische Konferenz für Familien und Lebensberatung (EKFuL); Wolfgang Hötzel, Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen (eaf)

Folgende Unterzeichnende sind seit der Vorstellung der Berliner Erklärung am 25.11.2008 dazu gekommen:
•   
Bundesarbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugendeinrichtungen e.V. (BAG OKJE)
•   
Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke)
•   
Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften
•   
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung (DAJEB)
•   
Deutsche Gesellschaft für systemische Therapie und Familientherapie (DGSF)
•   
Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ)
•   
Deutscher Hausfrauen-Bund, Berufsverband der Haushaltführenden (DHB)
•   
ECE – Early Childhood Education European Institute
•   
Evangelische Konferenz für Familien und Lebensberatung (EKFuL)
•   
Gesellschaft für Geburtsvorbereitung – Familienbildung und Frauengesundheit – Bundesverband
•   
Haushalt in Bildung und Forschung (HaBiFo)
•   
Humanistischer Verband Deutschlands, Bundesverband
•   
IG Metall
•   
Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft für Einrichtungen der Familienbildun
•   
LegaKids
•   
Der Paritätische Gesamtverband
•   
Paritätisches Bildungswerk Bundesverband
•   
Verband Bildung und Erziehung (VBE)
•   
Verein zur Förderung der Beziehungskompetenz
•   
Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD)
•   
Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST)
•   
Zukunftsforum Familie