Dokumentation des Impulsworkshops am 30. Juni 2026 „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft: Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit?“

Zusammenfassung zentraler Aussagen

Bildungs- und Erziehungspartnerschaft gelingt nur auf Augenhöhe

Familien sind die ersten Bildungsorte für Kinder. Damit Bildungs- und Erziehungspartnerschaften gelingen, müssen Eltern als Expert:innen für ihre Kinder anerkannt und ernsthaft einbezogen werden. Zusammenarbeit lebt von gegenseitigem Vertrauen, Transparenz und einer wertschätzenden Haltung – immer mit dem gemeinsamen Ziel, das Kind bestmöglich zu begleiten.

Chancengerechte Bildung braucht Beteiligungsgerechtigkeit

Damit alle Familien ihre Kinder auch in der Kita gut begleiten können, braucht es Beteiligungsangebote, die sich an ihren unterschiedlichen Lebenslagen orientieren. Chancengerechtigkeit bedeutet deshalb auch, Beteiligung und Unterstützung so zu gestalten, dass sie alle Familien erreichen.

Elternmitwirkung als Ressource für Qualitätsentwicklung

Eltern sind nicht nur Adressat:innen pädagogischer Arbeit, sondern wichtige Mitgestalter:innen von Bildungsqualität. Beteiligung sollte daher nicht als zusätzliche Aufgabe, sondern als selbstverständlicher Bestandteil guter pädagogischer Arbeit verstanden werden. Denn von einer gelungenen Partnerschaft profitieren sowohl die Familien als auch die Institutionen.

Haltung als Schlüssel

Ob Bildungs- und Erziehungspartnerschaften gelingen, hängt wesentlich von der Haltung der Fachkräfte, Leitungen und Träger ab. Familien willkommen zu heißen, Vielfalt wertzuschätzen und Vertrauen aufzubauen sind grundlegende Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Gleichzeitig braucht Haltungsentwicklung Zeit, Reflexion und Ressourcen für Fortbildung.

Kommunale Vernetzung stärkt Familien

Das Praxisbeispiel der Kita am Sommerbad verdeutlicht, welches Potenzial in einer familien- und sozialraumorientierten Kita steckt. Niedrigschwellige Begegnungsangebote, Beratung und eine enge Vernetzung mit weiteren Unterstützungsangeboten stärken Familien und fördern Teilhabe. Solche Ansätze benötigen jedoch verlässliche Ressourcen und politischen Rückhalt.

 

Veranstaltungsbericht

An dem online durchgeführten Impulsworkshop am 30. Juni 2026 nahmen etwa 45 Personen aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie teil.

Franziska Oelkers vom Bundesforum begrüßte die Teilnehmenden zur zweiten Veranstaltung der Themenperiode „Chancengerechtigkeit in der (frühen) Bildung: Familien und Rahmenbedingungen im Fokus“. Als Schwerpunkt des Workshops benannte sie Partnerschaften zwischen Eltern und Bildungseinrichtungen, hauptsächlich in der frühen Bildung. Damit sei das Idealbild einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen Eltern und Bildungsinstitutionen gemeint, die sich an den Lebenslagen der Familien orientiert und das Wohl und die Entwicklung des Kindes in den Mittelpunkt stellt.

Impulsvortrag von Prof. Dr. Birgit Leyendecker, Ruhr-Universität Bochum und Ständiger Beirat des Bundesforums Familie

Birgit Leyendecker wies eingangs darauf hin, dass der gerade erschienene Bildungsbericht 2026 verschiedene Herausforderungen der Bildungsgerechtigkeit aufgezeigt habe.

Risikolagen und Bildungsgerechtigkeit

Jedes vierte Kind sei im Jahr 2024 von mindestens einer Risikolage betroffen gewesen: Armutsgefährdung, geringe elterliche Qualifikation oder fehlende Erwerbstätigkeit. Am häufigsten seien Familien mit Migrationsgeschichte sowie Alleinerziehende damit konfrontiert. Während die Kinder der ‚Gastarbeitergeneration‘ fast den gleichen Bildungserfolg erzielt hätten wie Kinder ohne Migrationshintergrund, sei dies bei den Kindern von neu Eingewanderten nicht der Fall. Die Kita könne Risikolagen ausgleichen, aber der Zugang zur Kita bleibe eine Hürde insbesondere für Familien mit Risikolagen. Der Fokus richte sich heute auf schwer erreichbare Familien, die oft noch von weiteren Risikolagen gekennzeichnet seien.

Zentrale Orte kindlicher Entwicklung: Familie – Kita – Familienzentrum/Kommune

Kinder verbrächten vor allem in der frühen Familienphase die meiste Zeit in der Familie und erführen hier sozial-emotionale Bindung und Geborgenheit sowie sprachliche und kognitive Anregungen. Dies hänge jedoch von den Ressourcen Zeit, Geld, Gesundheit und Vernetzung ab. Die Kita könne mit professioneller früher Bildung und Betreuung einen Ausgleich schaffen, erreiche aber nicht alle Familien in Risikolagen. Nach Joyce Epstein (2018) käme noch ein dritter Bildungsort hinzu, nämlich die Nachbarschaft, das Stadtviertel, die Kommune, gegebenenfalls mit einem Familienzentrum. Letzteres fungiere als „One-Stop“-Anlaufstelle für frühe Hilfen, Beratung, Jugendamt und den Abbau von Sprachbarrieren.

Wie kann Erziehungspartnerschaft gelingen?

Auf der Grundlage einer Willkommenskultur gehe es um niedrigschwellige Formate (z. B. Elterncafé mit Nähmaschinen), die Stärkung der Zugehörigkeit durch Elternbeteiligung (z. B. Kuchenbacken als Einstieg), mehrsprachige Apps und die Einbeziehung der Väter. Außerdem müsse man unterschiedliche Erwartungen verstehen und berücksichtigen. So sei nicht jedes stille Elternteil ein desinteressiertes Elternteil. Zum Beispiel sei es in manchen Ländern erwünscht, dass sich die Eltern aus der Kita heraushalten, oder Eltern aus Osteuropa seien oft irritiert, wenn ihre Kinder nicht mit auswendig gelernten Gedichten nach Hause kommen. Zugewanderte Eltern hätten oft hohe Ambitionen für die Bildung ihrer Kinder, wüssten aber nicht, was ihr Beitrag für die Kita sein könnte. Zu den bereits genannten Hürden für die Eltern kämen noch eine geringe Selbstwirksamkeit und wenig Erfahrung mit der Beteiligung an Bildungseinrichtungen hinzu. Bei den Kitas seien es fehlende Erfahrungen oder ungenügende Ausbildung für heterogene Elterngruppen sowie implizite Defizitannahmen gegenüber schwer erreichbaren Zielgruppen, die dazu führen könnten, dass Versuche schnell aufgegeben werden. Bei den Kommunen fehle es an Personal, für Familienzentren seien multiprofessionelle Teams und neue Organisationsformen nötig, z. B. weil eine Fachkraft nicht ständig vor Ort sein könne, sondern mehrere Familienzentren betreuen müsse. Dies erfordere auch die Bereitschaft, Ungleiches ungleich zu behandeln.

Was ist der Ertrag gelungener Partnerschaften?

Untersucht worden seien gute Praxisbeispiele wie die Early Excellence Centres in England und Deutschland, die auf eine enge Kooperation mit den Eltern setzten, das Förderprogramm Opstapje in den Niederlanden, das mit Hausbesuchen die häusliche Situation der Kinder zu verbessern suche, und das langfristig angelegte Perry Preschool Project in den USA, das habe zeigen können, dass eine frühe Förderung lebenslange positive Auswirkungen habe. Zu den Erfolgen bei Kindern zählten eine höhere Lernbereitschaft und bessere sozio-emotionale Entwicklung. Diese führten zu Entlastungen bei den Kitas. Eltern gewännen ein besseres Verständnis der Kita-Prozesse. Bei der Kommune (Jugendamt, frühe Hilfen, Beratung usw.) fiele zwar zunächst mehr Aufwand an, danach seien die entsprechenden Akteure jedoch näher an den Familien und könnten gezielter Unterstützung leisten. Durch diese Vernetzung erhöhe sich insgesamt die Chance auf mehr Bildungsgerechtigkeit.

Diskussion: Kommune, Zeit, neue Organisationsformen

In der Diskussion wurde begrüßt, dass Birgit Leyendecker die Kommune in die Betrachtung hineingebracht hat. Es wurde jedoch in Frage gestellt, dass Kinder die meiste Zeit zuhause verbrächten. Leyendecker wies darauf hin, dass dies gemäß Zeitstudien je nach Alter der Fall sei, wobei Zeit nicht nur die interaktive Zeit umfasse. Mit zunehmendem Alter verschiebe sich das Bild.

Zu den positiven Ansätzen wurde gefragt: Wer muss es hören, damit es umgesetzt wird? Ebenso wurde nach den erwähnten neuen Organisationsformen der Kommune gefragt. Leyendecker bezog sich vor allem auf die Familienzentren. Kommunen müssten sich regional vernetzen und Zuständigkeiten dort in einer einzigen Anlaufstelle konzentrieren. Dem Einwand, dass dies sich für freie Träger anders gestalte und Kita-Arbeit endlich sei, stimmte Leyendecker zu – andere Einrichtungen müssten dann übernehmen und ergänzen.

Impulsvortrag von Annegret Neugschwender, Vorsitzende des Landeselternausschusses der Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz (LEA RLP)

Annegret Neugschwender verfolgte aus Sicht der Eltern die Fragestellung, wie eine tatsächlich wirksame Partnerschaft in der Bildung und Erziehung erreicht werden kann. Diese Problemstellung gehörte zu den Ausgangspunkten einer landesweiten Befragung, die der Landeselternausschuss gemeinsam mit der Hochschule Koblenz im April/Mai 2025 durchgeführt hat und an der 1.257 Kita-Eltern teilgenommen haben. Im Zentrum stand der Zusammenhang zwischen Elternmitwirkung und Kita-Qualität. Was sind die Bedingungen dafür, dass aus einer guten Zusammenarbeit tatsächlich eine Partnerschaft auf Augenhöhe wird? Hierzu stellte Annegret Neugschwender vier Thesen vor.

These 1: Bildungsgerechtigkeit braucht Beteiligungsgerechtigkeit

Neugschwender betonte, dass Bildungsgerechtigkeit nicht nur Zugänge, Sprachförderung, Personal und Ressourcen erfordere, sondern auch Beteiligungsgerechtigkeit. Für die Wirksamkeit von Bildungspartnerschaften reiche es nicht, dass Eltern erreicht werden. Entscheidend sei vielmehr, was danach passiert. Dieses „Danach“ sei leider häufig eine Pseudobeteiligung. Der Landeselternausschuss erhalte häufig Rückmeldungen von Eltern über eine gescheiterte Mitwirkung, in der sie nichts hätten bewirken können. Die damit verbundene Hilflosigkeit von Eltern gegenüber dem Kita-System führe oft auch zu einer Radikalisierung. Eine Bildungs- und Erziehungspartnerschaft hingegen entfalte ihre Wirkung dann, wenn Eltern erleben, dass ihre Perspektive zählt und ihre Anliegen etwas bewirken. Es frage sich also nicht nur, wie Eltern erreicht werden, sondern auch, wie es ihnen Eltern ermöglicht wird, wirksam zu werden.

These 2: Eltern sind nicht nur Zielgruppe, sondern Qualitätsakteur:innen

Eltern seien Mitgestalter:innen von Qualität, die aus ihrem Familienalltag Erfahrungen mitbringen, was funktioniert und was nicht. Elternmitwirkung sei daher kein zusätzliches Angebot, sondern eine Ressource für die Qualitätsentwicklung.

These 3: Besonders benachteiligte Familien brauchen mehr Mitsprache, und nicht weniger

Für die Bildungsgerechtigkeit sei es wichtig, benachteiligte Familien einzubeziehen. In der Diskussion darüber werde jedoch oft eher die Frage danach gestellt, warum sich diese Familien nicht beteiligen würden, als danach, ob die Beteiligungsstrukturen überhaupt so gestaltet sind, dass sie für alle zugänglich sind. Im Sinne des bereits von Birgit Leyendecker genannten Grundsatzes, Ungleiches ungleich zu behandeln, bedeute auch Beteiligungsgerechtigkeit nicht, allen die gleichen Beteiligungsangebote zu machen. Wer mehr Hürden überwinden muss, brauche mehr Unterstützung beim Zugang. Wer wenig Gehör findet, brauche mehr Möglichkeiten, die eigene Stimme einzubringen.

These 4: Vernetzung braucht Augenhöhe

Durch die Vernetzung von Familien, Kita und Kommune könne mehr Bildungsgerechtigkeit erreicht werden, jedoch reiche Vernetzung allein nicht aus. Netzwerke seien oft sehr hierarchisch aufgebaut – und speziell das System Kita sei von einem Machtungleichgewicht geprägt. Familien leisteten einen großen Vertrauensvorschuss, indem sie ihr Wertvollstes in fremde Hände geben. Beteiligungsgerechtigkeit entstünde dann, wenn Familie, Kita und Kommune einander als gleichwertige Partner gegenübertreten sowie bestehende Machtgefälle thematisieren und gemeinsam gestalten.

Zusammenfassend verlangte Neugschwender mehr Schritte zu einer Mitentscheidungskultur.

Diskussion: die Haltung gegenüber der Elternbeteiligung – lästige Pflicht oder Entlastung?

In der Diskussion wurde betont, dass es für die Elternbeteiligung nicht ausreiche, den Eltern die Mitwirkung in einem „Kuchenkomitee“ anzubieten. Man solle von der Auffassung wegkommen, dass die Beteiligung etwas sei, das Kitas zusätzlich machen müssen. Eine Teilnehmerin sagte, der Vortrag entspreche genau ihrer Erfahrung in Mütterzentren – Institutionen und Familien können gemeinsam wachsen. Über das Machtgefälle, so hieß es weiter, würde meist zu schnell hinweggegangen. Dass Partnerschaft eine Frage der Haltung sei, dürfe nicht vernachlässigt werden. Dazu gehöre, sich selbst zu hinterfragen und zum Beispiel genau hinzusehen, ob die oft genannte „Augenhöhe“ wirklich bestünde. So verwies Neugschwender auf die in Rheinland-Pfalz gesetzlich sehr gut verankerte Elternvertretung, wo jedoch die Haltung der Fachkräfte oft ein Problem sei. Wo es gut läuft, werde die Elternbeteiligung von Kitas als Entlastung und nicht als Mehrarbeit angesehen. Daran solle man anknüpfen. Hinsichtlich weiterer Beispiele wurde auf positive Beispiele beim Deutschen Kita-Preis hingewiesen.

Bildungs- und Erziehungspartnerschaften seien Zweckverbindungen zum Wohle des Kindes. Wichtig sei ein Leitbild für die Kita als einem Ort, an dem alle – die Kinder, Eltern und die Fachkräfte – gerne Zeit verbringen. Damit alle dort willkommen sind, seien jedoch nicht nur mehrsprachige Informationsmaterialien notwendig; vielmehr solle Sprache als Brücke zur Kultur genutzt werden, um zu einer diskriminierungskritischen Elternarbeit zu gelangen.

Impulsvortrag von Stephanie Schaar und Mandy Winter, Leitungsteam der „Kita am Sommerbad“ in Greiz, Thüringen

Haltung und Ressourcen

Stephanie Schaar und Mandy Winter stellten ihre Arbeit in der Kita am Sommerbad vor, die 2024 mit dem zweiten Platz des Deutschen Kita-Preises ausgezeichnet wurde. Sie wiesen einleitend darauf hin, dass ihre Praxis sowie die bereits angesprochene Haltung im Sinne einer bestmöglichen Begleitung von Kindern und Familien eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Ihre Kita habe eigentlich keine besonders guten Voraussetzungen für diese Arbeit gehabt, da die Einrichtung 50 Jahre alt sei und man mit den baulichen Voraussetzungen eines älteren Gebäudes umzugehen habe. Die Kita beteilige sich aktiv an Bundes- und Landesprojekten zur Qualitätsentwicklung. Dies sei jedoch weniger wegen der Finanzen wichtig, sondern vielmehr als Legitimierung für Anliegen, die sie realisieren wollten oder bereits realisiert hatten. Dazu gehörte z. B. Sprachkita zu werden. Als städtische Kita stünden sie oft unter einer Haushaltssperre. Mit dem Landesprogramm Vielfaltkita konnten sie jedoch einen Informationstresen für Eltern einrichten und mit einer Fachkraft besetzen, denn das angemessene Begrüßen gehöre bei ihnen zur Willkommenskultur gegenüber den Eltern. Zudem sei dies eine gute Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Diese Anlaufstelle diene auch als Entlastung der pädagogischen Fachkräfte. Es gebe außerdem eine Krabbelgruppe in der Kita, die dabei hilft, Eltern schon früh zu erreichen.

Sozialraumorientierung der Kita

Die Kita sei im Sozialraum präsent, zum Beispiel mit einem Umzugswagen auf dem jährlichen Festumzug des Park- und Schlossfestes sowie auf weiteren Veranstaltungen wie dem städtischen „Suppenfest“ im Schlossgarten. Die Mitwirkung von migrantischen Eltern hätte noch weitere Migrationsfamilien in den Schlossgarten gezogen. Das Jubiläum der Kita sei im benachbarten Sommerbad durchgeführt worden, im Rahmen einer Kooperation, mit kostenfreien Getränken für die Kinder und ohne vorgegebenes Ende („wir machen kein Sommerfest von 15 bis 17 Uhr“). Zu den regelmäßigen Angeboten der Kita gehörten ein Spinncafé, Familienkino, Yoga, Stammtische oder ein Nähkurs. In anderen Kitas seien Eltern häufig angewiesen, ihre Kinder bis zu einer bestimmten Uhrzeit abzuholen und die Kita dann zügig zu verlassen haben. Die Kita am Sommerbad ginge den umgekehrten Weg und lade die Eltern dazu ein, mit ihren Kindern dort zu verweilen, einen Kaffee zu trinken sowie untereinander und mit den Teammitgliedern ins Gespräch zu kommen.

Gelingensbedingungen

Die Kita sorge für Multiprofessionalität in der Zusammensetzung des Teams, externe Fachberatung, wechselseitige Hospitationen mit anderen Kitas sowie Fortbildungen. Das größte Problem der Kita sei die mangelnde Akzeptanz des Trägers für die genannten Aktivitäten. Aufgrund der Projekte könnten sie dem jedoch entgegnen, dass sie diese Aktivitäten machen dürfen bzw. müssen. Das entspräche ihrem Leitspruch: „Hinterher um Vergebung zu bitten ist oft besser, als vorher um Erlaubnis zu fragen.“

Diskussion: Haltung, Rahmenbedingungen, Träger, Visionsgeber:innen

In der Diskussion wurde gefragt, was zu dieser Arbeitsweise befähige. Die Antwort lautete, dass es ein starkes Leitungsteam und ein starkes Team brauche. Man müsse weg von der Haltung: ‚Das haben wir schon immer so gemacht.‘ Stattdessen solle man den Blick auf das Kind und auf die Anerkennung der Eltern als Erziehungspartner:innen richten. Die Haltung sei wichtiger als die Rahmenbedingungen. Eine Teilnehmerin verwies darauf, dass sie jetzt einen Träger hätten, der Beteiligung wolle, und zusammen seien sie mehr als vorher. Außerdem seien Visionsgeber:innen wichtig, und eine Haltung für Menschen und gegen Misstrauen. Die nötige Flexibilität falle jedoch oft schwer. Für diese unorthodoxen Ansätze und die nötigen Rahmenbedingungen solle man bundesweit laut vernehmbar werden.

Schlussfolgerungen und Ausblick: Mitwirkungskultur, Familienbildung, Träger, Haltungsarbeit

Auf die Frage nach Schlussfolgerungen wurde zunächst betont, dass Eltern das Beste für ihr Kind wollen, die Infrastruktur jedoch prekär sei und gekürzt werde. Mitwirkungskultur gebe einer Einrichtung etwas Positives, man gebe Definitionsmacht und Verantwortung ab. Mitwirkung brauche Zeit, Know-how und Ressourcen seitens der Eltern und Fachkräfte, bringe jedoch einen „Return on Investment“. So verbessere Mitwirkung die Atmosphäre, und mehr Leute machten mit.

Angemerkt wurde, dass Familie als Bildungsort in der öffentlichen Debatte um frühe Bildung zu kurz käme. Familien bräuchten Unterstützung bereits vor Eintritt in die Kita. Die Kita sei auch eine Familienbildungsstätte. Franziska Oelkers betonte, dass Familienbildung in dieser Themenperiode ein wichtiger Punkt sein werde.

Was es brauche, sei eine bedarfsorientierte Steuerung. Diese sei ohne Projektmittel aktuell kaum leistbar. Die Anforderungen der Vielfaltsgesellschaft nähmen zu, gleichzeitig zögen sich Kommunen aus Programmen der Familienbildung zurück. Die Kita als ein Ort des sozialen Miteinanders sei bei verschiedenen Stellen schwer zu kommunizieren. Es komme daher darauf an, die Träger zu überzeugen und die Verantwortung der Träger und Kommunen zu schärfen.

Auch wenn das strukturelle Umfeld wichtig sei, komme es oft auf Einzelpersonen an. Die Haltung sei ein Schlüsselmoment, aber keine Selbstverständlichkeit – Menschen entwickelten sie durch ihre Erfahrung, durch Supervision usw. Es brauche Zeit, entsprechende Haltungen zu entwickeln bzw. zu ändern. Gefragt wurde: Wo und wie kann man Haltungsarbeit etablieren?

Des Weiteren sei eine Professionalisierung bei Förderanträgen in Städten oder Kreisen erforderlich, um Antragstellungen effizienter zu gestalten und Kitas hier zu entlasten.

Dokumentation der Auftaktveranstaltung am 20. März 2026 zur Themenperiode „Chancengerechtigkeit in der (frühen) Bildung: Familien und Rahmenbedingungen im Fokus“

Zusammenfassung zentraler Aussagen

Ganzheitliches Verständnis von Bildung mit dem Kind im Mittelpunkt Bildung darf nicht auf schulische Leistung und ökonomischen Nutzen reduziert werden. Bildung umfasst formale, non-formale und informelle Bildung, an der Kinder im Umfeld von Familie, Bezugspersonen, Bildungsinstitutionen und non-formalen Bildungsangeboten im gesellschaftlichen Kontext teilhaben. Bildung umfasst auch Betreuung, Fürsorge, soziale, kognitive, emotionale und sprachliche Entwicklung sowie informelle Lernprozesse in Familie und Alltag.
Soziale Herkunft beeinflusst Bildungschancen langfristig Bildungschancen werden in Deutschland weiterhin stark durch die soziale Lage und die Ressourcen von Familien beeinflusst. Unterschiede in der Teilhabe an früher Bildung zeigen sich bereits in den ersten Lebensjahren und wirken sich langfristig auf Bildungswege aus.
Familiale Anregung braucht Ressourcen Familien tragen wesentlich zur Entwicklung und Bildung von Kindern bei. Fehlende Förderung ist häufig nicht Ausdruck mangelnden Engagements, sondern Folge begrenzter Ressourcen, hoher Belastungen oder fehlender Unterstützungsstrukturen.
Ungleiche Zugänge zu frühkindlicher Bildung Frühkindliche Bildungsangebote erreichen gerade jene Familien seltener, die besonders auf Unterstützung angewiesen wären. Hohe Kosten, fehlende Plätze, regionale Unterschiede, mangelnde Informationen und diskriminierende Strukturen erschweren den Zugang.
Ungleiche Chancen bei Bildungsübergängen Bildungsübergänge sind stark durch den sozioökonomischen Status und die Erwartungen der Eltern an den Bildungsweg ihres Kindes geprägt. Für Kinder aus Familien mit niedrigem formalen Bildungsniveau ist der Zugang zu höherer Bildung weiterhin erschwert.
Bessere Rahmenbedingungen und Prävention Chancengerechtigkeit in der Bildung erfordert strukturelle und präventive Ansätze: zuverlässige frühe Förderung, kostenfreie Bildungsangebote, angemessene personelle Ausstattung, Ganztagsangebote sowie sektorenübergreifende Zusammenarbeit.
Teilhabe für Familien in Risikolagen stärken Eltern und Kinder mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen, Armutsrisiken oder Migrationsgeschichte müssen stärker in den Blick genommen werden. Für sie braucht es entsprechende Zugänge zu Unterstützung, Beratung und Bildungsteilhabe.

Veranstaltungsbericht

An der Auftaktveranstaltung der neuen Themenperiode des Bundesforums Familie „Chancengerechtigkeit in der (frühen) Bildung: Familien und Rahmenbedingungen im Fokus“ am 20. März 2026 nahmen mehr als 55 Personen aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie teil.

Franziska Oelkers vom Bundesforum Familie begrüßte die Teilnehmenden zur ersten Veranstaltung der Themenperiode, deren Thema auf dem Netzwerktreffen im November 2025 von den Vertrerter:innen der Mitgliedsorganisationen gewählt worden war.

Auftaktimpuls: Prof. Dr. Susanne Kuger: „Chancengerechtigkeit im Fokus: Familien unter Druck“

Im Auftaktimpuls der Veranstaltung sprach Prof. Dr. Susanne Kuger, Forschungsdirektorin des DJI, über die Rolle der Familien und die Auswirkungen des sozio-ökonomischen Hintergrunds auf Bildungschancen.
Einleitend erläuterte sie, Familien übernähmen eine Vielzahl von Aufgaben für das Aufwachsen von Kindern, die sowohl für die individuelle Entwicklung des Kindes als auch gesellschaftlich zentral seien: die soziale Integration, die emotionale Bindung und Stabilität, die Erziehung und Bildung der Kinder sowie deren wirtschaftlich-ökonomische Absicherung. Bei diesen Aufgaben stünden Familien heute unter großem Druck.

Enkulturation, normative und religiöse Anleitung sowie kindliche Entwicklung finde darüber hinaus in vielen sozialen Kontexten (Kita, Schule, Peergroups) statt. Mit zunehmendem Lebensalter seien somit neben der Familie Erfahrungen in Kindertagesbetreuung und Schule, Musikunterricht oder Sportverein wichtig. Das komplexe Zusammenspiel dieser verschiedenen Entwicklungsbedingungen und sozialen Systeme zeigte Susanne Kuger anhand des sozio-ökologischen Modells des Aufwachsens (Bronfenbrenner und Morris 2006). Es könne die genannten Kontexte gut erfassen und zeige, dass das Aufwachsen in sozialen Systemen vielen verschiedenen Einflüssen auf die kindliche Entwicklung unterliege, und verdeutliche, dass nicht alle diese Einflüsse steuerbar seien.

Ungleichheit per se sei hierbei nicht allein ausschlaggebend; Ungerechtigkeit entstehe erst, wenn vorhandene Ressourcen, die zur Verfügung stehen, nicht genutzt werden können (in Anlehnung an den Lebenschancen-Ansatz „Capability-Approach“). Maßgeblich für Lebensentscheidungen seien neben vorhandener Infrastruktur (Arbeitsmarkt, Technologie etc.) auch individuelle Gegebenheiten (Gesundheit etc.), sozialer Kontext (Gesellschaft, soziales Umfeld) sowie die persönliche Biografie. Ausschlaggebend für mehr Chancengerechtigkeit seien in diesen Entscheidungsprozessen Gelegenheiten zum Erreichen von individuellen Fähig- und Fertigkeiten. Diese wiederum beeinflussten Entscheidungsfähigkeit und individuelle Umsetzungsfaktoren. 

Große Unterschiede in der Teilhabe an früher Bildung

Im Folgenden ging Susanne Kuger der Frage nach, welchen Einfluss Familien auf das Aufwachsen des Kindes innerhalb dieser Systeme auf frühe Bildung haben. Studien belegten, dass Kinder aus höher gebildeten Familien häufiger frühkindliche Bildungsangebote wahrnähmen und im Alltag intensiver gefördert würden, etwa durch Vorlesen oder Gespräche. Die Daten zeigten aber auch, dass Familien mit geringerem Bildungsniveau ihre Kinder auf andere Arten förderten und unterstützten. Nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Qualität der Anregung und Unterstützung durch die Eltern, sei ausschlaggebend. Diese Unterstützung sei abhängig von familiären Lebenslagen (z. B. Bildungs- und Einkommensniveau der Eltern), welche sich wiederum auf Lebensführung und Erziehungsverhalten sowie auf die Möglichkeiten kognitiver und sozial-emotionaler Unterstützung durch die Eltern auswirkten. Elterlicher Stress, zeitliche Verfügbarkeit, Unwissenheit, Sprache oder Unsicherheiten in der Lebensführung führten hier bereits in frühen Lebensjahren zu ungleichen Anregungsbedingungen. Kuger betonte, demnach seien bei mangelnder frühkindlicher Förderung durch die Eltern oft nicht fehlender Wille, sondern fehlende Möglichkeiten entscheidend. Umso bedeutender sei für vulnerable soziale Gruppen der Zugang zu Unterstützungs- und Betreuungssystemen.

Der Bildungsbericht 2024 habe gezeigt, dass die Unterschiede bei der Inanspruchnahme von Kindertagesbetreuung bei den Kindern unter drei Jahren besonders groß seien. Für das unterschiedliche Eintrittsalter in Kita oder Kindertagespflege zeigten Studien die Erwerbstätigkeit der Mütter als ausschlaggebendes Kriterium. Außerdem seien Kinder von Eltern mit hohem Bildungsabschluss und ohne Migrationshintergrund stärker bei den Unter-Drei-Jährigen in Kindertagesbetreuung vertreten. Dadurch entstehe ein Präventionsparadox äquivalent zu den Frühen Hilfen: Die Angebote früher Bildung kämen denjenigen Familien seltener zugute, die sie am meisten brauchten.

Zudem bestünden starke länderspezifische und regionale Unterschiede sowohl bei der Abdeckung des Bedarfs durch zur Verfügung stehende Plätze als auch bei der Inanspruchnahme. Kostenfaktoren beeinflussten Kita- und Betreuungszugänge weiterhin stark. Sowohl bei den Kosten als auch beim durchschnittlichen Kindesalter beim Kitastart spielten ebenfalls regionale Unterschiede eine große Rolle. In den neuen Bundesländern sei ein früher Kitaeintritt nach wie vor weiter verbreitet als in den alten.

Eine zentrale Erkenntnis sei, dass ungleiche Bildungszugänge bereits sehr früh im Leben von Kindern eine Rolle spielen.

Bildungschancen: Eine Frage der Gerechtigkeit

Mit Blick auf den weiteren Bildungsweg lasse sich feststellen, dass diese Ungleichheit mit zunehmendem Lebensalter des Kindes weiter anwachse. So erhielten Kinder aus Elternhäusern mit hohem sozio-ökonomischen Status beim Übertritt nach der Grundschule deutlich häufiger eine Gymnasialempfehlung; das gelte auch bei Vorliegen gleicher Noten und Leistungen. So habe die Bildungsexpansion der letzten 50 Jahre nur den Anteil der Kinder mit mittel und hoch gebildeten Eltern am Gymnasium erhöht, nicht aber den Anteil von Kindern aus Familien mit niedriger formaler Bildung.

Ungleichheiten in der Unterstützung und Förderung seien auch im Bereich Spiel, Sport und Bewegung erkennbar. So nutzten Kinder mit höherem familiären Bildungshintergrund außerschulische Sport- und Bewegungsangebote häufiger. Bei Angeboten im Rahmen des schulischen Ganztags (Sport-AG) seien hingegen Kinder mit niedrigem elterlichen Bildungsniveau deutlich häufiger vertreten. Sport sei somit als wichtiger Baustein im Ganztag zu erkennen.

Sowohl für Sport und Freizeit als auch für die Betreuungsangebote gelte, dass fehlende Angebote von Eltern mit höheren Einkommen eher selbstständig ausgeglichen werden. Familien mit niedrigen Einkommen hingegen könnten sowohl einen Mangel an Freizeit- und Bewegungsangeboten als auch Betreuungslücken oft nicht kompensieren.

Die Kosten für frühe Bildung seien für die zweitärmste Bevölkerungsgruppe (60-100 % des Medians) prozentual am höchsten. Hinzu kämen Schließungen von Kitas, die von einem Tag bis zu zwei Wochen reichten und vor allem Eltern mit Einwanderungsgeschichte, Leistungsempfänger:innen und Eltern mit mehreren Risikofaktoren beträfen.

Zusammenfassend hielt Susanne Kuger fest, dass es sich bei den Unterschieden in der Teilhabe an früher Bildung nicht nur um Ungleichheit, sondern um Ungerechtigkeit handele. Die ungleichen Voraussetzungen schlügen sich schon früh (mit zwei Jahren) in der kindlichen Entwicklung nieder (in Sprach-, Sozialverhalten und kognitiver Entwicklung), und Verhaltensprobleme bei Kindern in Familien mit multiplen Belastungen kämen besonders häufig vor. Es reiche daher nicht aus, kompensatorisch nur stellenweise aktiv zu werden. Bei kumulativen Problemlagen müsse mit sektoren- und rechtskreisübergreifenden Ansätzen reagiert werden. Angesichts der sozialen Stratifizierung familialer Anregung sowie regionaler und lokaler Unterschiede in der Steuerung von Angeboten seien die Systeme in der Pflicht, Bildungszugänge und ‑teilhabe unabhängig von familialen Lebenslagen zu gewährleisten.

Diskussion

In der Diskussion wurde Kritik an der aktuellen Bildungspolitik geäußert. Entgegen der hier dargelegten Ergebnisse liege der Fokus stark auf Sprachstandserhebungen, während die frühzeitige Förderung vernachlässigt werde. Entscheidend sei eine frühzeitige, kontinuierliche Förderung, die auch Sprachförderung beinhalte, vor und nach dem Schuleintritt. Es brauche entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen für pädagogische Fachkräfte und einen Ressourcenaufbau, da dies als zusätzliche Aufgabe für pädagogische Fachkräfte nicht leistbar sei.

Rahmenbedingungen und Bildungsstrukturen verbessern

Das stereotypisierende Bild von „Eltern mit niedrigem Bildungsniveau, die sich nicht um ihre Kinder kümmern“, wurde in der Diskussion zurückgewiesen. Unabhängig vom eigenen Bildungsniveau bemühten sich die meisten Eltern sehr um ihre Kinder, seien jedoch nicht immer erfolgreich – häufig aufgrund fehlender Ressourcen wie Zeit, Geld, eigener Bildungserfahrungen oder wegen mangelnden Wissens über eine wirksame Unterstützung der Kinder. Mit den entsprechenden Unterstützungsangeboten für Eltern und Kinder könne es jedoch gelingen, Anregungsbedingungen innerhalb der Familie zu verbessern, da das Familienklima auch bei stark belasteten Familien Defizite kompensieren könne. Verbesserte Zugänge und Informationen zu Unterstützungsangeboten für Familien seien hierfür nötig.

Viele Eltern seien darüber hinaus von den hohen Anforderungen, die Schulen an sie stellten (z. B. Hausaufgabenhilfe, Ausgleich von Unterrichtsausfall und Homeschooling), überfordert. Wenn Eltern diese Anforderungen nicht erfüllen können, verstärke sich Bildungsungerechtigkeit. Statt Bildungsverantwortung auf Eltern zu verlagern, müssten jedoch strukturelle Probleme im Bildungssystem prioritär angegangen werden. Notwendig sei ein Perspektivenwechsel: weg von der Reproduktion von Bildungsungleichheit hin zu mehr Chancengerechtigkeit. Susanne Kuger betonte, es sei der falsche Ansatz, die Kinder „verbessern“ zu wollen – vielmehr müssten die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass alle Kinder faire Bildungschancen erhielten. Strukturelle Maßnahmen wie verbindliche frühe Förderangebote, kostenfreie Zugänge zu Bildungsangeboten sowie gezielte Unterstützung in benachteiligten Regionen könnten dazu beitragen.

Die Runde appellierte an die Politik, stärker auf vorhandene empirische Befunde zu reagieren: Zugangs- und Teilhabebarrieren müssten früh abgebaut, Kinder sollten stärker in den Mittelpunkt gerückt und wissenschaftliche Erkenntnisse in politische Maßnahmen übersetzt werden. Prävention müsse von allen Beteiligten neu gedacht und Familien sollten auch als wirtschaftlicher Faktor anerkannt werden. Bildungs- und Wirtschaftspolitik sollten stärker im Sinne einer Investition in Kinder und ihre Entwicklungschancen zusammengedacht und dabei auch der Bereich der frühen Bildung berücksichtigt werden.

Familie mit Behinderung und Schulabschlüsse 

Die Berücksichtigung der Sondersituation von Eltern und Kindern mit Behinderung wurde als ein wichtiges Thema im Bildungsdiskurs genannt. Als Herausforderung wurde diskutiert, wie die Bildungschancen für Kinder mit Förderbedarf oder Behinderungen trotz bestehender Barrieren gesichert werden können. Ihr Recht auf Bildung und Bildungsabschlüsse müsse sichtbarer und zugänglicher sein. Aktuell sei Inklusion in Schulen noch nicht flächendeckend vorhanden und die Frage nach dem Verbleib behinderter Kinder ohne Schulabschluss bleibe offen.

Belange von Kindern und Eltern mit Behinderung müssten auch in der Unterstützungsstruktur stärker berücksichtigt werden. Für die Eltern sollte es mehr Information und Zugänge zu rechtlicher Beratung und konkreten Antragshilfen (z. B. Hilfe bei Bildungs- und Teilhabeleistungen oder Elternassistenzen) geben. Eltern unter psychischer Belastung müssten durch frühzeitige Identifikation eines Förderbedarfs besser unterstützt werden.

Vertiefungsimpuls: Prof. Dr. Tanja Betz: Bildung(sungleichheit) zwischen Familie, Kita und Schule

Im Folgenden stellte Tanja Betz, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Kindheitsforschung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Diskussionen des (frühkindlichen) Bildungsbegriffs und dessen Aspekte in familialen Kontexten vor.

Betz bemerkte einführend, ihr Beitrag gehe von den Fragen aus, was unter früher Bildung zu verstehen ist, welchen Fokus das Bundesforum Familie darin setzen könnte und welche Zusammenhänge zwischen früher Bildung und Chancengerechtigkeit in den Blick genommen werden könnten. Sie zeigte auf, dass Bildung ein komplexer Begriff sei, der uneinheitlich definiert und eng mit gesellschaftlichen Erwartungen und politischen Rahmenbedingungen verbunden werde. Der Bildungsbegriff werde so z. B. in der Kindheitspädagogik und in Rechtsgrundlagen mit Erziehung, Förderung, Entwicklungsbegleitung und Kompetenzerwerb verknüpft, in weiteren Anwendungsbereichen seien auch noch weitere Verknüpfungen gebräuchlich. Dieser weite Verwendungsrahmen beschreibe ein großes „Feld der Uneindeutigkeit“ (Kaul et al. 2023).

All diese Begriffe beschrieben zwar in keiner Weise konkrete Beziehungen zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Eltern und Fach-/Lehrkräften. Jedoch bilde ihre Bedeutung den Rahmen, innerhalb dessen elterliche Aktivitäten wahrgenommen und beurteilt würden (Jergus 2018). Sie definierten, wie Anforderungen und Erwartungshaltungen an Familie, Eltern und insbesondere an Mütter formuliert würden. Bildungsbegriffe seien somit immer in ihrem gesellschaftlichen Rahmen einzuordnen.

Bildungskindheit

Die Bedeutung dieser gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen müsse mehr in den Fokus genommen werden. Um dem in der Bearbeitung des Themas im Bundesforum Familie Platz zu geben, stellte Tanja Betz den Begriff der „Bildungskindheit“ vor, der Kindheit insgesamt als eine Phase des Lernens und der Entwicklung verstehe – sowohl innerhalb der Familie als auch in Bildungsinstitutionen sowie außerfamilialen und außerschulischen Bildungskontexten. Diese Dimensionen seien untrennbar miteinander verbunden und stünden in wechselseitigen Einflussverhältnissen zueinander. Betz erläuterte, diese „Transformation der frühen Kindheit zur Bildungskindheit“ (Neumann 2014) stelle den größten Einschnitt in die Lebensphase Kindheit seit Einführung der allgemeinen Schulpflicht dar. Dem Konzept liege darüber hinaus ein breites Verständnis von Bildung als informeller, formaler und non-formaler Bildung, jeweils im gesellschaftlichen Kontext betrachtet, zugrunde.

Die gesamte Bildungskindheit und alle mit ihr verbundenen Akteure seien geprägt durch die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen und darin zu verortenden Ungleichheitsverhältnisse. In diesem Kontext würden Widersprüche und divergente Ansprüche deutlich: Die Ziele im Hinblick auf Bildung seitens Staat und Familie seien nicht zwangsläufig deckungsgleich. Wirtschaftliches Denken und übergreifende wohlfahrtsstaatliche Entwicklungen hätten zu steigenden Ansprüchen an Erziehung und Bildung auch im familialen Kontext geführt. Elternschaft habe eine Intensivierung erfahren und Normen der Erwartung an elterliche Anregung und Bildungsanreize stiegen kontinuierlich. Auch eigene Ansprüche der Eltern an sich selbst seien gestiegen. Familiale Bildung werde auch als Selbstpositionierung gegenüber gesellschaftlichen Leitbildern verstanden. Diese gesellschaftlichen „Imperative der Optimierung von Familie und Kindheit“ (Jergus 2018) ließen sich im elterlichen Handeln kaum realisieren und brächten viele Eltern zunehmend an ihre Grenzen.

Auch hier zeigten sich deutliche soziale Unterschiede, da nicht alle Familien über die gleichen Ressourcen verfügten, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Bezugnehmend auf das Konzept „Displaying Family“ (Finch 2007) verdeutlichte Betz, dass insbesondere für Familien, die nicht dem Bild der „bürgerlichen Normalfamilie“ entsprächen (zum Beispiel aufgrund von Armut, prekären Wohnverhältnissen, Migrationshintergrund etc.), der Legitimationsdruck steige, nach außen ein funktionierendes Familienleben und Bildungskompetenz zu suggerieren.

Innerhalb dieses Anforderungsrahmens vollzögen sich in den Familien individuelle Aushandlungsprozesse zur Umsetzung der äußeren Erwartungen, z. B. bei der Hausaufgabenbetreuung. Die Übersetzung der Bildungsanforderungen in die eigene familiale Logik werde auch in einer milieuspezifischen Erziehungspraxis deutlich: Bildungsnahe Familien suchten selbstständig Angebote der Bildung und Erziehung auf oder suchten nach Unterstützung (Beratungsstellen, Wissen, Ratgeber). Bildungsferne Milieus seien weniger proaktiv. Das daraus resultierende Präventionsdilemma verfestige dann Bildungsungleichheiten, wenn die ohnehin privilegierten Familien auf den Optimierungsdruck mit weiterer Förderung reagierten, während Familien in Risikolagen schlechter erreicht würden.

Auch das Verhältnis zwischen Bildungseinrichtungen und Eltern werde dadurch definiert: Familial ungleiche Möglichkeiten führten zu (Defizit-)Zuschreibungen. Statt einer gleichberechtigten Bildungs- und Erziehungspartnerschaft entstehe Kritik auf Seite der Bildungsinstitutionen und das Gefühl von Unterordnung und Machtlosigkeit auf Seite der Familien. Stattdessen sei es erforderlich, im Interesse der bestmöglichen Förderung des Kindes gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen. Letztlich schloss Betz, gebe es auch hier wieder große soziale Unterschiede. Es sei abhängig vom sozialen Hintergrund der Eltern, ob diese Mitsprache und Einfluss einforderten oder sich aus den Bildungssystem zurückzögen.

Diskussion

In der anschließenden Diskussion wurde betont, dass Bildung nicht auf schulische Leistungen reduziert werden dürfe. Vielmehr sollten auch informelle Lernprozesse und die Rolle der Familie stärker berücksichtigt werden. Der Begriff der Bildungskindheit wurde positiv bewertet, da er im Zusammenspiel mit der Trias Bildung, Betreuung und Erziehung ein breites Verständnis von Bildung zugrunde lege. Insbesondere in der frühen Kindheit sei der Aspekt der Betreuung im Sinne von Fürsorge für das Kind nicht zu vernachlässigen. Im Zentrum stünden das Kind und die Familie in ihrem Verhältnis zum öffentlichen System. Ein Ziel der Themenperiode solle daher sein, Familien als Akteure in Prozess zu mehr Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe in den Mittelpunkt zu stellen, um der der Bildungsleistung von Familien stärker Rechnung zu tragen.

Zudem wurde die Notwendigkeit hervorgehoben, politische Maßnahmen stärker auf die tatsächlichen Lebenslagen von Familien auszurichten und ihnen mehr Unterstützung zu bieten. Insbesondere die Herausforderungen chronisch kranker Eltern, von Familien mit Migrationshintergrund und armutsgefährdeten Haushalten müssten stärker berücksichtigt werden. Denn es sei deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen für Familien und ihre Bildungschancen wechselseitig beeinflussten. Eine stärkere Berücksichtigung familialer Risikolagen müsse im Einklang mit der Beachtung von Ressourcen, Haltungen und Kompetenzen der Fachkräfte erfolgen. Hier müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es ermöglichen, Familien und ihre Lebenslagen stärker einzubeziehen, ohne dabei andere Akteure zu überfordern.

In der anschließenden Kleingruppenphase tauschten sich die Teilnehmenden über Möglichkeiten aus, wie Familien Kinder auf ihrem Bildungsweg unterstützen können und welche Rahmenbedingungen dafür nötig sind. Dabei wurden unter anderem die Bedeutung von Prävention, der Abbau von Zugangsbarrieren zu Bildungsangeboten, die Stärkung von Familien als Bildungspartner sowie die Förderung von Inklusion und Ganztagsangeboten diskutiert.

Abschluss und Ausblick

Zum Abschluss der Veranstaltung wurden zentrale Ergebnisse zusammengetragen. Es wurde deutlich, dass Familien stärker in den Mittelpunkt gestellt werden müssen und dass Bildung als ein umfassender Prozess verstanden werden sollte, der weit über die Schule hinausgeht. Zudem wurde betont, dass strukturelle Ungleichheiten aktiv angegangen werden müssen, um allen Kindern faire Bildungs- und Entwicklungschancen zu ermöglichen. Die Teilnehmenden hoben hervor, dass es wichtig sei, die bestehenden Erkenntnisse stärker in politische Prozesse einzubringen und konkrete Maßnahmen abzuleiten.

Die Veranstaltung endete mit einem Ausblick auf die weitere Arbeit des Bundesforums Familie. In den kommenden zwei Jahren sollen die diskutierten Themen vertieft und gemeinsame Positionen entwickelt werden, um Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die Chancengerechtigkeit in der frühen Bildung nachhaltig verbessert und wie die Rolle der Familien dabei gestärkt werden kann.