Online-Fachgespräch „Wohnungslosigkeit von Familien im europäischen Vergleich “ am 03. Dezember 2020

Berlin, 03.12.2020 | Knapp 25 Teilnehmende aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie nahmen am 03. Dezember 2020 am Online-Fachgespräch „Wohnungslosigkeit von Familien im europäischen Vergleich“ der Themenperiode „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ teil.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch europaweit steigen die Zahlen wohnungsloser Familien. Vor diesem Hintergrund beleuchtete das digitale Fachgespräch das Thema der Wohnungslosigkeit von Familien aus europäischer Perspektive. Prof. Dr. Volker Busch-Geertsema eröffnete das Fachgespräch mit einer Problembeschreibung und -analyse der Lage in Europa. Leena Lehtonen, Petra Gergov-Keskelo und Wayne Stanley beschrieben die Wohnungslosenhilfe und -politik in Bezug auf Familien in Finnland und Irland sowie regionale Maßnahmen zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit von Familien.

Vortrag „Wohnungslosigkeit von Familien in Europa“
Zum Überblick fasste Prof. Dr. Volker Busch-Geertsema, von der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung, die Ergebnisse der Studie „Family Homelessness in Europe“ (European Observatory on Homelessness 2017) zusammen, welche in 14 europäischen Mitgliedstaaten durchgeführt wurde.

Prof. Dr. Busch-Geertsema führte aus, dass ein umfassender gesamteuropäischer Überblick schwierig sei, da viele Länder keine separaten Daten zur Wohnungslosigkeit von Familien erfassten. Dennoch ließe sich allgemein sagen, dass die Hilfesysteme häufig stark auf alleinstehende Wohnungslose ausgerichtet seien. Straßenwohnungslosigkeit von Familien in Europa sei eher selten.

In entwickelten Sozialstaaten gebe es eine starke Fokussierung auf das Kindeswohl und Leistungen für Familien, sodass Maßnahmen wie sozialer Wohnungsbau und weitere präventive Maßnahmen oftmals verhinderten, dass Familien wohnungslos würden. Andererseits sei ein bedeutender Anteil von wohnungslosen Familien nicht in Wohnungslosenstatistiken enthalten, da Mitwohnverhältnisse und Frauen mit Kindern in Frauenhäusern und Schutzwohnungen nicht in den Statistiken auftauchten. Somit gebe es in nicht unerheblichem Maße eine verdeckte Wohnungslosigkeit von Familien. Der Vergleich zwischen den Ländern sei generell durch die unterschiedliche Art der statistischen Erhebung und der jeweiligen Besonderheiten der Hilfesysteme sehr schwierig.

Ursachen für die Wohnungslosigkeit von Familien seien vielfältig; häufig spielten Beziehungsabbrüche und eine damit einhergehende verschlechterte sozioökomische Lebenslage oder häusliche Gewalt (in der Regel von Männern gegen Frauen) eine Rolle. Deutlich seltener sei die Wohnungslosigkeit von Familien mit Sucht oder psychischen Problemen verbunden – im Gegensatz zur Wohnungslosigkeit von alleinstehenden Menschen, wo diese Faktoren eine erhebliche Rolle spielten.

Lösungsansätze zum Problem der Wohnungslosigkeit von Familien sah Prof. Dr. Busch-Geertsema vor allem in präventiven und weniger in kurativen Maßnahmen, in der Gewährleistung eines raschen Zugangs zu bezahlbarem und angemessenem Wohnraum, in der schnellen Vermittlung in normale Wohnverhältnisse statt langer Aufenthalte in Sonderwohnformen, in der Förderung des Zugangs zu geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten mit der Aufrechterhaltung lokaler Bezüge sowie in einer besseren statistischen Erfassung von verdeckter Wohnungslosigkeit und von Wohnungslosigkeit bei häuslicher Gewalt.

Bildschirmpräsentation „Wohnungslosigkeit von Familien in Europa“ (zum Download)

 

Wohnungslosigkeit von Familien in Irland
Wayne Stanley, Öffentlichkeits- und Politikreferent der Simon Communities in Irland, gab einen Einblick in die aktuelle Situation von Wohnungslosigkeit von Familien in Irland. Er führte zunächst kurz in die Entstehungsgeschichte der Simon Communities ein, welche vor ca. 50 Jahren von einer Gruppe Studierender gegründet wurden. Die Studierenden hätten Umfragen unter Menschen durchgeführt, die von Wohnungslosigkeit betroffen waren, um den deren Bedarfe passgenau zu ermitteln. Darauffolgend wurden wohnungs- und obdachlose Menschen mit Essen und Mahlzeiten versorgt. Außerdem hätten die Studierenden die irische Regierung auf die Problematik aufmerksam gemacht. Bis zum heutigen Tag sei der Bedarf an den Aktivitäten und Angeboten – nun deutlich gewachsen und professionalisiert – der Simon Communities groß.

Stanley erklärte, dass Wohnungslosigkeit von Familien in Irland in den letzten Jahren stark zugenommen habe und dadurch ein wichtiges Thema auf der politischen Agenda sei. Seit 2014 würden regelmäßig Daten zur Wohnungslosigkeit von Familien erhoben – derzeitig seien ca. 1.100 Familien in Irland wohnungslos. Die Ursachen von Wohnungslosigkeit bei Familien seien vielfältig und hätten sich im Verlauf der letzten 50 Jahre stark verändert.

Um wohnungslosen Familien ein neues Zuhause zu bieten, habe die irische Regierung ein Programm entwickelt, welches intensiv mit Hausbesitzer*innen zusammengearbeitet, um frei gewordenen Wohnraum an Familien mit geringen Einkommen zu vermitteln. Seit 2014 seien die Zahlen immer stärker gestiegen, immer mehr Familien verlören ihr Zuhause. Ein weiteres Programm sei initiiert worden, um Familien schnellstmöglich ein neues Zuhause zu vermitteln, sodass sie wenig Zeit in Übergangslösungen verbringen müssten. Auch dieses Programm habe zwar zunächst Erfolge verbuchen können, im Anschluss seien die Zahlen von wohnungslosen Familien immer weiter und schneller gestiegen. Die bedeutendste Ursache hierfür sei, dass der Wohnungsmarkt Familien mit geringen Einkommen zu wenig Möglichkeiten biete, geeigneten und bezahlbaren Wohnraum zu finden. Stanley erläuterte, dass die Wohnungslosigkeit von Familien paradoxerweise zugenommen habe, als die Auswirkungen der Finanzkrise ab 2007 in Irland abnahmen. Dies hätte daran gelegen, dass im öffentlichen sowie auch im privaten Wohnungsmarkt kein neuer Wohnraum geschaffen wurde und die Preise für Mietwohnungen und Eigentum immer weiter stiegen. Da Irland vor allem einen privaten Mietmarkt habe, seien die Mietkosten gestiegen als der Druck auf den Markt größer wurde.

Der Anteil versteckter Wohnungslosigkeit von Familien sei auch in Irland erheblich. Familien, die ihr Zuhause verlassen müssten, fänden häufig zunächst Obhut bei Freunden und Familie, wenn sie keine bezahlbare Wohnung auf dem privaten Mietmarkt fänden. Für die irische Regierung sei die Prävention und Bekämpfung von Obdachlosigkeit ein wichtiges Thema, so seien u.a. um Straßenobdachlosigkeit zu verhindern, zunächst auch Hotelzimmer für Familien angemietet worden, die jedoch keine angemessenen Unterkünfte gewesen seien. So seien Familienunterkünfte entstanden, in denen Familien neben Schlafräumen gemeinschaftlich genutzte Räume zur Verfügung stehen, um zu kochen, Hausaufgaben zu machen etc. Durch das Angebot der Familienunterkünfte habe sich der Fokus des Regierungshandelns verändert: statt Familien ein neues Zuhause zu vermitteln, werde ihnen zunächst Platz in einer Familienunterkunft angeboten. Stanley wies auch darauf hin, dass Irland während der COVID-Pandemie auf sinkende Wohnungslosenzahlen blicken könne. Dies liege vor allem daran, dass Zwangsräumungen aktuell ausgesetzt würden. Zudem seien durch die fehlende touristische Nutzung allein in Dublin 9.000 Airbnb-Wohnungen wieder auf dem Wohnungsmarkt verfügbar. Auch die Simon Communities nutzten solche Wohnungen um Familien Obdach zu bieten. Zusammenfassend unterstrich Stanley, dass vor allem bezahlbarer Wohnraum für Familien geschaffen werden müsse, um Familien in Irland vor der Wohnungslosigkeit zu bewahren.

Bildschirmpräsentation „Family Homelessness in Ireland“ (zum Download)

 

Wohnungslosigkeit von Familien in Finnland
Im Anschluss sprachen Leena Lehtonen, Projektmanagerin der Y-Stiftung und Petra Gergov-Keskelo, Projektberaterin bei der Federation of Mother and Child Homes and Shelters über Wohnungslosigkeit von Familien in Finnland. Die beiden Referentinnen arbeiten gemeinsam an dem Projekt „NEA – Securing Housing for Women“, dem ersten Projekt in Finnland, das auf die Bedarfe und Probleme von wohnungslosen Frauen zugeschnitten ist. Das Ziel des Projektes sei es, Wohnungslosigkeit von Frauen zu beenden indem sie unterstützt würden, ein Zuhause zu finden und zu sichern.

Finnland sei das einzige EU-Land, wo die Wohnungslosenzahlen in letzter Zeit gesunken sind. Basierend auf der europäischen Initiative „Housing First“ würden nationale und regionale Strategien gegen Wohnungslosigkeit erarbeitet und umgesetzt. Beispielsweise gebe es landesweit es ein Netzwerk an Wohnberatungsstellen, dessen Service vor allem auch viele Familien nutzten. Grundsätzlich habe Finnland ein starkes Sozialsystem, das z.B. für die Miete aufkomme, wenn Menschen arbeitslos seien. Während die Anzahl der Wohnungslosen insgesamt abnehme, steige allerdings die relative Zahl von wohnungslosen Frauen, was auch ein Grund für das NEA-Projekt sei. Unter Familien seien vor allem Ein-Eltern-Familien besonders betroffen von Wohnungslosigkeit, jedoch fehlten auch in Finnland genaue Zahlen. Wie auch in Irland, seien die Hauptursachen für Wohnungslosigkeit von Familien Finanzprobleme und steigenden Mietpreise. Vor allem in Städten gebe es zu wenig bezahlbaren Wohnraum für Familien. Derzeitig seien Familien in der Wohnungslosenhilfe nicht im Fokus, sodass wenig Familienunterkünfte bestünden sowie Strategien fehlten, wie Familien ein neues Zuhause bekämen, wenn sie einmal wohnungslos geworden seien.

Petra Gergov-Keskelo führte aus, wie die Federation of Mother and Child Homes and Shelters Familien Schutz und Unterstützung in schwierigen Zeiten anbiete. Dabei liege das Augenmerk vor allem auf dem Wohlergehen der Kinder. Neben der Etablierung von Austausch unter Betroffenen würde auch Beratung und Obdach für Familien in Problemlagen angeboten werden.

Bildschirmpräsentation „Homeless Families in Finland“ (zum Download)

 

Abschließende Diskussion
Im anschließenden regen Austausch der Teilnehmenden wurde verschiedene Punkte mit den Referent*innen diskutiert. So wurde darauf hingewiesen, dass es vor allem für Familien mit erwachsenen Kindern oder Kindern mit Behinderung als auch für große Familien schwierig sei, ein passendes neues Zuhause bzw. auch nur eine Übergangswohnung zu finden. Hingewiesen wurde auf Frauen mit Kindern in Frauenhäusern. Diese fänden dort zwar Schutz, gingen jedoch derzeitig nicht in die Wohnungslosenstatistiken ein, weil sie offiziell Wohnraum verfügten, der jedoch durch den Täter bewohnt werde. Hinsichtlich des Übergangs vom Frauenhaus auf den Wohnungsmarkt wurde sich von den Teilnehmenden für eine deutlich bessere Unterstützung und Begleitung der Frauen und Kinder ausgesprochen. Zusätzlich wurde darauf hingewiesen, dass für manche Familien vor der Wohnungslosigkeit auch in den eigenen vier Wänden unwürdige Lebensumstände vorliegen könnten, z.B. wenn Strom oder Gas etc. auf Grund von unbezahlten Rechnungen abgeschaltet würde. Solche Zustände gelte es ebenso wie Zwangsräumungen bei Familien mit minderjährigen Kindern wenn möglich zu verhindern. Abschließend wurde resümiert, dass eine deutlich bessere Versorgung von Familien mit adäquatem und für sie bezahlbarem Wohnraum unabdingbar sei, um Familien vor Wohnungslosigkeit bzw. vor dem Verbleib in Übergangswohnformen zu bewahren.

Fachforum „Familien im Fokus kommunaler Infrastruktur: Beteiligung, Bedarfe und Angebote“ am 14. September 2020

Berlin, 14.09.2020 | Knapp 40 Teilnehmende aus den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie kamen am 14. September 2020 im Refugio Berlin zum ersten Fachforum der Themenperiode „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ zusammen. Das grundlegende Ziel des Fachforums war es, folgende Fragestellungen zu erörtern:

1. Welche Bedarfe haben Familien innerhalb einer kommunalen Infrastruktur?
2. Welche Strukturen braucht es vor Ort, um diese Bedarfe erfolgreich umzusetzen?

Nach Praxisimpulsen aus Emden, Berlin-Lichtenberg und dem Kyffhäuserkreis diskutierten die Teilnehmenden in drei Workshops zu Familienbüros, Beteiligung von Familien und integrierter Kommunalentwicklung.

Einführung „Gemeinsam Denken, übergreifend Handeln – Integrierte Kommunalentwicklung“

Zu Beginn des Fachforums führte Markus Kissling, Vorsitzender der BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, in das Konzept der integrierten Kommunalentwicklung ein. Herr Kissling betont, dass Kommunen stets extern bedingten Veränderungen unterworfen seien (durch z.B. Megatrends wie Urbanisierung, Globalisierung, Konnektivität), sodass auch Verwaltung agiler und flexibler werden müsse, um der sich schneller verändernden Umwelt sowie den entsprechenden Anforderungen der Bevölkerung gerecht zu werden.

Um diesen neuen Anforderungen besser entsprechen zu können, sei das Konzept der integrierten Kommunalentwicklung gut geeignet. Zentraler Bestandteil dieser sei, dass bereichsübergreifend gedacht und gehandelt wird. Dies stünde vor dem Hintergrund der Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt, die 2007 von 27 für Stadtentwicklung zuständigen Minister*innen verabschiedet wurde. Ein integriertes Handlungskonzept, in dem die Bedürfnisse der Bürger*innen zentral stehen und ressortübergreifend an der Entwicklung von Lösungen gearbeitet wird, könne eine Antwort auf sich immer schneller verändernde Strukturen sein. In der Umsetzung vor Ort, in Stadtteilen, Dörfern und Quartieren wäre die Gemeinwesenarbeit das praktische Handlungskonzept, um die Bewohner*innen in diese Prozesse einzubeziehen und zu aktivieren.

Video Markus Kissling:

Praxisimpulse

Drei Vortragende aus unterschiedlichen Regionen gaben im Anschluss einen Einblick in ihre Arbeit mit Familien vor Ort. Dabei wurde deutlich, dass die Kommunen teils vor ähnlichen, aber teils auch vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen stehen, oft bedingt durch ihre unterschiedlichen räumlichen Lagen sowie Größe. Egon Philipps aus der Stadt Emden in Niedersachsen, Elke Schnabel aus dem Kyffhäuserkreis in Thüringen und Frank Roll aus dem Bezirk Lichtenberg in Berlin präsentierten jeweils die Ansätze aus ihren Kommunen, mit denen Familien eingebunden und eine möglichst familiengerechte Infrastruktur vor Ort etabliert werden könne.

Stadt Emden
Egon Philipps, Leiter des Fachdienstes Gemeinwesen der Stadt Emden, stellte die Etablierung und Institutionalisierung von Gemeinwesenarbeit auf der kommunalen Ebene in Emden in das Zentrum seiner Ausführungen, sowie deren Anwendung auf Angebote für Familien. Emden ist eine kreisfreie Stadt im Nordwesten von Niedersachsen und die größte Stadt Ostfrieslands. Mit knapp 50.000 Einwohner*innen gehört sie zu den Mittelstädten Deutschlands.
2019 hat die Stadt Emden den Fachdienst „Gemeinwesen“ eingeführt, der die soziale Situation in den Stadtteilen stärken und begleiten soll. Die Arbeit des Fachdienstes orientiere sich an den Bedürfnissen der Bewohnerschaft – sie aktiviert die Bürger*innen, sie vernetzt und entwickelt Kooperationen in den Stadtteilen/Quartieren. Letztlich ginge es darum die Lebensqualität der Bewohner*innen in den Quartieren zu verbessern indem alle Aktivitäten auf deren Bedarfe abgestimmt würden. Die Mitarbeitenden des Fachdienstes seien das Bindeglied zwischen den Interessen und Aktivitäten der Bewohner*innen und den Ressourcen der Stadt, sie fördern und gestalten Aushandlungsprozesse zwischen Entscheidungsträger*innen und Bürger*innen. In den Stadtteilen würden sie die Vernetzung und Kooperation zwischen den Akteur*innen vor Ort, um vorhandene Ressourcen sichtbar werden zu lassen und zu stärken, fördern.

Video Egon Philipps

Thomas Sprengelmeyer, Leiter des Fachbereichs Jugend, Schule, Sport der Stadt Emden, erläuterte in einer kurzen Videobotschaft wie Familien in ihrem Sozialraum von einer integrierten Kommunalentwicklung profitieren: Im Zentrum stehe der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Bedarfen. Diese würden vor allem im Quartier sichtbar, wo Menschen in ihrem Sozialraum leben. Bedarfsgerechte Ergebnisse würden jedoch nicht allein dadurch erzielt, die Datenlage zu analysieren, sondern indem mit den Menschen vor Ort diskutiert und sie nach ihrer Meinung gefragt würden. Er betonte, dass Familien nach wie vor eine zentrale Rolle in Kommunen einnehmen würden. Die Aufgabe der Verwaltung sei es zu untersuchen, welche Lebensbedingungen es gebe und was Familien in ihren Sozialräumen bräuchten – und zwar vom Säugling bis ins höhere Alter. Was kann die Kommune beitragen, diese Sozialräume für Familien förderlich zu gestalten? Gemeinsam mit den Familien und Akteur*innen vor Ort müsse die Kommune sich überlegen, wie Schulen, Kindertageseinrichtungen, etc. unterstützt werden könnten und welche Angebote im Stadtteil notwendig seien.

Video Thomas Sprengelmeyer

Bezirk Lichtenberg von Berlin
Im Anschluss stellte Frank Roll, Mitarbeiter des Jugendamtes Lichtenberg, die Angebote für Familien in seinem Bezirk vor. Lichtenberg ist der elfte Verwaltungsbezirk von Berlin und hat ca. 295.000 Einwohner*innen, seit der Bezirksfusion zwischen Hohenschönhausen und Lichtenberg 2001 stetig steigend. Lichtenberg vereint 13 Stadtteile, die zum Bezirk zählen.
Kern der Lichtenberger Familienangebote nach § 16 SGB VIII seien die 18 Familienzentren und -treffs. Sie hielten ein Mix aus offenen Angeboten, Kursen und Einzelberatungen vor, wie z.B. Krabbelgruppen, Nähkursen, Festen aller Art bis hin zu konkreten Hilfestellungen in belastenden Lebenslagen. Ergänzt würden die Familienzentren/-treffs um Projekte mit spezifischen Themenstellungen wie z.B. die aufsuchende Elternhilfe, die aufsuchende vietnamesische Familienberatung, Familienhebammen, Schreibabyambulanz, qualifizierte Elternarbeit an Schule u.v.m.
Lichtenberg beziffert 32 Sozialräume in denen die Angebote für Familien ausgewogen verteilt und Mittel vergeben werden sollen. Kennzeichnend für den Bezirk sei die intensive Vernetzung der Projekte über die Familienförderung hinaus mit Angeboten der Jugendförderung, der Kultur, der Stadtteilarbeit und der Gesundheitsangebote. Dazu würden Netzwerke für Familienförderung und Frühe Hilfen finanziell gefördert.
Seit 2017 gibt es in Lichtenberg, angegliedert an das Jugendamt, das Familienbüro Lichtenberg. Seine wesentlichen Aufgaben bestünden aus der Auskunfts-, Lotsen-, und Beratungsfunktionen für unterschiedliche familienbezogene Leistungen und Angebote im Bezirk. Das Bezirksamt kooperiert hierfür mit einem freien Träger, der pad gGmbH. Die Leistungen würden somit von zwei Verwaltungsmitarbeitenden und zwei Sozialarbeiter*innen erbracht. Seit Eröffnung des Familienbüros würden die Beratungsgespräche pro Monat stetig zunehmen. Vor der Corona-Pandemie suchten 1.100 Menschen monatlich das Familienbüro auf. Als Weiterentwicklung des Angebots seien nun dezentrale Anlaufstellen des Familienbüros in Zusammenarbeit mit etablierten Familieneinrichtungen in den Quartieren geplant.
Zudem betonte Frank Roll, dass in Lichtenberg überproportional viele Alleinerziehende wohnen würden. Hier sehe der Bezirk akuten Handlungsbedarf und baue seine Angebote bedarfsgerecht aus, zum Beispiel durch flexible Kinderbetreuung und spezielle Programme, die den Neu- bzw. Wiedereinstieg in Arbeit unterstützen. Auch erläuterte er, dass das Bezirksamt Wirksamkeitsdialoge mit den freien Trägern durchführe, um die Bedarfe, die Angebote und die Zielgenauigkeit der Projekte zu evaluieren und ggf. Anpassungen vorzunehmen.

Video Frank Roll

Kyffhäuserkreis
Abschließend präsentierte Elke Schnabel, Mitarbeiterin des Dezernats Soziales, Jugend, Gesundheit und Arbeit sowie Netzwerkkoordinatorin „Frühe Hilfen und Kinderschutz“ im Kyffhäuserkreis, die kommunalen Familienangebote ihres Landkreis im Norden von Thüringen. Die knapp 75.000 Einwohner*innen des Landkreises machen ca. 3,5% der Gesamtbevölkerung Thüringens aus. Geprägt durch große landwirtschaftliche Flächen kommen auf 1 km² 72 Einwohner*innen. Die Bevölkerungsprognose bis 2035 sagt eine stark schrumpfende Bevölkerungsgröße voraus. Derzeitig werde davon ausgegangen, dass im Jahr 2035 19,7% weniger Menschen als 2019 im Kyffhäuserkreis wohnen werden.
2014 hat der Kyffhäuserkreis im Rahmen des Audits „Familiengerechte Kommune“ folgenden Familienbegriff für sich definiert: „Der Kyffhäuserkreis versteht sich als familiengerechter Kreis für alle Generationen. Familie ist zentraler Ort, in dem Lebenschancen entstehen, ein emotionaler Schutzraum gegeben ist und Bindungsfähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten entstehen. Familie existiert in verschiedenen Formen und Lebensmodellen in unterschiedlichen Generationen. Familie kann ohne Kinder gelebt werden.“ Auf Grund der alternden Bevölkerung wurde dem Familienbegriff folgendes hinzugefügt: „Senior*innen sind alle Personen ab 60 Jahre. Hierbei wird der Blick insbesondere auf Personen mit besonderem Hilfebedarf und Personen die noch im Erwerbsleben stehen, gerichtet.“
Konkret bedeute dies, dass der Kyffhäuserkreis sich bemühe, auf Basis von Bevölkerungsbefragungen seine Angebote an die Bedürfnisse anzupassen und Akteur*innen vor Ort zu vernetzen. Der Kreis strebe auch landkreisübergreifende Kooperationen an, da Bewohner*innen an den Rändern des Landkreises ihr Leben stärker dahin ausrichten, wo Infrastrukturen vorhanden seien.
Frau Schnabel stellte besondere Leuchtturmprojekte vor, wie z.B. den „Dorfkümmerer“, der die lokalen Akteur*innen untereinander vernetzt und die Angebote für die Zielgruppe sichtbar mache. Die Thüringer Eltern-Kind-Zentren, Kindertageseinrichtungen mit besonders ausgeprägter Familien- und Sozialraumorientierung, würden im Rahmen einer Landesstrategie durch den Freistaat Thüringen entwickelt, ausgebaut und gefördert. Sie arbeiteten mit einem integrierten Ansatz, um Familien bedarfsgerecht zu unterstützen und seien Leistungserbringer örtlicher Jugendhilfeplanung. Auf Grund der ländlichen Strukturen gebe auch es mobile Kinder- und Jugendarbeit, mobile Erziehungsberatung sowie einen Servicebus für Bürger*innen. Schulsozialarbeiter*innen seien an allen Schulen Teil des Kollegiums. Zudem seien kreisweit Informationsmaterialien, abgestimmt auf unterschiedliche Zielgruppen, z.B. Eltern mit Kindern und Senior*innen, entwickelt worden.

Video Elke Schnabel

Drei parallel stattfindende Workshops

Integrierte Kommunalentwicklung
Eine Vertiefung in das Thema der integrierten Kommunalentwicklung fand im Workshop mit Markus Kissling, dem Vorsitzenden der BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, statt. Die Teilnehmer*innen diskutierten vor allem, in wie fern das Konzept für die Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie, als größtenteils familienpolitisch aktive Fachverbände, von Nutzen sein könnte. Herr Kissling betonte die Bedeutung der bereichsübergreifenden Arbeit in Politik und Verwaltung und hob hervor, dass es als Grundlage eine übergreifende Strategie bräuchte, die für diese bereichsübergreifende Arbeit leitend sei. Diese Strategie solle in partizipatorischer Arbeit mit allen Akteur*innen, also auch den Bewohner*innen selbst erarbeitet werden. Das Einbeziehen der Bewohner*innen, die damit als Expert*innen ihres Lebensumfeldes anerkannt und einbezogen werden, sei ein zentraler Baustein. Ebenso brauche es öffentliche Räume als Anlauf- und Begegnungsorte. Das Konzept der Gemeinwesenarbeit sei eine Methode, diese Punkte umzusetzen und zu moderieren.
Die Teilnehmenden des Workshops unterstützen den Gedanken einer bereichsübergreifenden Strategie. Diese müsse aus Sicht der Teilnehmenden die Familien in den Mittelpunkt stellen. Eine entsprechende Strategie könnte zur Folge haben, dass stadtplanerische Elemente besser aufeinander und besser auf Familien abgestimmt seien. Dies gelte sowohl für potentielle Bauvorhaben (Spielplätze) als auch für familienunterstützende Infrastrukturleistungen. Letzteres sei auch deshalb sinnvoll, weil Familien oftmals Zeit durch zahlreiche Behördengänge verlören, jedoch für Familien nicht zuletzt Zeit ein wichtiger Faktor im Familienleben sei.

Familienbüros als Baustein kommunaler Familienpolitik – Typen, Aufgaben, Beispiele
Isabel Wieland, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Vereins „Familiengerechte Kommune“, stellte die unterschiedlichen Typen und Aufgaben von Familienbüros im zweiten Workshop vor. Deutlich wurde hierbei vor allem die Vielfalt der Schwerpunkte der vorgestellten Familienbüros.
Das gemeinsame Ziel von allen Familienbüros sei jeweils, Bürgernähe herzustellen, die Servicequalität für Familien zu erhöhen sowie Synergien sowohl zwischen Bürger*in und Angeboten als auch zwischen den Angeboten selbst herzustellen. Die Aufgaben der jeweiligen Familienbüros variierten innerhalb dieser Zielstellung je nach Schwerpunkt und reichten von der Bedarfsermittlung, Netzwerkarbeit, Öffentlichkeitsarbeit bis zu konkreten Beratungsangeboten von Familien.
Auch die Trägerschaften der Familienbüros kann sehr unterschiedlich ausfallen. Diese liege in der Praxis entweder bei der Kommune selbst oder bei sozialen Organisationen. Vorgestellt wurden im Workshop Familienbüros der Städte Bochum, Görlitz, Dortmund und Stolberg.
Festgehalten wurde, dass für Familienbüros vor allem befristete Stellen große Herausforderungen sind, da mit befristeten Stellen eine Nachhaltigkeit nicht gesichert werden könne. Zudem gäbe es keine klaren Vorgaben für die Umsetzung vor Ort. Weiterhin wurden Interkulturalität sowie die Ansprache aller Familien als Herausforderungen genannt. Zusätzlich seien in diesem Jahr Corona und damit verbunden die Arbeit und den Austausch mit Familien auf digitale Formate umzustellen als Barriere hinzugekommen, die überwunden werden müssen.

Familien vor Ort aktivieren und beteiligen
Britta Kreuzer (LAG Soziale Brennpunkte Niedersachsen e.V.) diskutierte mit den Teilnehmenden des dritten Workshops, wie Familien vor Ort aktiviert beteiligt werden können und warum dies notwendig ist, bzw. welche positiven Auswirkungen dies auf die Kommune hat.
Sie erläuterte, dass Gemeinwesenarbeit eine Methodik sei, wie die Bedarfe der Bewohner*innen in die Planung integriert und Lösungen für Herausforderungen fachamtsübergreifend entwickelt werden können. Gemeinwesenarbeit stimuliere die Selbsthilfe der Bewohner*innen und entwickele ressourcenorientiert neue Angebote bzw. vernetze die Anbieter*innen von Angeboten. Sie sei aktivierend und fragt nach anstatt davon auszugehen, dass Bürger*innen sich von selbst melden. Dies sei ein wichtiger Weg, um möglichst viele Bürger*innen zu erreichen.
Die Teilnehmenden des Workshops bestätigen diese Ansätze aus den Erfahrungen in ihrer persönlichen Arbeit. Auch wenn grad Kinder- und Jugendbeteiligung ja eigentlich gesetzlich festgeschrieben sei, würde dies oft nur unzureichend umgesetzt. Es wurde betont, dass die Aktivierung und Beteiligung von Familien auch eine Frage der Haltung sei:

  • Partizipation sollte kein Selbstzweck sein, sondern die Bedarfe im Blick haben und darauf abgestimmte Methoden verwenden
  • Es sollte prozess- und ressourcenorientiert vorgegangen werden, nach dem Leitsatz: „Alle, die da sind, sind richtig“
  • Beteiligung sollte eingefordert werden können über z.B. aktivierende Befragungen, gemeinsame Veranstaltungen wie Kochen, Sport etc. oder Erkundungen
  • Schlüsselpersonen im Quartier müssten gefunden werden, die als Lots*in, Übersetzer*in bzw. Türöffner*in fungieren
  • Räume für Themen, Begegnung und Austausch müssten ermöglicht und aktiv gestaltet werden

Für eine bedarfsgerechte Planung von Angeboten im Quartier brauche es eine offene Haltung und Möglichkeiten zur echten Beteiligung, einen integrierten Ansatz und Netzwerke auf lokaler und kommunaler Ebene sowie Mut, Lust und Offenheit zum Ausprobieren, Lernen und Anpassen von Prozessen.

Abschließende Blitzlichter im Plenum

Der abschließende Austausch zeigte auf, dass das Konzept der integrierten Kommunalentwicklung durchaus weiterführend diskutiert werden könnte, vor allem aus der Perspektive der Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie, die ja hauptsächlich familienpolitisch aktiv sind: Wie könnte die Arbeit der Mitgliedsorganisationen von Ideen der integrierten Kommunalentwicklung profitieren? Im Umkehrschluss aber auch: Was könnten die Mitgliedsorganisationen dazu beitragen, dass Kommunen dieses Konzept übernehmen? Hinsichtlich der Familienbüros wurde angeregt, eine einheitliche Definition und Bedingungen zu formulieren, die Familienbüros erfüllen müssen, damit keine Parallelstrukturen zu anderen Angeboten entstünden. Es wurde betont, die Beteiligung von Familien ernst zu nehmen und sich aktiv dafür einzusetzen, auf Familien zuzugehen und nicht darauf zu warten, dass sie mit ihren Fragen kommen.

11. Mai 2021, Berlin: „Gemeinschaftliches Wohnen für Familien – Zukunft des Zusammenlebens?“ Fachforum des Bundesforums Familie

In den Städten wird der Wohnraum immer knapper. Dies stellt Stadtplaner*innen und Architekten*innen vor die Herausforderung, ausreichend bezahlbaren Wohnraum und die entsprechende Infrastruktur in Städten zu schaffen. Nicht zuletzt geht es bei der Zukunft der Städte auch um nachhaltige Energiekonzepte und um Umweltschutz. Auf der anderen Seite stehen ländliche Räume vor der Herausforderung, für die Bevölkerung attraktiv zu bleiben, unter anderem durch die Sicherung der sozialen und technischen Infrastrukturen und der Gestaltung lebenswerter Orte. Die Rolle junger Menschen und Familien als Gestalter*innen ihres Lebensraums wird von zentraler Bedeutung um die Attraktivität ländlicher Regionen zu gewährleisten bzw. zu steigern. Vielerorts können neue und alternative Wohnformen beobachtet werden: Cohousing, Tiny Houses, Ökodörfer, Mehrgenerationenwohnen, Wohnen für Hilfe, Autofreies Wohnen, Mietshäusersyndikat etc. In diesem Fachforum geht es um die Fragen: Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Wie kann gutes und bedarfsgerechtes Wohnen für Familien in allen Lebensphasen gestaltet werden? Welche zukunftsträchtigen Vorbilder und Inspirationsquellen gibt es?

Das letzte Fachforum der Themenperiode „Familie, Wohnen und kommunale Infrastruktur“ (2020-2021) bearbeitet den Themenkomplex „Gemeinschaftliches Wohnen für Familien – Zukunft des Zusammenlebens?“ und findet am 11. Mai 2021 in Berlin statt. Eine Ad-Hoc-AG, zusammengesetzt aus Mitgliedern des Bundesforums Familie, bereitet die Veranstaltung gemeinsam mit der Geschäftsstelle vor und nach.

Die Teilnahme am Fachforum ist den Mitgliedsorganisationen des Bundesforums Familie vorbehalten. Eine Einladung mit allen Details zur Veranstaltung wird rechtzeitig vor der Veranstaltung versandt.